Amnesie mit Methode – Uraufführung von Lucia Ronchettis Oper „Esame di mezzanotte“ in Mannheim


(nmz) -
Dass bei einer Prüfung den Delinquenten das Gedächtnis im Stich lässt, ihm ein „Gedankenschlag“ Angstschweiß ins Genick oder rote Flecken an den Hals treibt, gehört zu den häufigen Nebenerscheinungen der gebräuchlichen Evaluierungssysteme. Versagensängste sind freilich nicht erst treue Begleiterinnen der aktuell gesteigerten „Aufmerksamkeitskultur“, bei der sich fortdauernd Leute öffentlich produzieren, die hierfür nicht unbedingt prädestiniert sind. Sie waren dies bereits in der traditionellen autoritativ strukturierten Gesellschaft. Auch diese erwählte schon vorsätzlich und fortgesetzt überforderte Menschen.
03.06.2015 - Von Frieder Reininghaus

Die Bugwelle der Angst kann Alpträume auslösen. Auch das gehört zu den Erfahrungen des Lebens. Ermanno Cavazzoni hat das Alptraumatische exzessiv genutzt. Sein Roman „Mitternachtsabitur“ führt Vorahnungen und Vorab-Vibrationen vorm kleineren oder größeren Auftritt in heiterer und turbulenter Form vor. Das vom Romancier selbst aus „La tentazioni di Girolamo“ eingerichtete Libretto begleitet den zum Staatsexamen angemeldeten Giro Lamenti in die Untiefen surrealer Situationen: Im Vorfeld einer plötzlich nächstens anberaumte Prüfung wird er mit absurden Fragen des Chors konfrontiert. Er wird in die Tiefen eines historischen Raums gelockt, der auf unbestimmte Weise auch vom Wüstenheiligen Hieronymus erfüllt wird, und gelangt in unterirdische Labyrinthe, die als Bibliothek ohne erkennbaren Gebrauchswert fungieren. Cavazzoni komponierte Surrealismus in der Nachfolge von Aldo Palazzeschi, der vor hundert Jahren en vogue war und dessen „Perelà – uomo del fumo“ Pascal Dusapin 2003 mit Musik versah.

Dem Bücherwissen sowie seiner inneren und äußeren Bedrohung – es ist ein fortdauernd virulentes Thema – gilt gesteigerte Aufmerksamkeit. Die langjährig bewährte Symbol- und Bildwelt Achim Freyers trägt dem weitgehend Rechnung. So manches wächst aus geschlossenen oder aufgeblätterten Büchern – vornehmlich Mädchenköpfe. Durch die dem überbordenden Bild-Konglomerat aufgepfropften Video-Einsprengsel von Benjamin Jantzen und Thilo David Heins kommen Zitate aus Wochenschau-Beiträgen vom Mai 1933 hinzu. Sie zeigen noch einmal die sattsam bekannten Bilder der spektakulären Verbrennung missliebiger Literatur, die die NSdAP mit Hilfe der Deutschen Studentenschaft auf dem Berliner Opernplatz inszenierte. Als hätten religiös-politische Fanatiker in der Geschichte Italiens nicht genügend Scheiterhaufen errichtet und auf ihnen nicht gerade auch Bücher, Schriften oder Musikalien aus der Welt geschafft und damit versucht, großes Vergessen zu befördern! Der Bildexkurs in die völkisch erweckte deutsche Hauptstadt erscheint wohlfeil. Allerdings vermag sie keine heutigen Bedrohungsdimension anzuvisieren.

Doch erst einmal stimmt Matthew Shaw als Hase Giro vorm Orchestergraben im gepunkteten Trainingsanzug auf eine Komödie ein – mit putzigen Sprüngen und ständig verdrehten Augen. Er klagt, mitten in der Nacht erwacht zu sein, weil rückwirkend sein Abitur für ungültig erklärt und er für den nächsten Morgen zur Nachholprüfung einbestellt wurde. Aber er habe alles jemals Gelernte vergessen. Shaws hohe Stimme unterstreicht das Groteske (hier also hat die in so gut wie allen neueren Opern obligate Counterstimme eine plausible Funktion).

Nur ein Zettel gibt dem unzuverlässigen Gedächtnis einen letzten Funken mit auf den verworrenen, mithin anstrengenden Weg der Suche nach einer Lösung aus dem Dilemma – nur „… des 20. Jahrhunderts“ ist zu lesen. Am Ende der Löffel des falschen Hasen leuchten Positionslichter. Ein Doppelgänger auf einem Plateau in höheren Regionen der Bühnen-Installation sekundiert dieser Art zappeligen Bühnen-Humors. Choristen und Orchester-Mitglieder sind halbwegs sichtbar hinter Tüll-Vorhängen, der mit einer Spirale aus breiten dunklen Pinselstrichen geschmückt wurden und mit verbeultem Wasserrohr. Aus den Reihen der Musiker ragen Jäger-Hochstände für weitere Akteure auf. Das vielgestaltige und bunt tönende Personal begleitet den Weg zu einer labyrinthischen Bibliothek, die zwischen 20 und 8 Uhr geöffnet ist. Belebt wird das nächtliche musikalische Treiben mit dem aus früheren Freyer-Inszenierungen sattsam bekannten Figuren- und Motivreigen (aus geometrischen Figuren abgeleitete Hüte, umfunktionierte Alltagsgegenstände wie Kleiderbügel, Nürnberger Trichter und Subventionsgießkanne, weibliche Pappbrüste und Phallussymbole).

Die Abfallwasserrohre mit Sicker-Vorrichtung sind symbolisch zu nehmen („Gedächtnis wie ein Sieb“). Ebenso das Herausragen der Aktionspodien für den Bibliotheksdirektor sowie dessen Assistenten Santoto und Fischietti beziehungsweise einen musikalisch in hervorgehobener Funktion sekundierenden Oboisten. Allesamt sind sie „Lustige Personen“ eines historisch gefärbten Theaters, in viel zu großer Hose gesteckt oder in einen zauberisch anmutenden Goldglitzeranzug. Aus dem Gewühl der Musik ergeben sich Fragen zum möglichen Prüfungsstoff: Wer erfand den Stacheldraht? Wie schwer ist ein Kilo Wolle? Wie heißt die Hauptstadt von Rom? Das erinnert an Geschichtslehrer, die am Mittagstisch prahlen, sie hätten mit der Frage, wie lange der 30jährige Krieg gedauert habe, Prüflinge ins Bockshorn gejagt. Nicht nur Lehrerkinder finden dies dröhnend witzig.

Glücklich ist, wer vergisst?

Lucia Ronchetti und das Realisierungsteam ihrer Oper brachten singende Kinderköpfe auf der Bühne, die mit Buchseiten wie weißen Krägelchen gerahmt wurden. Das trifft auf Zuspruch bei jenen Teilen des Publikums, die dergleichen wieder lieber anschauen als Blut, Schweiß, Sperma, Trash oder gar Motorsägen. Sämtliche Grundlagen des neuen Mannheimer Unterhaltungstheaters sind grundordentlich und jugendfrei. Die der Produktion zugrunde liegende Partitur prunkt ohnedies mit wohltemperierter Bildungsbürgerlichkeit. Gut 30 Prozent des Notenmaterials wurden aus alten Madrigalbüchern, Oboen-Konzerten des 18. Jahrhunderts, Verdis Requiem oder „Don Carlo“, Banda- und Zirkusmusik etc. abgekupfert und dann mehr oder minder sorgfältig „überschrieben“ mit instrumentaltechnischen Errungenschaften des späten 20. Jahrhunderts bzw. tonal ungebundenen Cantilenen neuerer Bauart. Dieses Verfahren geht über die Anverwandlungstechniken Salvatore Sciarrinos und Giorgio Battistellis hinaus, aber nicht so weit wie beim Super-Recycler Helmut Oehring. Vera-Lotte Böcker profiliert sich besonders kräftig mit dem auf alter Folie sich neu erhebenden Gesang als Iris. Die erweist sich als Seele der Bibliotheks-Abteilung für ‚Standortloses‘ – und für den angstgetriebenen Giro als begehrenswert.

Begreift man die exzessiven „Zitate“ aus dem Fundus der Musikgeschichte als Strandgut, so erscheint Ronchettis Uferlandschaft als ziemlich vollgemüllt. Anders als bei ihren für die Dresdner Staatsoper geschriebenen Intermezzi, bei denen das Anknüpfen an Kompositionen des frühen 18. Jahrhunderts bauartbedingt sein sollte, gab es für den weitgehenden Historismus bei „Esame di Mezzanotte“ keine zwingende ästhetische Notwendigkeit. Gefragt wurde dort dezidiert nach dem 20. Jahrhundert. Gerade aber dessen gewalttätigem Expressionswollen und den Verwerfungen aus dem Geist der Moderne wich die italienische Komponistin aus. Als habe die große Amnesie nicht nur den Hasenhelden Giro, sondern auch sie selbst erfasst. Dabei gelang Ronchetti eine leicht goutierbare Tonschöpfung, in der wohlig klingende Folgen von Septnon-Akkorden nicht fehlen wollten. Das Mannheimer Orchester und der Chor unter der Leitung von Johannes Kalitzke entledigten sich der neuen Aufgaben mit Bravour – von den Harfensoli und raffinierten Pizzicato-Effekten bis zum Kontrapünkteln bei altmeisterlich anmutenden Chorpartien und dem, was wie lose eingestreute Tierlaute klingt. Die insistierende Frage des Stücks, „wo ist das 20. Jahrhundert?“ verortet der Text durchaus (es stehe, so die Antwort, im Regal hinter X und Y bei Z, sei also ganz am Ende). Zu solcher Ironie ist Musik per se nicht fähig, es sei denn, sie erinnerte sich an die Geister Offenbachs.

Wenn das Ziel des „Mezzanotte“-Projekts gewesen sein sollte, eine neue komische Oper zu kreieren, dann sind die dem Hasenhelden Giro angediehenen Lehren in Anschlag zu bringen: aus dem ganzen Wust der Geschichte das Wichtige und Richtige lernen! Eine schulmeisternder Kritik müsste schließen: Das Mitternachtsexamen wurde nicht bestanden. Aber die Bühne ist nicht einfach das Leben (und einfach schon gar nicht – und das pädagogische erst recht nicht). Dramaturgisch gut geführt und auf relevante Gegenstände konzentriert, könnte es mit dem Opernkomponieren von Ronchetti doch noch etwas Ernsthafteres werden. Vorausgesetzt, die Komponistin verhält sich nicht beratungsresistent.

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