ARD-Wettbewerb: Konstantia Gourzi komponiert „Evening at the Window“ als Pflichtstück für Viola – Ein Interview


(nmz) -
Konstantia Gourzi ist eine international anerkannte Komponistin. Ihre Werke finden nicht nur in Deutschland Beachtung, sondern auch beispielsweise in Spanien, Griechenland, Japan und Israel. Konstantia Gourzis Musik schafft einen interkulturellen Dialog weit über Grenzen hinweg. Und dabei ist es Neue Musik, die man ohne Anstrengung hören kann – sie berührt stets unmittelbar. Für den ARD-Wettbewerb 2018 komponierte sie das Pflichtstück für Viola. Der Titel: „Evening at the Window“. Am 14. September 2018 findet die Uraufführung im Prinzregententheater München statt. Natürlich ist der Inhalt des Stückes bis zu diesem Termin noch streng geheim. Konstantia Gourzi verrät im Interview mit Tabea Eppelein trotzdem schon einiges.
12.09.2018 - Von Tabea Eppelein

Tabea Eppelein: Das Pflichtstück für den ARD-Wettbewerb ist ein Werk für Solo-Bratsche – aber nicht ganz: Im ersten Satz kommen auch ganz bestimmte Glöckchen zum Einsatz. Wie genau kommen diese zum Klingen und was ist dabei die Herausforderung beziehungsweise die Erwartungshaltung an die Musiker?

Konstantia Gourzi: Die Glöckchen sind an den Fuß des Spielers gebunden und er soll sie – ohne das Geräusch des aufstampfenden Fußes auf den Boden – gleichzeitig zum Viola-Part spielen. Ein anderes Instrument außer das Hauptinstrument zu spielen, hat für mich nicht nur einen musikalischen Darstellungsgrund sondern ist auch eine Koordinationsherausforderung des Gleichgewichtes für den Solisten und so auch eine Erweiterung der klanglichen Balance im Geist. Etwas zu tun, außer sein Hauptinstrument zu spielen, erweitert den Fokus und ist eine Herausforderung. 

Dem Stück zugrunde liegt das Bild „Abend am Fenster“ von Marc Chagall. Was hat Sie daran für Ihre Komposition inspiriert und wie haben Sie das Bild musikalisch in Szene gesetzt?

Chagall mag ich seit ich klein bin. Was mich fasziniert ist die Gravitationsfreiheit die er in ziemlich allen Bildern verwendet. Obwohl meist alles schief im Raum durch das konditionierte menschliche Auge steht, sieht das Ganze immer sehr stimmig, schön und harmonisch aus. Genau das hat mich fasziniert, musikalisch umzusetzen, auch mit den Glöckchen. Mein Auge hat in diesem Bild spontan den Hahn, den Mond, den Kamin, das Paar gesehen. Diese habe ich in Miniaturform musikalisch dargestellt. Wenn die angegebene Dauer des ARD-Wettbewerb-Stücks frei wäre, hätte ich noch mehr Miniaturen komponieren. Vielleicht kommt das später.

Ihre Kompositionen sind sehr abwechslungsreich. Mal taucht man mit Ihnen in eine Gefühlswelt ein, mal in eine Klangwolke, mal in virtuose Rhythmen oder Musik voller Humor. Wie ist das bei „Evening at the Window?“

Es ist ähnlich, nur hier wage ich zum erstmal ein zusätzliches Instrument (die Glöckchen) zum Hauptinstrument. Der Mond beschäftigt mich etwas länger als alle andere Miniatursätze, deswegen kommt er drei Mal in verschiedenen spielerischen Fassungen und als Titelbezeichnung vor. Ohne Mond hätte das Bild auch kein Licht. „ein Hahn im Himmel“ – der Satz mit den Glöckchen – ist voll mit einer starken Verbindung zwischen Melodie und Rhythmus. „Rauch aus dem Kamin“ ist eher furioso und wild, und in der fünften Miniatur „in deinen Armen“ wird das rubato und der Takt immer wieder verändert, so dass es eine dauerhafte Energieaktivität durch diese Wechsel gibt.

Ihre Stücke beruhen oft auf außermusikalischen Begebenheiten – z.B. Bildern wie „Evening at the Window“, aber auch Begegnungen und Erlebnissen. Wie setzen Sie diese Inspirationen dann in Ihre Musik um?

Die Musik ist u.a. ein Kommunikationsmittel. Das, was ich nicht in Worte fassen kann, schreibe ich mit Noten. Im Grunde sind die Worte und die Noten das Ergebnis bestimmter Gefühle und bestimmter Gedanken. Sie verstecken eine konkrete Energie, eine bestimmte musikalische Frequenz, die das Publikum in Ehrlichkeit berühren sollte. Sie soll das Publikum öffnen, um die eigene Welt weiter wahrzunehmen. („in Ehrlichkeit“ ist ungewöhnlich, aber es passt, man versteht)

Ihre Musik und Ihre internationalen Projekte schaffen einen interkulturellen Dialog. Sie selbst sind geborene Griechin und wohnen seit vielen Jahren in Deutschland. Wieso ist der interkulturelle Dialog so wichtig und wie bauen Sie ihn in Ihre Kompositionen ein?

Meine Musik soll Brücken bauen. Die Trennungen, die Stempel, die Rollen in der Welt haben uns zu Kriegen, Bewertungen und zu vielen anderen negativen Gefühlen gebracht. Die Natur gibt uns alles in einem; sie trennt die Schönheit nicht. Wir sind Kinder der Natur, auch wenn wir uns so nicht mehr verhalten. Ich habe in meinem Studium in Berlin gelitten, als ich Befehle bekam, so oder so zu schreiben, aber nicht so wie ich wollte. Dieser Versuch brachte mir später ein langes Leiden, da ich nicht mehr wusste, wer ich war. Herauszufinden, wer man ist, und das mit dem was man lernt auch sein zu können, es musikalisch zu kombinieren und zu vermitteln, das ist der einzige Grund warum ich Musikerin geworden bin.

Warum ist es wichtig, seine eigenen Wurzeln zu kennen und trotzdem über den Tellerrand zu blicken?

Das, was uns heute mehr und mehr fehlt, ist die Wahrnehmung der eigenen Wurzeln. Ohne dieses Bewusstsein ist die Kommunikation durch Musik verlorene Zeit. Um es noch klarer auszudrücken: es ist eine Lüge. Wir sind auf der Erde um zu erkennen, und nicht nur um intellektuelle Einfälle im großen Still zu basteln. Wir haben eine riesige Verantwortung, nicht nur uns gegenüber, sondern auch gegenüber der jüngeren Generation: wir müssen mit Ehrlichkeit, Kraft, Individualität, Vertrauen, Selbstachtung und Liebe handeln.

Ihre Musik wird nicht nur in Deutschland und Griechenland gespielt, sondern mittlerweile auf der ganzen Welt. Woran liegt das?

Mittlerweile habe ich ein wunderbares Netzwerk an Musikern, die meine Musik überall wo sie auftreten spielen. Sie vermitteln, was ich musikalisch meine, und das ist ein Glückszustand. Außerdem wird Musik nicht für ein Land komponiert, sondern für die Menschen, egal ob sie gelb, schwarz oder weiß sind. Das, was uns verbindet, sind die gleichen Emotionen, Freuden und Ängsten. Außerdem zwingt meine Musik nicht, sondern gibt Raum und lässt den Zuhörer sich zu entfalten. Das wünsche ich mir auch als Zuhörerin, dass das mir so passiert, da die Dringlichkeit, eine Emotion zu vermitteln das ist, was mein Herz erinnert – und nicht nur die Bewunderung einer intelligenten Zusammenstellung der Noten. 

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