Auf dem Spielplatz: Das Davos Festival 2017 und der Homo ludens


(nmz) -
Reto Bieri ist ein Intendant mit Ambitionen. Doch hat er es nicht auf die Phalanx großer Namen abgesehen, die wie von selbst auch im abgelegensten Nest für ausverkaufte Säle sorgen – egal was gespielt wird, wenn nur gespielt wird. Vielmehr nimmt Bieri das jährlich wechselnde Motto seines Festivals sehr ernst: Hier begegnet man nicht nur „Young Artists in Concert“, sondern auch einem Programm, das diesem Begriff alle Ehre macht.
14.08.2017 - Von Michael Kube

Schon seit seiner Gründung durch Michael Haeflinger im Jahre 1986 versteht sich das Davos Festival als eine Bühne der Experimente – neuerdings auch mit einem eher generellen thematischen Fokus. Nach „Familienzone“ (2016) folgte in diesem Jahr der „Spielplatz“, angelegt als eine zweiwöchige Erlebnistour sowohl durch die Mög­lichkeiten der Musik als auch durch die eigenen (hoffentlich noch nicht verschüt­teten) Spielräume. Frei nach Arthur Schnitzler: „Wir spielen alle, wer es weiß, ist klug.“

Schon die Bezeichnung der Konzerte gab einen Vorgeschmack auf ein teilweise erfreulich unprätentiöses, teilweise aber auch recht intellektuell durchgekämmtes Reglement: von Anspiel und Abseits über den Spieltrieb und die Spiel­zeugschachtel bis hin zu Schachzügen, Monopoly, Casino Royale – und schließ­lich auch zum Endspiel. Was sich in den Ankündigungen gelegentlich etwas ab­strakt oder gar verwickelt las, entpuppte sich real als ein Füllhorn von Assozia­tionen, wobei Reto Bieri tief ins unendliche Meer des Repertoires eintauchte. Wirklich Etabliertes blieb dabei die Ausnahme, und wenn sich dann doch einmal ein Vivaldi oder Bach fand, wirkte er im Kontext seltsam anders. Ermöglicht wird dieses dramaturgisch glänzend disponierte Konzept durch das hoch motivierte Festival-Ensemble mit jungen Musikerinnen und Musikern, die sich darauf einlassen können und wollen.

So ist den Konzerten denn auch eine deutlich spürbare ungezwungene Originali­tät, wenn nicht gar Einmaligkeit zu attestieren. Dies betrifft etwa das Timeout in der abseits gelegenen Kirche Sertig auf 1.861 Meter Höhe – ein kleiner, sehr hei­meliger Bau, bei dem sich die Künstler wie das Publikum der Unmittelbarkeit der Begegnung kaum entziehen können, so dass die seltsamen Stücke aus Charles Koechlins Filmmusik zu „Les Confidences d’un joueur de clarinette“ (op. 141, 1934) auch ohne vervollständigende Streicherstimmen ansprachen, das „Tamam Shoud“ (2016) überschriebene virtuose Kontrabass-Solo von Moritz Eggert mit­riss und eine Kammerfassung von Strauss’ „Till Eulenspiegel“ die dicke Partitur klanglich ohne ernsthafte Verluste in einer Kurzversion dekonstruierte.

Für das abendliche „Heute Heimspiel“ musste bei zunehmend unbeständiger Witterungslage der große Tagungssaal im Schweizerhof bezogen werden. Neben Vivaldi, Kagel („Match“, 1964) und einer Kammerfassung von Saties „Sports et Divertissements“ (1914) sorgte im zweiten Drittel eine trefflich besetzte Performance einer virtuellen Eishockey-Partie für ganz neue Töne – wurde doch der Kammerchor des Festivals (als Fans des zu diesem Zweck gegründeten „Unterland-Vereins“) von den echten Fans des HCD (Hockey Club Davos) stimmlich wie der Performance nach niedergesungen. Den sportlichen Kommentar zu diesem Sängerkrieg besorgte Beni Thurnheer, eine Ikone im Schweizer Fernsehen, im Kern aber doch nur so unterhaltsam wie Béla Réthy.

Wesentlich intimer ging es täglich in der Spielbox zu, einem umglasten Contai­ner, wie man ihn sonst eher von Messen und Events her kennt – nur dass hier nicht High-Tech-Produkte zur Schau gestellt werden, sondern jedermann in aller abgeschlossenen Öffentlichkeit sein eigenes exklusives Privatkonzert in einer 1:1-Situation beim Pianisten abholen kann. Fünf Minuten musikalische Vertrautheit, die bei vielen Besuchern sichtbar das Innerste berührten, und ein Miniatur-Kon­zertsaal, der in dieser Art wohl reif ist für das Guinness-Buch der Rekorde.

Kaum größer konnte der Kontrast zum „Variété Schatzalp“ sein. Ein historischer Ort, mit Apéro und Menü, Salonorchester, Tanz und Croupier, an der Bar und in den Nebenräumen Rezitationen (Dada), Film (Ballet Mécanique), Fluxus, Bach und vieles mehr; ein rauschendes Fest, das in den wunderschönen Räumen der Belle Époque die Zwanziger Jahre wieder aufleben ließ. Mit so viel „Fülle des Wohllauts“ lassen sich Feste feiern, so spielerisch kann ein Festival sein.

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