Es lebe das Anderssein! – Das Musical „Shrek“ in Halberstadt in Eigenproduktion


(nmz) -
Musicals sind sonderbare Geschöpfe. Im weitesten Sinne sind sie Nachkommen der Operette. Zumindest sind sie mit dieser zwar nicht ausgestorbenen, aber doch zu keinen Nachkommen mehr fähigen Gattung irgendwie verwandt. Auf der anderen Seite bedienen sie die Ökonomie der Unterhaltung auf eine Weise, über die man immer wieder staunt. Ein eigenes Theater für jeden Blockbuster ist eine Idee, der allenfalls Richard Wagner mit seinen Festspielen nahekommt. Historisch gesehen ist es natürlich umgekehrt. Schon, weil der große Opern-Gesamtkunstwerker die Systembrüche, die der Musical-Industrie noch bevorstehen, schon mehrfach überstanden hat.
03.05.2022 - Von Joachim Lange

Aber es gibt keinen Grund zum Hochmut. Immer wieder schaffen es auch Musicals ins Stadttheaterrepertoire. Wenn sie gut sind und die Musik zündet. Und wenn die (oft US-amerikanischen oder britischen) Rechteinhaber genug verdient haben und ihre Zustimmung geben. Ob nun wie gerade in der Oper Halle mit dem Monty Python Renner „Spamelot“ oder jetzt in Halberstadt mit „Shrek“. Es macht einfach Spaß, wenn sich ein gut eingespielter Opernbetrieb dieser – nun ja etwas schlichteren – Verwandten annimmt. Dem Nordharzer Städtebundtheater (das sowieso am besten ist, wenn es sich im heiteren Fach tummelt) ist das jetzt mit „Shrek“ gelungen!

Dieses Musical gehört zu denen, bei denen der Film nach dem Märchenbuch von William Steig zuerst da war. Die populäre computeranimierte Filmversion kam 2001 in den USA heraus, die Broadway-Variante mit der Musik von Jeanine Tesori zu Buch und Gesangstexten von David Lindsay-Abaire folgte 2008. Das Programmheft verweist stolz darauf, dass die Nordharzer das erste Stadttheater in Deutschland ist, das die Erlaubnis erhielt, die ursprünglich für eine ausgedehnte deutschsprachige Tournee konzipierte Spielfassung, die in Düsseldorf, Berlin, München, Zürich und Wien gezeigt wurde, in einer Eigenproduktion zu präsentieren.

Für alle, denen das entsprechende Vorwissen aus Kinderliteratur- bzw. Film fehlt: Shrek ist kein Mensch, sondern ein Oger. Sieht so ähnlich aus, wie man sich früher die Marsmännchen vorgestellt haben mag. Grün, komische Ohren, ein bissl zu dick, aber ganz nett. Schon, weil wir allerhand über seine Kindheit erfahren. Mit sieben Jahren wird ein Oger einfach auf eigene Rechnung in die Welt geschickt, um dort den Menschen und allen Märchenfiguren, die man so kennt, Angst einzujagen. Was unserem Ogerexemplar mit dem Namen Shrek aber keinen Spaß macht. Der will in seinem Sumpf in Ruhe vor sich hin pupsen. Was ihm auch gelingt, bis der Fiesling der Geschichte, der deutlich zu kurz geratene, aber machtgierige Lord Faquaad das versammelte Märchenpersonal ins Exil, sprich in den Sumpf treibt. Da Shrek seine Ruhe zurückhaben will, lässt er sich auf den Deal mit Faquaad ein, ihm eine Prinzessin zu besorgen, damit er König werden kann. Die ist natürlich in einem Turm gefangen und wird von einem Drachen bewacht. Dass sich bei dieser ganzen Aktion der unfreiwillige Held und die Prinzessin ineinander verlieben und – nach einigen Missverständnissen – auch zueinander finden ist ziemlich bald klar und passiert dann natürlich auch.

Auf dem Weg zum Happyend beweisen Regisseur Nick Westbrock und seine Choreografin Michaela Thiel vor allem das richtige Gespür für Timing beim Wechsel zwischen den flotten mit Anspielungen gespickten gesprochenen Dialogen und den Gesangsnummern. Im Graben sorgen Adam Szmidt und die Harzer Sinfoniker für den Drive, den so was braucht, etliche musikalischen Zitate gibt’s dabei als Zugabe obendrauf. Da gibt es keine Hänger für die vom Ausstatter-Duo Bernhard Niechotz und Michaela Muchina mit viel Phantasie bei den Kostümen auf die Reise durch das sparsame aber ausreichend wandlungsfähige Bühnenbild geschickten Shrek und seinen Eselfreund. Ein gemalter Wald, ein paar Mauerelemente, ein Spielzeugpferd für den Möchtegernkönig und eine anheimelnde Sumpfinsel für Shrek – das reicht völlig.

Den Rest erledigt ein spielfreudiges Ensemble, von dem genauso überzeugend gesprochen wie gesungen wird. Den Vogel schießen dabei Tobias Amadeus Schöner als eher gemütlicher, denn wirklich furchteinflößender Titelheld und Michael Papke als sein treuer Esel-Freund ab. Das darstellerische Kabinettstück liefert Stefanie Köhm als Prinzessin Fiona. Ihr Changieren zwischen gespielten, groß ausgestellten Operngesten und deren witziger Zurücknahme, sozusagen als ihre eigene Regisseurin, ist hinreißend. Ebenso wie die blasierte Selbstironie, mit der Enrico Scheffler seinen Lord Fargquaad übertreibt.

Ein Who is Who der Märchenwelt ist die Truppe von Frau Holle und Rotkäppchen über die gute Fee und den Rattenfänger bis zum Weißen Hasen, Peter Pan und Pinocchio. Zunächst auf der Flucht finden die immer mehr zu sich und bekennen sich zu ihrem jeweiligen Anderssein. Schließlich gibt Pinocchio nicht nur offen zu, dass er aus Holz und darauf stolz ist, sondern würzt das auch noch mit einem „das ist auch gut so“. Solche verbalen und musikalischen Anspielungs-Schmankerl gibts an diesem Abend jede Menge und für jede Altersklasse. Ins Märchenhafte übersetzt ist die Show auch ein Plädoyer fürs Anderssein. In dieser Welt würde ein „normaler“ Mensch völlig aus dem Rahmen fallen. Könnte sich aber auf die Toleranz dieser „Freaks“ verlassen!

Über 50 Rollen auf mehr als zwei Dutzend Namen verteilt – dazu das Ballett, das als Ratten, Wachen oder Volk mitmischt und nicht zuletzt in mehreren Einzelteilen den Drachen stellt, der erst die Prinzessin bewacht und am Ende den Bösewicht verschlingt. Dieser Aufwand ist (noch dazu in Coronazeiten!) enorm. Aber der Kraftakt hat sich gelohnt – die Nordharzer haben einen selbstgemachten Musical-Renner für die ganze Familie! Dem begeisterten Premierenpublikum war das sofort klar!

  • Nächste Vorstellungen: 20.5. 19.30 (Quedlinburg), 29.5. 15.00 (Halbertstadt), 31.5. 10.00 Uhr (Halberstadt) 6. Juni 15.00 Uhr (Quedlinburg)  www.harztheater.de

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