„Changes“ – die Esslinger tonArt zelebriert den Wandel, mit oder ohne John Cage


(nmz) -
Das Motto „Changes“ des diesjährigen tonArt-Festivals in Esslingen bezieht sich auf die „Music of Changes“ von John Cage. Cage seinerseits, der dieses Jahr 100 geworden wäre, verwies damit auf das „Book of Changes“, das Buch der Wandlungen I Ching, dessen er sich bei der Komposition bediente. Seit Cage 1951 die „Music of Changes“ schrieb, hat sich einiges gewandelt.
19.01.2012 - Von Dietrich Heißenbüttel

Zur Eröffnung im Kutschersaal der Esslinger Stadtbibliothek spielte Małgorzata Walentynowicz Book I und Book III aus der „Music of Changes“, ergänzt von Hommagen an Cage seitens drei der vier organisierend und aufführend beteiligten Komponisten und Musiker sowie einige weitere Werke. Walentynowicz‘ virtuoses, zupackendes Spiel ließ zwischen hart angeschlagenen Klängen immer wieder einzelne, liegen gebliebene Töne transparent hervortreten. Was ihr auch nicht besser als anderen Interpreten gelang, war, den Eindruck von Unbestimmtheit und Absichtslosigkeit hervorzurufen. Vielleicht liegt dies an Cages Komposition selbst, die dem Pianisten höchste Konzentration abverlangt und es schwer macht, zen-buddhistisch ohne Absicht zu handeln.

Alle vier Vorstände des Vereins tonArt standen selbst auf der Bühne und steuerten – bis auf Frank Wörner, der vor lauter Organisation nicht fertig geworden war – eigene Werke bei. In Klaus Drehers „Four Poems“ lasen sie mit leichter Zeitverzögerung dieselben Texte, begleitet von Schlaginstrumenten und ungefähr sieben Händen auf einem Klavier. Albrecht Imbescheid verwendete Originaltexte von Cage zum Pilzsammeln, die er mit Flötentönen und den Klängen eines Schlagzeugs aus Kochtöpfen und Flaschen kombinierte. In Felix Muntwilers „Changement“ wechselten die vier Interpreten jeweils auf das Weckerklingeln aus einer Spieluhr Instrumente und Position.

Nach der zweiten Runde der „Music of Changes“ bot Christian Pfeiffers „Undertow“ für Bass-Bariton und Klavier eine eher meditative Erfahrung des Hineinhörens in mikrotonale Schwebungen, die ein Computer, der zuerst nicht in Gang kommen wollte, den Klavierklängen beibrachte. Georges Aperghis‘ „Le rire physiologique“ über einen Klavierspieler, der – wie der Titel besagt – aus physiologischen Gründen nicht lachen kann, klingt nach einem sicheren Publikumserfolg. Doch das Lachen, das der Sänger in Musik verwandelt und das der Pianist – in diesem Fall die Pianistin – vergeblich zu imitieren versucht – mit der Stimme und auf den Klaviertasten – kann sehr leicht gezwungen, gekünstelt, gar nicht echt klingen. Tatsächlich ist es eine Balance auf Messers Schneide, zugleich den Eindruck ansteckenden Lachens hervorrufen zu wollen und dieses Lachen, in eine Tonfolge verwandelt, zu singen. Im vorliegenden Fall jedenfalls amüsierte sich das Publikum mehr über die kläglichen Versuche der Pianistin als über das mit sonorer Stimme vorgetragene Gelächter des Sängers. Abschließend spielte Walentynowicz Pierre Jodlowskis „Série Noire“ – das Klavier duettiert in diesem Fall mit Sprache und Geräuschen vom Band.

Unter dem Titel „Changes“ stehen weitere drei der insgesamt neun Veranstaltungen des Festivals, allesamt Cage gewidmet, dessen Anregungen sie aufgreifen und weiterentwickeln. Dazu noch „Seeing Cage“, eine „visual journey through moisy landscapes“ im Lima-Theater mit Sprache, E-Gitarre und den „Visuals“ von rettnoise aka Harald Rettich. Wie sich hier zeigt, sind die Anregungen von Cage allgegenwärtig, auch in Bereichen, die es zu seinen Lebzeiten noch gar nicht gab.

Es zeigt sich aber auch eine Stärke des Festivals und des Esslinger Kulturlebens, dass nämlich alle Kulturinstitutionen bei besonderen Ereignissen an einem Strang ziehen. An der tonArt sind die Stadtbücherei, das Kulturzentrum Dieselstraße, das Jugendhaus Komma, zwei der wichtigsten Kirchen im Zentrum der Stadt sowie eine momentan nicht mehr benutzte Fabrikhalle beteiligt. Nicht alles muss zwangsläufig mit John Cage zu tun haben, um ins Programm aufgenommen zu werden.

Changes ist auch ein Begriff des Jazz und bezieht sich hier auf Akkordwechsel. Was allerdings das Dafnis Prieto Trio in der Reihe Jazz in der Dieselstraße vorführte, ist von diesem Standard-Verständnis schon wieder sehr weit entfernt. Jason Lindner produzierte auf seinen Keyboards rhythmische, geräuschhafte Kaskaden, die er durch alle Klangfarben- und Tonhöhenregister scheuchte. Mit einer präzisen, in der Wucht Billy Cobham vergleichbaren, aber ungleich sensibleren Schlagzeugmaschinerie schaltete sich Prieto ein, der kürzlich den mit einer halben Million Dollar dotierten McArthur Fellows Award eingeheimst hat.

Kokayi, der schon mit Steve Colemans „Metrics“ aufgetreten ist, hielt sich anfangs zurück. Spätestens als er ans Mikrophon trat, wurde klar, dass mit Begriffen wie Rap, HipHop, Jazz und so weiter hier nicht viel anzufangen ist. Frei mit den Worten spielend, nahm er unsere neuere Online-Begrifflichkeit – dash, slash, type, facebook, like me, friend, twitter, tweet … – genüsslich auseinander. Er extemporierte über einen „Flight 72“, der in Belo Horizonte steckenbleibt und den drei Musikern einen unverhofften Zwischenurlaub am Strand beschert: weit entfernt von den abgestandenen Klischees der HipHop-Straßenjungen, ohne doch am Ende in einem Rap mit dem Leitmotiv „where I come from“, in dem der Vater ebenso angesprochen war wie – mit der Zeile „a wallet is a gun“ – Raubmord, seine Herkunft verleugnen zu wollen.

Wer Dafnis Prieto genauer beobachtete, wird bemerkt haben, dass er bei allen Kreuz- und Quer-Rhythmen auf der Kuhglocke im Zentrum des Drumsets stets gleichmäßig den „Bell Pattern“ durchhielt. Wer mit afrikanischen oder afrokubanischen Traditionen weniger vertraut ist, konnte dies trotzdem beobachten, als Prieto die Claves auspackte und dazu mit dem Mund in einer Art Trommelsprache gegenläufige Rhythmen produzierte, ritardierte und akzelerierte, ohne je vom gleichmäßigen Puls der Klanghölzer abzukommen: eine umwerfende Vorführung in einem Konzert mit einer ganz eigenen, neuen Musik, die zwar die afrokubanische Tradition, Jazz und HipHop ebenso wie neuere Elektronik voraussetzt, bei der aber, wie Aristoteles sagt, das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

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