Das hat Offenbach nicht verdient: „Je suis Jacques“ an der Oper Köln geht daneben


(nmz) -
Zum 200. Geburtstag hat sich die Oper Köln ein spezielles Programm ausgedacht: eine „Jubiläums-Offenbachiade“. Unser Kritiker Dieter David Scholz kann dem nicht mal gar nicht viel abgewinnen, sondern eher fast gar nichts. „An den Haaren herbeigezogene Überleitungen“, biedere Rahmenhandlung, musikalisch kaputtreduziert. Die Oper Köln habe „sich und Offenbach mit dieser trostlosen Jubiläumsveranstaltung zum 200sten Geburtstag des vielleicht bedeutendsten Sohnes der Domstadt keinen ehrenvollen Dienst erwiesen.“
25.06.2019 - Von Dieter David Scholz

Wenn nicht drin ist, was draufsteht, spricht man von Etikettenschwindel, oder nicht? Die als Ehrung der besonderen Art angekündigte Uraufführung der Oper Köln kann man daher nicht anders als Etikettenschwindel bezeichnen. Aus Anlass des Gedenkens an seinen Geburtstag vor 200 Jahren hat man eine „Jubiläums-Offenbachiade“ bei Christian von Götz in Auftrag geben. Die Uraufführung sollte vom Gürzenich-Orchester Köln gespielt werden. Es wurde (auf der Internetseite des Hauses, in Presseveröffentlichungen und im Programmheft) aber lediglich eine „Instrumentierung von Ralf Sairon“ angekündigt, aber nicht, dass es sich um eine schwerwiegende Bearbeitung (Reduzierung) für ein kleines kammermusikalisches Ensemble von nur sechs Musikern handelt: Klavier, Violine, Violoncello, Kontrabass, Klarinette und Schlagwerk. Und von diesen sechs Musikern stammten nach Befragung derselben am Premierenabend lediglich zwei aus dem Gürzenich-Orchester. Da ist man dann doch sehr überrascht und enttäuscht.

In seinem jüngst erschienenen, konkurrenzlosen Lehrbuch über die Offenbachiade („Musik­theater als Gesellschaftssatire. Die Offenbachiaden und ihr Kontext“) hat sich Peter Hawig an alle Dirigenten und Regisseure gewandt, mit der Bitte, das zentrale Diktum seines Buches zu beachten: „Offenbach ist Musikdramatiker“. Daher verbiete sich jede Art von musikalischer „Verhunzung“ im Sinne von Bearbeitung, Orchesterausdünnung oder Arrangement für Kammer- bzw. Salonorchester. Offenbach wollte, wie man weiß, den großen Orchesterklang, seine raffinierte Instrumentierung spricht für sich. Viel von seinem musikalischen Witz, und seiner musikalischen Parodiekunst, und damit die Essenz seiner Musik geht bei derlei Reduzierungen verloren.

Zusammengeflickte „Offenbachiade“

Keine gute Voraussetzung also für einen „Streifzug durch Offenbachs Bühnenwerke“, „im Geiste der Bouffes-Parisiens“, wie die Uraufführung von der Kölner Oper angekündigt wurde. Nein, mit dem Geist der Bouffes-Parisiens hat diese mit heißer Nadel zusammengeflickte „Offenbachiade“ (der Begriff stammt von Karl Kraus und meint alles andere als Operette, Blödsinn oder Klamauk) nicht viel zu tun. Alles was sie auszeichnet, vermisst man in diesem Stück: geistreiches wie satirisches Spielen und Jonglieren mit Zeiten, Räumen und Verklei­dungen, Ironie vor allem und ein intelligentes, rebellisches, freches, und doppelbödiges, ja anspielungsreiches Libretto, das der Musik entspricht.

Christian von Götz hat sich für seine biedere, nicht einmal achtzigminütige, eindimensionale Aneinanderreihung von Offenbach-Musiknummern eine sehr schlichte Rahmenhandlung ausgedacht: Er hat in der ehemaligen und auch künftigen Kantine des Kölner Opernhauses am Offenbachplatz, in der Mitte eines schmalen, langen Raumes eine provisorische Bar mit dem Charme einer Baustelle einrichten lassen (Bühne: Dieter Richter). Im rechten Winkel dazu hat man in den Innenhof einen schwarzen Kasten für die wenigen Musiker angebaut, deren Klang sozusagen um die Ecke zu den beiden links und rechts von diesem Kasten angeordneten Publikumstribünen angeordnet ist.

Der Barmann Jakob, der im Begriff ist, zu schließen, outet sich schließlich, man ahnt es von Anfang an: „Je suis Jacques“ Offenbach. Unter Donner und Blitz kommen, von diskretem Bühnenqualm umnebelt, nach und nach sechs Damen und Herren, die sich als Bühnenfiguren seiner Werke vorstellen: Die schöne Helena, Blaubart (der allerdings eher wie König Bobéche aus Walter Felsensteins legendärer Inszenierung aussieht), Orpheus, Lindorf (aus „Hoffmans Erzählungen“), die Puppe Olympia und ein Marktweib (aus „Les Dames de la Halle“). Anlässlich seines Geburtstages bewirtet Jakob schließlich seine ungebetenen Gäste, die nacheinander Ausschnitte aus seinen Werken singen. Darunter selten oder nie gehörte Raritäten aus „Monsieur Choufleury“, „Les Fées du Rin“, „La Diva“, „Croquefer“, „Pomme d´Api“, „La Chanson de Fortunio“, „Geneviève de Brabant“, „La Jolie Parfumeuse“, „Monsieur et Madame Denis“, „Vert-Vert“, um nur einige der 25 Musiknummern zu nennen.

Vielleicht sind die Auftritte der Bühnenfiguren Offenbachs aber auch nur als Halluzinationen einer anderen Art von „Dinner for one“ zu verstehen, denn Jacques singt zur Melodie von Ritter Blaubarts Lebensliebeslied: „Ich bin der Mann, der sich gut verwandeln kann“. Als er am Ende der Aufführung die Bar wirklich schließt, raucht er, alleingelassen von seinen Kunstfiguren, eine Wasserpfeife und philosophiert: „Auf die Leichtigkeit der Kunst und die Geheimnisse, die dazu da sind, nie gelüftet zu werden“. Von ähnlich trivialen, gelegentlich peinlichen Äußerungen wimmelt es nur so, neben abgenutzten Blödeleien und beifallheischenden Kalauern.

Erschreckend unprofessionell und unsensibel

Auch die meisten Überleitungen sind, wenn sie nicht an den Haaren herbeigezogen sind, einfach banal. Das Trüffelquintett aus „Le Fifre Enchanté“ beispielsweise wird – mit der Überreichung eines wohlduftenden Edelpilzes angekündigt als Alternative zu Lindorfs stinkendem Käse, den er zuvor mitgebracht hat. Vor der Air der Minette aus „La chatte meta­morphosée en famme“ verwandelt sich tatsächlich in einer öminösen Kiste eine Katze in Offenbachs Frau Herminie, die auf die „vergessenen Werke“ ihres Mannes hinweist. Notenpapier wird ins Publikum geworfen. So wie auch Obst und Käse im Zuschauerraum verteilt wird. An der Bar wird getrunken und man spielt reichlich dick aufgetragen fröhliches Betrunkensein. Immer wieder werden aktuelle Anspielungen auf scheinbar nicht enden wollende Renovierung der Kölner Oper eingestreut.

Erschreckend unprofessionell und unsensibel werden die deutschen Dialoge von den meisten Darstellern gesprochen, zum Teil mit starkem Akzent. Auch singen sie fast überwiegend Offenbach wie große Oper, phonstark nach dem Motto: Ich kann noch lauter! Was für ein Missverständnis, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Offenbach (von Ausnahmen wie beispielsweise Hortense Schneider abgesehen) singende Schauspieler favorisierte. Auch wegen der Sprachbehandlung und Textverständlichkeit, die in dieser Kölner Veranstaltung sehr zu wünschen übrig lässt.

Aus dem Sängerensemble (John Heuzenroeder, Judith Thielsen, Jeongki Cho, Insik Choi, Matthias Hoffmann, Verena Hierholzer, Alina Wunderlin) ragen der lyrische Tenor Jeongki Cho und die Koloratursopranistin Alina Wunderlin wohltönend kultiviert heraus.

Diese Offenbachhuldigung ist eher eine Art Offenbachverhunzung, denn nicht nur die dramaturgische Konzeption, auch die Machart ist unter Niveau, das man erwarten dürfte. In den biederen, klischeehaften Kostümen von Sarah Mittenbühler darf chargiert werden, dass es nur so kracht. Die Inszenierung des Autors dieser anspruchslosen „Offenbachiade“, Christian von Götz, ist von einer ungeschickten Harmlosigkeit, die geradezu entsetzt. Das Timing ist schlecht, es fehlt Esprit, Tempo und intelligenter Witz. Das Ergebnis ist Langweile. Deprimierend für Offenbachkenner!

Langweilig ist aber auch das neu komponierte musikalische Arrangement des Kölner Musikers, Dirigenten und Komponisten Ralf Soiron, einer vielseitigen Lokalgröße, über die man im Programmheft übrigens rein gar nichts erfährt. Einmal abgesehen von einer einge­fügten kleinen „Tannhäuser“-Anspielung ist die Komposition erschreckend einfallslos: Offenbach im Wirtshaus- oder Jahrmarktssound, ohne Frechheit, Witz und Raffinement. Der tüchtige, begabte und viel gefragte junge Dirigent Gerrit Prießnitz tut vom Klavier aus zwar sein Bestes, der Totgeburt Leben einzuhauchen, doch es ist vergebens. Die Oper Köln hat sich und Offenbach mit dieser trostlosen Jubiläumsveranstaltung zum 200sten Geburtstag des vielleicht bedeutendsten Sohnes der Domstadt keinen ehrenvollen Dienst erwiesen. Das hat Offenbach nicht verdient!

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