Diana Pollicarpos Installation für Johanna Magdalena Beyer


(nmz) -
Schon gehört vom „KV“ in Leipzig? Dieser offene Zusammenschluss von jüngeren Kunstinteressierten hat wenig zu tun mit den bürgerlichen Traditionen des Mäzenatentums, er versteht sich als Prozessor aus feministischer, queerer und internationaler Perspektive. Mehr noch: Regelmäßig sucht der KV spannende Brücken zur Neuen Musik.
14.11.2017 - Von Roland H. Dippel

Zum Beispiel gab es bereits über ein Jahr vor dem Isang-Yun-Symposium zu dessen 100. Geburtstag an der Hochschule für Musik und Theater eine Diskussion zum Dokumentarfilm „In Between North And South Corea“ von Maria Stodtmeier über den als politisch Verfolgter zu einer Symbolfigur des 20. Jahrhunderts gewordenen Komponisten.

Wieder setzt der KV unter den Kuratorinnen Anna Jehle und Juliane Schickedanz in den mit aufregenden Farben, diesmal Pink auf Weiß, illuminierten Räumlichkeiten zwischen Schauspielhaus und Johannapark zu Entdecker-Ambitionen an. Die 1986 in Lissabon geborene Künstlerin Diana Pollicarpo erweist nach einer ersten Runde im LAB Artists United in Bielefeld der in die USA emigrierten Leipziger Komponistin Johanna Magdalena Beyer (1888-1944) eine kühle und doch sympathetische Hommage. Besonderes Glück hatte die Privatmusiklehrerin weder privat noch als Künstlerin: Die vergessene Pionierin der elektronischen Musik kam weder mit ihrer politischen Opernutopie „Status Quo“ noch mit ihren „analogen“ Kompositionen so richtig voran. Aber ihr von Studierenden des Studios für Elektroakustische Musik reanimiertes Opus „Music Of The Spheres“ ist ein früher Klassiker der in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ganz jungen Gattung.

Diana Pollicarpo, die ihre Installation nach dem Kompositionsverfahren Henry Cowells „Dissonant Counterpoint“ („Dissonanter Kontrapunkt“) nennt, geht es allerdings nicht um die komplette, perfekte Wiedergabe von Werken Beyers, sondern um eine fragmentierte, selektierende Annäherung. Der Part des Begleitinstruments Klarinette in Lieder Beyers wurde in einer zugespielten Aufnahme aus London von der Solosopran-Stimme gelöst. Die Texte dazu erscheinen auf einem Display.

Im Zentrum des für das Projekt eigens mit weißen Teppichen ausgeschlagenen Raums befindet sich ein rundes „Pantheon“ aus fünf Boxen, aus diesen fünf Kanälen klingt ein sich wiederholender zwanzigminütiger Block von Briefstellen Beyers an ihre unglückliche Liebe Henry Cowell. Diana Pollicarpo nennt ihr Projekt die „soziale Läuterung“ Johanna Magdalena Beyers: Eine künstlerische Rehabilitation der Vergessenen ist (noch) keine Intention Pollicarpos, sondern die Auseinandersetzung in einem explizit feministischen Kontext.

Dieser zeigt sich im akustischen Environment nicht von einer kämpferischen, sondern selbstbewussten, ja sinnlichen Seite. Das Material des Teppichs und die Rundung der Soundarchitektur distanzieren vor den Affekten und senden in Lounge-Atmosphäre Signale mit sanften akustischen Reizen. Emotionen werden versachlicht und selbstverständlich, aber gerade deshalb stark und selbstbewusst.

Diana Pollicarpo steht mit den Kuratorinnen für eine Generation junger Kunstprotagonistinnen, die Selbstmitleid aus ihrem Wirkungskreis verbannt haben. Auch deshalb macht dieses Projekt neugierig auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Leipzigerin, die auszog, um ihr künstlerisches und menschliches Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden. In Diana Pollicarpos Installation soll sie eine Frauenstimme sein als Repräsentantin für viele andere.

  • Vom 10. bis 30.11.2017: dienstags 19:00-22:00, donnerstags und freitags 16:00-19:00, samstags 14:00-18:00

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