Durch die Risse des Jahrhunderts – Mieczyław Weinbergs „Wir gratulieren“ und Erich Wolfgang Korngolds „Der Ring des Polykrates“ am Theater Heidelberg


(nmz) -
Bei diesem Heidelberger Opern-Doppelabend macht nicht nur die Kombination der beiden Kurzopern neugierig. Schon, weil sie aus der entlegenen Spielplangegend zwischen Ausgrabung und Entdeckung stammen. Im Falle von Mieczyław Weinbergs „Wir gratulieren“ kann sich das Theater sogar der Deutschen Erstaufführung der Originalfassung rühmen. Die Uraufführung dieses Zweiakters gab es in Moskau erst 1983. Und auch der „Ring des Polykrates“ von Erich Wolfgang Korngold aus dem Jahre 1916 zeigt keinerlei Verschleißerscheinungen wegen zu häufiger Aufführungen. Beide Komponisten gehören zu den Genies, deren Biografie von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts geprägt und deren Werk in den Windschatten von Größen gedrängt wurde, von denen die Nachwelt (bislang zumindest) beschlossen hat, dass sie dieses Jahrhundert repräsentieren.
30.05.2017 - Von Joachim Lange

Mieczyław Weinberg (1919-1996) wurde dank des großen Auftritts, den David Pountney zu den Bregenzer Festspielen 2010 seiner Passagierin verschafft hat, ein für allemal dem Vergessen entrissen. Diese beklemmende Auschwitz-Oper hat danach weitere Inszenierungen erlebt, die Übernahme der Frankfurter Produktion etwa steht in Dresden kurz bevor. 2013 gab es dann die Mannheimer Uraufführung der komplett instrumentierten Fassung der 1986 vollendeten Literaturoper „Der Idiot“ nach Fjodor Dostojewskis berühmter Romanvorlage. Auch da fragte man sich: Wieso erst jetzt? Dass der in Polen geborene Weinberg vor der Judenverfolgung den Nazis ins Reich Stalins geflohen war, und dort auch nur durch Schostakowitschs Fürsprache und den Tod des Diktators der möglicherweise barbarischen Konsequenz des Gulag entgangen war, spiegeln die Heidelberger Inszenierung von Yona Kim und die Bildwelt, die Margrit Flagner dafür entwickelt hat, wider. Da der Eiserne Vorhang keineswegs schalldicht war, drang einiges von Weinbergs Meisterschaft als Schöpfer von über 20 Sinfonien durch. Seine insgesamt sieben Opern aber hatten es nicht nur schwer, aus der Sowjetunion hinaus zu gelangen, sondern auch im Westen anzukommen, wo der Dogmatismus der Avantgarde dem Schostakowitsch-Schüler nicht gerade einen roten Teppich ausrollte.

Im Falle von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) hat es mit der Oper „Die tote Stadt“ wenigstens sein Jugendwurf und zeitlebens (und Nachlebens) größter Erfolg nach dem Krieg wieder ins Repertoire geschafft. Den landete er 1920 im Alter von 23 Jahren. Bei seinem Eintrittsbillett in die Welt der Oper, dem boulevardesk leichten „Ring des Polykrates“ war er gerade mal Siebzehn! Biographisch hat das Mozartformat. Ein altkluges Lebensweisheitsstück, das obendrein noch Strauss auf die Schippe nimmt. Man hört durchaus, dass ihm der Schmelz vom „Glück, das mir verblieb“ wohl nicht per Erleuchtung in den Schoss gefallen ist, sondern schon lange reifte. Korngold hatte nicht nur das Zeug dazu, es mit Strauss und Puccini aufzunehmen. Er hatte die Chuzpe und den Ehrgeiz, es zu tun. Wenn er denn nicht vorm Rassenwahn der Nazis hätte fliehen und wohl oder übel, quasi ersatzweise zum oscar-gekrönten Impulsgeber des Hollywoodsounds hätte werden müssen.

Rechnung geht auf

Yona Kim nutzt diese besonderen Künstler-Biografien als Steilvorlage, um die beiden Stücke ineinander zu spiegeln. Mit den Prachtbänden des Kapitals von Marx im vorrevolutionären russischen Bauernschrank und den Stalin- und Hitlerpappmacheköpfen als Personifizierung der politischen Perversionen schlechthin, gerät das mehr didaktisch direkt, als dialektisch pointiert. Insgesamt jedoch geht die szenische Rechnung zu der musikalischen und vokalen Prachtentfaltung beeindruckend auf.  

Für den anderthalbstündigen Zweiakter „Wir gratulieren“ hat sich Weinberg das Libretto aus dem Schauspiel „Mazl tov" von Scholem Alejchem destilliert. Die vor allem in der Kunst poetisch überlieferte Atmosphäre der russischen Juden im Zarenreich ist die Vorlage für die Bilderwelt der Inszenierung. Ein raumgewordenes Gemälde mit einer atmosphärischen Schtetl-Melange aus Chagall und Anatevka. Immer wieder steht der Fiedler im Hintergrund. Hier gibt es die kleinen Revolten des Personals gegen das Regiment der aristokratischen Madame. Sie betreten den Speisesaal der Herrschaft wie durch eine vergrößerte Katzenklappe. Obwohl im Hintergrund die Bildnisse des Zarenpaares von Lenins und Stalins Konterfei abgelöst werden, ändert sich für sie nicht wirklich etwas. Zumal sich dann auch noch Hitler und Stalin die Hand reichen. Hier finden sich zwei Paare mit ihren Hoffnungen und Illusionen zusammen, während eigentlich in der Bel Etage eine Verlobung vorbereitet wird: Das Dienstmädchen Fradl (Gloria Rehm) und der Diener der Nachbarn Chaim (Ipča Ramanović); die Köchin Bejlaja (Elisabeth Auerbach) und der fliegende Buchhändler Reb Alter (Winfried Mikus). Dass man für die kurzen hochfahrenden Auftritte von Madame mit Irina Simmes den puren vokalen Luxus aufbietet, ist eine Zusatzrendite der Kopplung mit dem zweiten Stück, in dem sie eine Hauptrolle spielt. 

Im „Ring des Polykrates“ ist sie die elegante Gattin Laura des Hofkapellmeisters Wilhelm Arndt, den Alexander Geller im genau zu ihr passenden mondänen Charme eines erfolgsverwöhnten Komponisten unter dem berühmten (leicht abgewandelten) kalifornischen HOLLYWOOD-Schriftzuges verkörpert. Das Gerüst der Bühne bleibt unverändert aber die Durchblicke liefern eine andere Zeit und einen anderen Ort, auch als das Libretto vorsieht. Die hatten Leo Feld und Komponistenvater Julius ans Ende des 18. Jahrhunderts verlegt, als die Schiller-Ballade brandneu war. Genau die nimmt der Freund des Hausherrn zum Anlass, ihn zu einem Beziehungsexperiment zu verführen. 

So viel (reichlich ausgemaltes) Berufs- und Beziehungsglück wie hier kann es gar nicht geben. Noch dazu, wenn es so schwelgerisch und in Vorahnung des Melodienüberschwangs der „Toten Stadt“ daher kommt. Dazu ein souveräner Plauderton, der von Strauss und den Meistersingern profitiert und mit musikalischen Déjà-vues amüsiert. Das meint auch der vom Schicksal gebeutelte Freund Peter Vogel (wieder Ipča Ramanović), der aus dem Krieg und mit nur einem Arm heimkehrt und obendrein auch noch ausgeraubt wurde. Wie in der berühmten titelgebenden Schiller-Ballade rät er dem Freund, den er im Überschwange seines Glückes vor allem mit Neid betrachtet, seine Frau mit Streit und Widerspruch zu provozieren und nach ihren Geheimnissen zu befragen. Die freilich findet diese neue Seite an ihm toll. Ein heute etwas seltsam wirkendes Frauenbild. Doch am Ende liest er ihr Tagebuch und sie den Schiller. Man versöhnt sich und es „wendet sich der Gast mit Grausen.“ Für die komödiantische Balance wird dieses Spiel vom niederen Paar, dem Kopisten Florian (Namwon Huh) und Lauras Dienstmädchen Lieschen (Gloria Rehm), nachgespielt. 

Der Witz der Inszenierung besteht darin, das Sonnenbad im Dauererfolg ein paar Mal anzuhalten und das Jahrhundert und die Biographien durchscheinen und durchklingen zu lassen. Dazu setzt sich Stanislav Novitsky ans Klavier und bringt mit Passagen aus Korngolds für den kriegsversehrten Paul Wittgenstein komponierten Klavierkonzert Cis-Dur für die linke Hand (1923) eine andere Stimmung auf die Bühne. Dazu tauchen die Personen des ersten Stückes wie mahnende Flüchtlinge aus der Vergangenheit auf. Das ist nicht nur klug gedacht, sondern funktioniert auch szenisch. Zumal genau diese Besinnung auf die Schattenseiten des Glücks auch der explizite Gegenstand des heiteren Korngold-Einakters ist, während das Personal bei Weinberg seine Kraft zum Überleben aus der Fähigkeit zum Träumen bezieht.

Auch rein musikalisch machen Oliver Pols und das Philharmonische Orchester Heidelberg die Kombination dieser zwei fremdvertrauten musikalischen Handschriften zwischen Meister-Souveränität und Wunderkind-Geniestreich zu einer Mischung aus Entdeckung und purem Genuss. Das fabelhafte Ensemble, das Produktionsteam und die Musiker wurden entsprechend bejubelt. Der Forscherehrgeiz des Heidelberger Theaters und seines Operndirektors Heribert Germershausen hatten der Premiere noch ein Symposion zum Komponieren und Dichten unter politischer Repression vorangestellt, in dem es um die Lebens- und Schaffensbedingungen von Mieczysław Weinberg (1919–1996), Isang Yun (1917–1995) und Erich Wolfgang Korngold (1897–1957) sowie Olga Borissowna Martynowa (*1962) und Zafer Şenocak (*1961) ging.

Alexander Geller (Wilhelm Arndt, Hofkapellmeister). Foto: Annemone Taake

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