Einmal Zukunft und zurück – Verdis „Messa da Requiem“ an der Oper Halle


(nmz) -
Es ist durchaus legitim, den Eröffnungsabend der neuen Spielzeit in der Oper Halle für Affentheater zu halten. Wobei dieses Etikett nicht nur dann zutrifft, wenn man es kritisch meint und ohnehin ein Problem mit dem assoziativ Grenzen aufbrechenden Theater des regieführenden Intendanten Florian Lutz hat. Oder, wenn man die Affenmasken für den gewaltig aufgestockten Chor und Teile des Publikums nicht nur für unbequem, sondern auch für albern oder unangemessen hält. Zumal Verdis „Messa da Requiem“ der Form und dem Namen nach eine Totenmesse ist.
16.09.2018 - Von Joachim Lange

Aber schon Verdis Zeitgenossen und erst Recht dem interpretierenden Musiktheater der Gegenwart gilt das 1874 uraufgeführte Werk nicht nur als ein Stück, das man nur mit religiöser Habachtstellung anhören sollte, sondern auch als eine Steilvorlage für die Bühne, gar als Verdis größte Oper. Das ist nicht anders, als bei Händel und seinen Oratorien. Allein wie das „Dies irae", die Tage des Zorns, donnernd losbrechen, entstehen Bilder gleichsam von selbst. Auch wenn die Abfolge der Musik keine Handlung im klassischen Sinne evoziert, hat das schon viele Regisseure (vor kurzem etwa Calixto Bieito in Hamburg) eher angeregt, als blockiert.

Diesmal ist aber auch ganz wörtlich genommen ein Affentheater. Denn die zweite Version der Halleschen Raumbühne – jetzt namens Babylon – imaginiert eine Stadt nach einer großen Katastrophe, nach der die Affen die Macht übernommen haben. Die Zuschauer gucken verdutzt aus ihren übergezogenen (oder auch nicht) Schutzanzügen wenn sie die ersten Affen entdecken. So wie es Charlton Heston als Astronaut Taylor im „Planet der Affen“ ging, als er von bewaffneten Gorillas gefangen genommen wurde. …

Diese inszenierte Messe spielt wie dieser Filmklassiker mit einem Zeitsprung in eine Zukunft, die ihre Unschuld als verlängerter Menschheitsfortschritt verloren hat. In der haben sich die Menschheit offenbar selbst aus dem Spiel genommen und in einer evolutionären Schleife die Macht über den Planeten an ihre Vorfahren verloren. Wir erleben, wie der eine Leitaffe den anderen (ganz nach biblischem Vorbild) erschlägt, um die Macht zu übernehmen. Er lässt seine Truppen im Gleichschritt und unter wehenden Fahnen marschieren und hält sie mit verteilten Cola-Büchsen und Bananen bei Laune. (Wäre man nicht eh schon gegen das geräuschvolle Öffnen von Getränkedosen auf der Bühne wäre – man könnte es jetzt werden…) 

In dieser untergegangenen Welt können Menschen nur zwischen Müllsäcken, auf Inseln der Wildnis, in einem alten Kleinbus oder in einem unentdeckten Labor als Menschen überleben. Romelia Lichtenstein, Eduardo Aladrén, Ki-Hyun Park und Svetlana Slyvia machen das durchweg mit vollem vokalen und darstellerischen Einsatz. Immerhin haben sie noch so viel Zugang zu den Resten ihrer auch zerstörerischen Technologie, dass sie in einer Simulation, die zwischen Befriedung und Töten der Affen variiert, einen Restart der Zivilisation versuchen können. Was sie – wen wunderts – mit der Präferenz „alle töten“ auch tun. 

Bühnenbildner Sebastian Hannak hat seinen Opern-Abenteuerspielplatz Heterotopia weiterentwickelt. Nicht nur inhaltlich durch die Fassaden-Kulissen, sondern auch optisch, vor allem aber akustisch. Das Orchester unter der umsichtig koordinierenden Leitung von Christopher Sprenger ist nicht mehr in der Tiefe des Grabens versenkt, sondern jetzt zu ebener Erde sichtbar im Zentrum platziert. Die Verstärkung der Sänger funktioniert (zumindest von der linken Seitenbühne aus) erstaunlich gut. Absperrzäune verbannen nicht mehr eine ganze Zuschauergruppe in einen deutlich unterprivilegierten Sektor, sondern markieren nur die Trennung zwischen den sich bekriegenden Menschen und Affen. Wer als Zuschauer auf die Distanz zum Bühnengeschehen nicht verzichten möchte, der kann den überbauten Zuschauerraum und die mit mehrstöckigen Galerieplätzen ausgestatteten drei Bühnenseiten insgesamt von den eigentlichen Rängen aus als klassischen Guckkasten konsumieren. Ganz offensichtlich hat das Produktionsteam berechtigte Kritik an der ersten Raumbühne bei der zweiten berücksichtigt. Dass man sich nicht durchringen kann, von der Zettelwirtschaft zu konventionellen, auch die gesungenen und hinzugefügten Texte liefernden Programmen zurückzukehren, bleibt ein Manko. 

Der Hauptdarsteller ist diesmal der fabelhafte Hallesche Opernchor samt seiner Extraverstärkung. Die müssen nicht nur ohne Alternative mit den Affenmasken, sondern auch noch mit entsprechenden Zettelkostümen von Mechthild Feuerstein klarkommen und in allen möglichen Lagen singen. Für den (leider!) Richtung Köln scheidenden Chordirektor Rustam Samedov ist dieser Abend ein Abschiedsgeschenk, das sich wirklich hören und sehen lassen kann!

Zum Finale, dem „Libera me“, also „Befreie mich“, tauchen die Menschen aus der Versenkung wieder auf. In Formation, mit weißen Kitteln und blonden Perücken ebenso einheitlich wie vorher die besiegten Affen. Und dann zückt jeder sein Smartphon und gibt seine individuellen Wünsche nach Befreiung (von schlechtem Wetter, über Krankheit bis Helene Fischer) ein. Dieser explodierende metaphorische Egoismus ist als großes Fragezeichen die Antwort, die der packende Abend bereithält. Tröstlich ist das nicht. Eine Herausforderung zum Nachdenken, aber schon.  

Der Jubel war am Ende beachtlich – die Fans der Oper in Halle, so wie sie jetzt ist, eindeutig in der Überzahl.

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