Fliegen ohne Absturzgefahr – Puccinis „La Rondine“ am Meininger Staatstheater


(nmz) -
Hörbar Freude an diesem Ausflug in das Zwischenreich von Oper und Operette hatte man am Meininger Staatstheater. Ein lichterloh brennender Konzertflügel vor wogendem Meer und darüber hinwegziehenden Wolken bildet das poetische Schlussbild der Meininger Inszenierung von Bruno Berger-Gorski. Das Ensemble bediente das Pathos des letzten Meisters der ganz großen italienischen Gefühlsoper sowie die Leichtigkeit des Plaudertons, den er eben auch drauf hat, findet Joachim Lange in der Besprechung der Premiere.
02.12.2019 - Von Joachim Lange

Die Titelheldin in Giacomo Puccinis „La Rondine“ hat nicht die Schwindsucht wie Mimi in dessen Erfolgsschmachtstück „La Boheme“ oder wie Violetta Valéry in Giuseppe Verdis Klassiker „La Traviata“. In Puccinis drittletzter Oper (vor „Il Trittico“ und „Turandot“) hat sie höchstens „Entschwind“-Sucht. Was man schon am Kosenamen Schwalbe erkennt. Sie stirbt am Ende nicht, sondern verlässt nur ihren Liebhaber Ruggero. Um ihn zu schützen. Vor ihrer unmoralischen Kurtisanen-Vergangenheit. Sie singt sich mit allem puccinesken Pathos von ihm los. Er ist ein braver, etwas naiver Junge vom Lande. Das erste Mal in Paris und daher leicht entflammbar. Und dann landet er ausgerechnet im Salon des Bankiers Rambaldo (ein Jugendfreund seines Vaters), der dort mit seiner Geliebten Magda eine illustre Schar von Gästen empfängt. Hier ist man en vouge und plaudert über die sentimentale Liebe. Der Dichter Prunier sieht das eher locker, Magda möchte gerne daran glauben. Der unbekannte junge Mann wird – bereits nach seiner ersten Arie – zum Objekt ihrer Begierde. Man empfiehlt ihm einen Besuch im berühmten Tanzpalast Bullier, um Paris richtig kennenzulernen. So kommt es bei Puccini – wie in der „Fledermaus“ – zu einem veritablen Ballakt samt eines Walzerrauschs. Und des in der Abendgarderobe ihrer Herrin unverhofft auftauchenden Dienstmädchens Lisette. Adele lässt grüßen. Magda selbst kommt inkognito als Grisette Paulette und prompt verliebt sich Ruggero in sie.

Dann wechselt die Handlung in Traviata-Nähe – man hat eine schöne gemeinsame Zeit mit sich allein an der Côte d’Azur. So lange das Geld fürs Hotel reicht und bis Ruggero Zukunftspläne schmiedet – Heiraten, Kinderkriegen, die Mama aufsuchen. Jetzt rückt Magda nicht nur mit der Wahrheit über Zahl und Art ihrer Männerbekanntschaften heraus, sondern verzichtet darüber hinaus mit Rücksicht auf Ruggeros bürgerliche Reputation auf ihre Liebe und entschwindet. Ein lichterloh brennender Konzertflügel vor wogendem Meer und darüber hinwegziehenden Wolken bildet das poetische Schlussbild der Meininger Inszenierung von Bruno Berger-Gorski für die Verzweiflung Ruggeros und die Desillusionierung Magdas.  

In die Spitzengruppe der dauerpräsenten Puccini-Werke wie Manon Lescaut, La Boheme, Madama Butterfly oder Turandot hat es die Schwalbe nie geschafft. Trotz oder vielleicht auch wegen dieses vergleichsweise menschenfreundlichen Finales einer Lovestory, die es auf der Opernbühne längst (ja auch von Puccini selbst) in tödlich endenden Herzschmerz-Varianten gab. Das im vorletzten Kriegsjahr 1917 in Monte Carlo uraufgeführte Werk hätte eigentlich noch leichtfüßiger und operettiger geraten sollen, als es ohnehin schon ist und auch in den Überarbeitungen blieb. In Meiningen wird die zweite Fassung von 1920 gespielt, die nochmals revidierte kam ein paar Monate vor dem Tod des Komponisten 1924 heraus. 

Der Auftraggeber – das Carl Theater in Wien – wollte Operette. Oder zumindest so etwas ähnliches wie den Rosenkavalier. Puccini wollte trotz seiner offenen Lehár Verehrung keine Operette machen, geriet aber doch in ihren Bannkreis. 

Für diesen Balanceakt, die rechte szenische Form zu finden ist das eine, ihn musikalisch zu bewältigen das andere. In Meiningen ist beides ganz vorzüglich gelungen. 

Regisseur Berger-Gorski und seinem Team (Bühne: Helge Ullmann, Kostüme Francoise Raybaud, Video: Jae-Pyung Park und Choreografie: Andris Plucis) ist eine abstrakte Eleganz gelungen, die der Ambivalenz des Stückes gerecht wird, ohne es operntragisch zu überfordern oder operettenleicht zu verramschen. Die Schwalbe schwebt insgesamt mit einer sinnlich greifbaren Leichtigkeit immer ein paar Handbreit über dem Boden. Beweglich transparente Paravents wechseln spielerisch zwischen Salon, Ballsaal und Hotel. Die Wolken-Meer-Schwalbenvideos im Hintergrund evozieren Sehnsucht, die Kostüme einen Chic, der mit den Mustern der 50er und 60er Jahre spielt, der sich immer noch mit dem Ort der Uraufführung in Verbindung bringen lässt. 

Auch die Chance, im personalintensiven Ballakt ein paar Akzente zu setzten, lässt sich die Regie nicht entgehen. Mit Ballett-Einlagen (der Truppe des Landestheaters Eisenach), Männerstrip im Hintergrund und einer Variante von Grisettenvergnügen a la Maxime. Aber auch mit einem Mann an Krücken oder einer älteren Frau, der der eigene Mann abhanden gekommen ist – im Uraufführungsjahr war der erste Weltkrieg noch nicht zu Ende, aber seine Schrecken allgegenwärtig. Die macht aus dem knackigen Stripper im wahrsten Wortsinn eine Sahneschnitte und bleibt bis die Stühle hochgestellt werden. Das sind wohldosierte Irritationen, die das entfesselte Pariser Nachtleben vorm Operettenkitsch bewahren. 

Im Graben haben die Musiker unter der Leitung des jungen Gastdirigenten Leo McFall hörbar Freude an diesem Ausflug in das Zwischenreich von Oper und Operette. Sie bedienen das Pathos des letzten Meisters der ganz großen italienischen Gefühlsoper und die Leichtigkeit des Plaudertons, den er eben auch drauf hat.

Elif Aytekin ist eine betörend verführerische Magda, deren natürlicher Spielweise man am Ende ihren Verzicht abnimmt. Tenor Alex Kim setzt auf seinen Schmelz und münzt darstellerische Zurückhaltung zum glaubhaften Rollenporträt seines Ruggero um. Aber auch abseits der beiden und um sie herum gewinnt die Schwalbe an Flughöhe. Regine Sturm macht aus ihrer Lisette ein ehrgeiziges Dienstmädchen, das als Künstlerin zwar scheitert und dann wieder in ihr altes Arbeitsverhältnis zurück will, aber wenigsten den Dichter Purnier (etwas leichtgewichtig: Robert Bartneck) abbekommen hat. Wunderbar als frisch lebendige Freundinnen Magdas: Imogen Thirlwall (Yvette), Carolina Krogius (Bianca) und Marianne Schechtel (Szuy). Solide auch mit kurzem Auftritt: Tomasz Wija als Magdas großzügiger „Gönner“ Rambaldo. Viele weitere kleine Rollen und der von Manuel Bethe einstudierte Chor machen diese Schwalbe auch musikalisch zu einem Vergnügen.  Entsprechend herzlich und einmütig fiel der Premierenbeifall in Meiningen aus. 


  • Nächste Vorstellungen: 01.12.2019 (19.00), 04.12.2019 (19.30), 20.12.2019 (19.30), 12.01.2020 (15:00 Uhr), 13. Februar 2020 (19.30), 16. Februar 2020 (19.00), 14. März 2020 (19.30), 02. Mai 2020 (19.30), 15. Mai 2020 (19.30), 20. Juni 2020 (19.30). Premiere in Eisenach: am 29. Februar 2020.
  • Die Oper ist eine Koproduktion mit der Oper Bytom/Katowice und wird daher auch in Polen zu sehen sein.

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