Holger Schäfer beim europäischen Minnesang-Festival in Braunschweig


(nmz) -
Wenn Holger Schäfer seinem liebsten Hobby nachgeht, wirkt er der Gegenwart entrückt. Der 38-Jährige trägt seine grauen Haare kinnlang, hüllt sich in ein grünes Gewand und spielt Harfe. Schäfer ist ein Minnesänger mit Leib und Seele. «Ich will die Leute mit dem Minnesang verzaubern», sagt er. Der Musiker wurde bereits zum «Minnesänger des Jahres 2008» gekürt und steht von Donnerstag bis Sonntag in Braunschweig beim ersten europäischen Minnesang-Festival Norddeutschlands in Braunschweig auf der Bühne.
14.10.2009 - Von Karina Scholz - ddp

Dann singt Schäfer mit sanfter Stimme jahrhundertealte Volkslieder auf Mittelhochdeutsch. Oder er erzählt zu den charakteristischen Harfenklängen in alten Tonarten Geschichten von Rittern und Hofdamen. «Es geht darum, die Zuhörer in eine gewisse Stimmung zu bringen», beschreibt Schäfer seine Motivation. «Die Menschen kommen beim Minnesang zur Ruhe, sie werden nachdenklich.»

Ursprünglich diente der Minnesang aber nicht der Entspannung, sondern stellte das «mühevolle Werben um eine unerreichbare Frau» dar, wie der künstlerischer Leiter des Minnesang-Festivals, Lothar Jahn, erklärt. Bereits ab Mitte des 11. Jahrhunderts hätten französische Trobadors und Trouvères an den Höfen ihre Liebeslyrik vorgetragen. Im mittelhochdeutschen Minnesang habe sich vom 12. bis 15. Jahrhundert neben der Liebeslyrik auch die sogenannte Sangspruchdichtung herausgebildet, die sich mit politischen, religiösen und moralischen Themen befasste.

«Manchmal klang Minnesang sogar wie Rap», sagt Schäfer und lacht. Besonders Kinder und Jugendliche seien dann von der Musik unmittelbar angesprochen und begeistert. In Oswald von Wolkensteins Lied «Vil lieber grüesse süesse» würden zum Beispiel die Freuden des Lebens im Wechsel der Jahreszeiten bedacht, erzählt Schäfer. Das klassische Thema der Minnesänger sei jedoch die Liebe gewesen. Die romantische Vorstellung eines musizierenden Minnesängers unter dem Balkon der Liebsten findet Schäfer dabei nicht kitschig. «Ich kann mir vorstellen, dass das manchmal so gewesen ist», sagt er schmunzelnd.

Der 38-Jährige aus Adelebsen bei Göttingen ist ein leidenschaftlicher Musiker und Minnesänger. Seit Jugendzeiten sei er von mittelalterlicher Musik begeistert gewesen, sagt Schäfer. Zwar studierte er Barockmusik und lernte zuerst Orgel und Cembalo, eine Vorform des heutigen Klaviers, spielen. Doch in seiner Freizeit beschäftigte er sich mit den Klängen des Mittelalters und brachte sich das Harfespielen bei. Heute unterrichtet Schäfer hauptberuflich Flöte und Klavier, leitet verschiedene Chöre und ist nebenbei Minnesänger. «Am liebsten würde ich jeden Freitag woanders auftreten», schwärmt er von seinem Hobby.

Zuhörer können Schäfer beim «Internationalen Sängerkrieg zu Ehren Ottos IV.» am Samstagabend (17.10.) in der Braunschweiger Martinikirche erleben. Dann will er zusammen mit sechs anderen Minnesängern im Rahmen des Europäischen Minnesang-Festivals um die Gunst der «Kaiserin Beatrix» werben. Denn wie im Mittelalter wird der beste Sänger auch am Samstag in Braunschweig von der Dame des Hofes erwählt.

Beatrix, die erste Gattin Ottos IV, wird beim «Sängerkrieg» von einer Laienschauspielerin dargestellt. «Andere historische Charaktere wie Kaiser Otto oder der Minnesänger Walther von der Vogelweide werden von professionellen Schauspielern und Musikern gespielt. Bei Beatrix war es uns wichtig, dass die Frau unparteiisch ist. Sie soll entscheiden, welcher Minnesänger ihr Herz bewegt hat», erklärt Ulf Hilger, Projektleiter des Festivals. Holger Schäfer hofft, dass er es sein wird.

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