Hotel ohne Aussicht – Theater an der Wien glänzt mit „Halka“ von Stanisław Moniuszko


(nmz) -
Wenn die Wiener Staatsoper schon mal mit einer Uraufführung (Olga Neuwirths „Orlando“) auftrumpft, dann hält das Theater an der Wien zumindest mit einem Ausgrabungsschmankerl samt Star-Schlagobers dagegen. Die aktuelle Premiere im zweiten Wiener Opernhaus galt der polnischen Nationaloper „Halka“ von Stanisław Moniuszko.
16.12.2019 - Von Joachim Lange

Das ist bemerkenswert, weil es von polnischen Opernkomponisten allenfalls Karol Szymanowski und Krzysztof Penderecki im deutschsprachigen Raum zu einiger Bekanntheit gebracht haben. Wenn sich ein Haus wie das Theater an der Wien mit einem Tenor vom exquisiten Range Piotr Beczałas schmücken will, dann muss es damit rechnen, dass der seinen Starbonus nutzt und sagt: wenn Ihr „Halka" ansetzt, dann komme ich. Die Opernleitung hat sich (mit sieben Jahren Vorlauf) für „Halka“ entschieden und Beczała kam tatsächlich. Dazu sein Landsmann Tomasz Konieczny in der Rolle des Finsterlings im Stück. Man hat aus dieser Inszenierung gleich noch eine Kooperation mit dem Teatr Wielki, der Polnischen Nationaloper in Warschau, gemacht, sich selbst aber das Recht der ersten Nacht gesichert. An dem berühmten Warschauer Theater war Moniuszko übrigens von 1858 an 15 Jahre lang Chefdirigent und in dieser Funktion oft der Interpret seiner eigenen Werke.

Beczała ist einer der Gefragtesten seines Faches – in Bayreuth rettet er vor zwei Jahren durch seinen Einsatz die Lohengrin-Premiere, nachdem Roberto Alagna der Gralsritter offenbar zu heiß geworden war. Damals fragte man sich, warum der Pole nicht gleich die erste Wahl war. Auch dort war schon Konieczny sein dunkler Gegenspieler als Friedrich Telramund. Für die Amerikanerin Corinne Winters war es erklärtermaßen ein erheblicher Vorteil beim Hineinfinden ins polnische Idiom für ihre Halka, dass für „ihre“ beiden Männer im Stück Polnisch die Muttersprache ist. Es lässt sich naturgemäß von außen nur schwer beurteilen, aber es klang auch bei ihr alles sehr geschmeidig….  

In „Halka“ ist der Tenor Jontek der treue Freund der Titelheldin; ihr wohlhabender Geliebter der Bassbariton Janusz. Der will sie vor der standesgemäßen Hochzeit mit Zofia loswerden, ohne ihr das direkt zu sagen. Jontek gelingt es nicht, Halka die Augen zu öffnen, sie will den Versprechungen von Janusz auf eine gemeinsame Zukunft auch dann noch glauben, als der Augenschein eines ausgelassenen Festes keinen Zweifel mehr daran erlaubt, dass aus den beiden kein Paar werden kann. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Am Ende sind das gemeinsame Kind und Halka tot. Und das Erschrecken über diesen – von Anfang an vorhersehbaren Ausgang der Geschichte – ist allen ins Gesicht geschrieben. 

Bei dem selbst zum Adel gehörenden Stanisław Moniuszko (1819-1872) und seinem Librettisten Włodzimierz Wolski hat die Geschichte eine deutlich sozialkritische Komponente. Geht es doch darum, wie die jungen Herren der besseren Stände (da ist es noch ein Schlossherr) mit ihren Liebschaften aus den unteren Schichten umzugehen pflegten. Bei ihm stehen den Schlossherren sogar noch Leibeigene gegenüber. 

Der polnische Regisseur Mariusz Trelinski, Boris Kodilcka (Bühne) und Dorothée Roqueplo (Kostüme) haben das Stück aus der Zeit der Handlung, die das Libretto vorsieht, gut 200 Jahre bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts an unsere Gegenwart herangeholt und in ein Luxushotel in Zakopane verlegt. Dort wird Verlobung gefeiert, Halka und Jontek gehören zum Personal. Die Familie der Braut Zofia und ihr Bräutigam Janusz können es sich offenbar leisten, in diesem Hotel die Puppen tanzen zu lassen. (In Polen wird tatsächlich viel für große Hochzeiten ausgegeben. [Aber nicht nur da, Anm. der Redaktion])

Ihr Verhalten dem Personal gegenüber steht für weiterbestehende Schichtungen in der sozialen Stellung. Die sind auch in Zeiten der kommunistischen Überformung der Gesellschaft (in der die Inszenierung spielt) oder heute nicht verschwunden. 

Das durchlässige Metall-Konstrukt, das auf der Drehbühne ein Hotel andeutet, erlaubt spielende Ortswechsel. Da ist Platz für die ausgelassene Feier mit Jubel, Trubel, Heiterkeit und diversen – optisch auf Gegenwart getrimmten – Tanzeinlagen. Hier hat Halka einen Auftritt, den man schon als Skandal bezeichnen kann, der aber die feiernde Gesellschaft nicht wirklich aus dem Konzept bringt. Auf der Rückseite finden sich die Hotelküche und ein Hotelzimmer mit Doppelbett. Ein paar Baustämme genügen für den Wald um Zakopane. Videoüberblendungen jeweils zum Aktbeginn evozieren das Wasser in dem Halka am Ende ertrinkt. Langsam durchs Bild geisternde Gestalten gehören zum Personal der Spurensicherung, die hier (nach dem Ende der Oper) einen Todesfall mit ungeklärter Ursache untersuchen wird, dem obendrein eine Frühgeburt und der frühe Tod des Neugeborenen vorausgegangen sind. Diese zeitlichen Überblendungen bereichern die nüchterne Nacherzählung der tragischen Geschichte mit einer surrealen Komponente. Dass Halka quasi mit allen Mitteln bis hin zum demonstrativen Selbstmord um ihre Beziehung zu Janusz kämpft, mag man als eine Art verzweifeltes Ringen um Emanzipation sehen. Es ist aber auch geeignet, ein kritisches Schlaglicht auf eine Gesellschaft zu werfen, in der ein religiös dominierter Moralkodex eine Schwangere ohne dazugehörigen Erzeuger an ihrer Seite – zumindest auf dem Land – immer noch ins moralische Abseits stellt. In Polen dürfte diese Inszenierung vermutlich noch brisanter wirken, als in Wien, zumal man dort das Werk gut kennt.  

Vokal bietet die Komposition über weite Strecken eine Art dramatisch aufgeladenen Belcanto. Mit großem Operngefühl und reichlich Steilvorlagen vor allem für die drei zentralen Partien. Das ist überraschend eingängig. „Halka“ entpuppt sich als eine tragische, gar nicht so weit entfernte Verwandte der Verkauften Braut. Auch wenn die Geschichte selbst eher aus dem Regal mit der immer gleichen Sauerei des Verhaltens der Männer gegenüber den Frauen in einer patriarchalisch strukturierten Welt stammt, geht die Musik mit souveränem Selbstbewusstsein, vom Volkslied bis zur Polonaise, emotional großformatig zur Sache.   

Mit spürbarer Lust geht das ORF Radio-Symphonieorchester Wien (RSO Wien) unter Leitung von Łukasz Borowicz auf diesen Ausflug in die polnischen Berge. Gesungen wird großartig – vor allem Winters, Konieczny und natürlich Beczała laufen zur Hochform auf. Der Russe Alexey Tikhomirov verleiht dem Brautvater Stolnik machtvolle Präsenz. Die Polin Natalia Kawałek gehört zum Jungen Ensemble des Hauses und ist als Zofia ein weiterer Garant für das originalsprachliche Idiom. Auch das übrige Ensemble, der von Erwin Ortner einstudierte Arnold Schoenberg Chor sowie das von Tomasz Wygoda choreografierte Dutzend Tänzerinnen und Tänzer fügen sich in ein musikalisch und szenisch mitreißendes Gesamtkunstwerk ein! 

Für Polen gehört diese Oper zur nationalen Identität, die sich aus ihrem Abwehr der russischen, preußischen und habsburgischen Fremdbestimmung speiste. Nach dem Krieg wurde das Opernhaus in Breslau mit Halka wiedereröffnet. Für Deutschland und Österreich ist diese polnische Oper eine überfällige Bereicherung.

Das könnte Sie auch interessieren: