Im Labyrinth der Macht – Die Oper Leipzig beginnt die neue Spielzeit mit Verdis „Don Carlo“


(nmz) -
Nach Braunschweig jetzt auch Leipzig: Giuseppe Verdis „Don Carlo“ passt einfach zur Spielzeiteröffnung. Man kriegt Schiller und Verdi an einem Abend. Also große Gefühle, große Politik - von allem etwas. In Leipzig hat man sich jetzt für die italienische Mailänder Fassung von 1884, also die vieraktige ohne den Akt in Fontainbleau, entschieden. Damit bleibt der Abend zwar unter der Grand-Opera Überlänge, aber auf dreieinhalb Stunden brutto kommt er trotzdem. Da hätte man die Vorgeschichte in Frankreich ruhig auch noch spielen können.
02.10.2017 - Von Joachim Lange

Da wird nämlich klar, warum die Königin und der Sohn des Königs mehr füreinander empfinden, als die spanische Hofetikette (und eigentlich jede Werteordnung) zulassen. Der spanische Infant Don Carlo und die französische Prinzessin Elisabetta waren einander versprochen und hatten sich bei ihrer ersten Begegnung obendrein verliebt, als die Herrscher es sich plötzlich anders überlegten und der spanische König selbst die Prinzessin heiratete. Davon wird zwar im Laufe der Abends berichtet, aber szenisch und musikalisch steigen wir mit dem depressiven Prinzen ein. Und der ist in der Leipziger Inszenierung zwar der einzige, der in Weiß herumläuft (Kostüme: Sven Bindeseil). Wenn man mal von seinem Großvater Kaiser Karl absieht, der einen (Schlossgespenst-)Aufritt mit Totenschädel in der Hand hat. Sonst ist Schwarz der letzte Schrei am spanischen Hof. Dieser Carlo bleibt freilich trotz aller Fokussierung aufs Politische mehr der Sonderling, als der strahlende Hoffnungsträger. 

Die Ketzer, kommen im Jesus-Look und die flandrischen Gesandten kreuzen beim festlichen Menschen-Verbrennen in Blau auf. Werden aber, als die Unterbühne hochfährt und den Blick auf eine Gruft mit lauter aufeinander gestapelten Totenschädeln freigibt, irgendwie vergessen. Jedenfalls können sie zuschauen wie die von der Inquisition auserkorenen Opfer mit einer Kerze in der Hand in diesen Raum kriechen. Was uns das offene Feuer erspart. Dafür reicht die Regie einen Selbstmord per Kopfschuss mit Blut an der Wand nach, wenn sich Carlo in den Schrein flüchtet, in dem zu Beginn der tote Karl wie eine Heiligenfigur saß… Besonders glücklich umschifft Regisseur Jakob Peters-Messer diese Klippen des Stücks jedenfalls nicht. 

Dagegen entfaltet das Labyrinth aus riesigen dunklen Wänden, Gängen, Kabinetten und Sälen, das Markus Meyer auf die Drehbühne gebaut hat, zunehmend und wirkungsvoll einen Escorial-Sog. Was problemlose Ortswechsel ebenso erlaubt, wie synchrone Szenen – so sieht man etwa, wie die Ebolie die Kassette der Königin stiehlt. 

Für die Schlüsselszene in der sich der König und Posa nahe kommen, sind die zwei Wände, die aufeinander zu laufen genau der richtige Raum. Daneben befindet sich eine steile Treppe, die für den Zugang (und wohl auch das permanente Zuhören) des Großinquisitors steht. Der kommt dann bei seinem großen Auftritt auch von da, steigt sozusagen zum König herab und nimmt ihn Maß.

Das dunkle Labyrinth der Macht, das diese Bühne imaginiert und dem auch die Mächtigen nicht entkommen können, gehört zu den starken Seiten eines Abends, dessen Düsternis und oft allzu statische Tableauhaftigkeit die Dramatik der Musik immer wieder unterläuft. 

Dass sich dadurch die Stimmen unbeirrter entfalten können, nutzen vor allem der fabelhafte Gaston Rivero als Don Carlo und Mathias Hausmann als Marquis Posa mit Verve aus. Für den König, den man ja genauso gut als eigentliche tragische Hauptfigur ausdifferenzieren könnte, ist Riccardo Zanellato samtige elegante Tiefe ein Spur zu harmlos, während Rúni Brattaberg alles daran setzt, die Gefährlichkeit und den Fanatismus des Großinquisitors in seinen Auftritt zu legen. Gal James bleibt dagegen als Elisabetta einfach zu dünn während Kathrin Göring  als Ebolie verhalten beginnt, sich aber in ihrem letzten Auftritt dann doch zu einem der vokalen Höhepunkte des Abends aufschwingt. Da der Chor darstellerisch nicht allzu sehr gefordert ist, kann er stimmlich, fürs Publikum und für seinen an diesem Abend offiziell verabschiedeten langjährigen Chordirektor Alessandro Zuppardo glänzen.

Anthony Bramall ist am Pult des Gewandhausorchesters eine sichere Bank. Es dauert nicht lange, bis das Gewandhausorchester im mitreißenden Verdi-Modus ist, den es dann auch mit Lust voll auskostet. Womit die Herren auf der Bühne besser klar kommen, als die Damen. Dass die Regie manche Chance, die die Bühne geboten hätte, ungenutzt ließ, störte das Publikum bei der Premiere nicht.

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