Im Sandkasten der Macht – Impuls-Festival für zeitgenössische Musik in Sachsen-Anhalt startet mit der Uraufführung von „Spiel im Sand“ in der Oper in Halle


(nmz) -
Die Oper in Halle ist mit ihrer Raumbühne HETEROTOPIA eine Nominierung für den Theaterpreis FAUST gelungen. Sie erlaubte eine interaktive Perspektive auf den Fliegenden Holländer, lieferte aber vor allem für die von der Oper Halle in Auftrag gegebene Uraufführung von Sarah Nemtsovs Oper SACRIFICE und für Elfriede Jelineks WUT einen kongenialen szenischen Rahmen. Um die Fernwirkungen, die die Verwerfungen im Nahen Osten in einer globalisierten Welt haben, geht es auch bei der Uraufführung von SPIEL IM SAND. Ganz direkt im ersten Teil, zu dem die junge Chinesin Leyan Zhang eine Percussion-Komposition zu den vorwiegend gesprochenen Passagen beisteuert.
14.10.2017 - Von Joachim Lange

Indirekt aber auch für den nahtlos anschliessenden zweiten Teil, in dem Hans Rotmans eine exemplarische Geschichte von Federico Garcia Lorca über die Mechanismen von Macht im Spanien Francos vertonte. Wird im ersten Teil gezeigt, wie Hass und Gewalt heute die Ausweglosigkeit der Lage im Nahen Osten bestimmen, fügt der zweite ein Wir-in-Europa-waren-bzw.-sind-auch-nicht-viel-besser hinzu. Mit diesem Musiktheater im Kammerspielformat hat Festival-Intendant Rotmans erstmals mit einer eigenen Komposition den Reigen von Novitäten eröffnet.

Der eigentliche Zuschauerraum bleibt die gesamten 80 Minuten ausgeschlossen. Die vierte Wand dient hier als Projektionsfläche und soll beim Publikum einen Raum für Assoziationen durch die Videos von Sascha Kummer öffnen. Die vom Alltag der Zerstörungen bis ins Universum reichen. Die Musiker des Ishtar Ensembles und die Akteure teilen sich die Bühne und Seitenbühne. Christian Sobbe (Percussion), Andreas Wehrenfpennig (Harfe), Sujung Lee und Mikiko Motoike (Klavier) sind am Rande der Spielfläche platziert; Diana Zavirykha ist mit ihrer Violine manchmal direkt in das Geschehen auf der Bühne einbezogen. Die Zuschauer sitzen an zwei Seiten unmittelbar an der Spielfläche oder verfolgen das Ganze vom „Holländerhaus“ an der Bühnenrückwand aus mehreren Etagen. Über der Spielfläche lässt Astrid Vehstedt (die für Text, Regie und Bühnenbild verantwortlich ist) eine Rakete schweben, aus der symbolträchtig ein Speer ragt und aus der der titelgebende metaphorische Sand fein auf den Boden rieselt. 

Der kürzere Teil des Abends, für den Leyan Zhang sparsam auf Atmosphäre raunendes Schlagwerk setzt, führt uns direkt in den Nahen Osten von heute. Die junge Chinesin war Teilnehmerin an der IMPULS Masterclass 2016 für junge Komponisten. Eine Frau (Azalee Thayer) schreitet als Muttergöttin Ishtar über die Bühne. Klagende Gesänge und ein wie eine Monstranz mitgeführter leuchtender Quader evozieren Fremdartigkeit. Zwei uniformierte arabische Kämpfer (Bassim Al Tyaeb und Mohammed Ayad) putschen sich rhythmisch stampfend auf. Als sie auf einen spanischen „Helfer“ (Amadeu Tasca) treffen, geraten sie in ihrer Sprache (vermutlich) heftig darüber aneinander, wie sie mit dem Fremden verfahren sollten. Die Begegnung eskaliert zu einer Studie über Fanatismus. Wenn dann ein IS-Gotteskrieger (Martin Hässler) wie ein Gesandter aus dem Reich der Finsternis hinzutritt, macht der dem „Ungläubigen“ eine Rechnung auf, in der weder die zivilisatorischen Großtaten der Araber von einst, noch der vermeintliche historische Anspruch auf Spanien und den Rest der Welt oder das „Recht“ aufs Töten fehlen. Bei den sparsam und atmosphärisch von Percussion-Klängen unterbrochenen oder untermalten, auf Arabisch, Englisch, Spanisch und Deutsch gesprochenen Texten – fühlt man vor allem ihre Emotionen, ahnt durchaus was sie umtreibt und wüsste doch gerne etwas genauer, was sie sagen. Man erfährt es aber (leider) nicht. Wenn die beiden Araber in ihrer Sprache in Streit geraten, baut die Regie zudem auf das Spiel mit dem Klischee der Unbeherrschten, zu hysterischen Ausbrüchen Neigenden. Um mit der Wunschvorstellung zu schließen, dass die Kämpfer dann doch nicht dazu den Europäer köpfen, sondern ihre Waffe gegen den IS-Einpeitscher richten. 

Mit der Verständlichkeit des Spanischen in dem Teil, für den der Chef des Impuls-Festivals Hans Rotmann ein eigenständiges Stück Musiktheater für das Ensemble ohne Dirigenten komponiert hat, ist es für das Publikum nicht grundsätzlich anders. Federico Garcia Lorcas poetisches Charisma scheint (nur manchmal auch in Deutsch an der Projektionswand) auf. Die Geschichte spiegelt – nachvollziehbar durch Uniformen (Kostüme: Pia Wessels), Flagge und ein Porträt Francos – das perverse Spiel mit den Mechanismen der Macht in einer kleinen Geschichte um die Ankunft eines Fremden (Martin Häßler) wieder. Es geht um die Machtdemonstration eines Offiziers (Julie Martin du Theil), der von einem anderen (Amadeu Tasca) und dann von dem Fremden selbst hinterm Schreibtisch der Macht abgelöst wird. Auch hier wird auf die Distanz des Geheimnisvollen gesetzt. So kann Spiel im Sand eben auch bedeuten: vom Winde verweht. Das Premierenpublikum würdigte das vokale Niveau und die engagierte Umsetzung ebenso wie das Anliegen wohlwollend. Ob die Zuschauer der angesetzten Jugend- bzw. Familienvorstellung mit der fehlenden Untertitelung besser klar kommen als viele Gäste der Premiere, bleibt fraglich. Im mageren Programm ist nur das aufmunternde Grußwort des Kulturministers von Sachsen-Anhalt Rainer Robra wirklich gut zu lesen. Der beschränkte sich aber nicht darauf, sondern sah sich selbst an, was er da ermutigt hatte. 

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