In Bremen wird das Rockmusical «Nackt!» uraufgeführt


(nmz) -
Bremen - Bloß ein giftgrünes Sofa steht da, ein Sessel und eine Bank. Die Bühne des Bremer Musical Theaters ist für das neue Rockmusical «Nackt!» spärlich möbliert. Geprobt wird gerade die sechste Szene, in der ein Ehemann eine 16-Jährige Schülerin vergewaltigt. Bevor es zum Äußersten kommt, greift Regisseur Christian von Götz ein. Mehr soll erst bei der Uraufführung am Samstagabend gezeigt werden.
30.10.2009 - Von Manuela Ellmers - ddp

Zwei Tage vor der Uraufführung hatte der Regisseur am Donnerstag Journalisten zu einer gut 20-minütigen Arbeitsprobe eingeladen, um - wie der 40-Jährige betonte - einen «kleinen Einblick» in das Stück zu geben. «Diese Szene ist sehr bestialisch», räumt Götz ein, «im Gesamtkontext aber nötig. Im Theater muss nicht immer alles schön sein.»

Die episodisch erzählte Handlung von «Nackt!» basiert auf dem skandalträchtigen Stück «Reigen» von Arthur Schnitzler (1862-1931). «Schnitzler seziert darin das Zusammentreffen von Sexualität und verklemmter Gesellschaft», sagte von Götz. «Mich hat das Stück immer interessiert, weil es eine heutige Energie hat.» Und so hat er das Werk in die Gegenwart übertragen. Wie bei Schnitzler gibt es in insgesamt zehn Szenen zehn unterschiedliche Charaktere. In «Nackt» sind es Hure, Soldat, Au-Pair-Mädchen, Sohn, junge Frau, Ehemann, Schülerin, Regisseur, Sängerin, Abgeordneter.

Dass die Darsteller während der 100-minütigen Aufführung alle einmal nackt auf der Bühne zu sehen sind, ist für Götz ein «Ausdrucksmittel». «Mit der Nacktheit binde ich den Zuschauer und kann damit auch eine drastische, aufgeladene Stimmung erzeugen», erklärte der 40-Jährige, der in Bremen bereits das Musical «Evita» inszenierte. Zu dieser Stimmung trägt auch die wuchtige Rockmusik des amerikanischen Komponisten Brandon Ethridge («We will rock you», Köln) bei. 13 auf deutsch gesungene Songs hat er für «Nackt!» geschrieben. Für Ethridge ist es mehr ein «Schauspiel mit Rockshow» als ein Musical. So spielt die vierköpfige Band nicht versteckt im Orchestergraben, sondern wie bei einem Rockkonzert auf der Bühne.

Das Rockmusical hatte bereits Wochen vor der Uraufführung für Schlagzeilen gesorgt. Nach der Ankündigung, dass Zuschauer, die unbekleidet zu den Vorstellungen kommen, freien Eintritt erhalten, sollen waren zahlreiche FKK-Gruppen auf das Angebot aufmerksam geworden. Daraufhin hatten die Verantwortlichen das Angebot zurückgezogen, weil sie befürchteten, dass es «zur eigenen Selbstdarstellung, die nicht mit Theater, Musik oder dem Inhalt des Werkes zu tun hat», genutzt werden sollte.

Bremens Bürgermeister und Kultursenator Jens Böhrnsen (SPD) hatte im Vorfeld der Premiere von «Nackt!» erklärt, prinzipiell gelte in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz, die Kunst sei erst einmal frei. Er könne sich erst dann ein Urteil erlauben, wenn er auch etwas gesehen habe. Bei der Premiere am Samstag wird Böhrnsen aufgrund eines auswärtigen Termins wohl nicht dabei sein.

In Bremens Politik gibt es einigen offenen Unmut: «Wir können nicht auf der einen Seite den Werteverlust in unserer Gesellschaft beklagen und auf der anderen Seite solche Musicals beklatschen», sagte etwa die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Elisabeth Motschmann. «Ich finde es schlimm und ein trauriges Indiz, das solche Stücke wie ´Nackt!´ Menschen ansprechen.» Wenn der Regisseur davon spreche, dass Schauspieler und Sänger teilweise nackt auf der Bühne spielen und dabei «Grenzen ausloten», dann halte sie das für eine ganz «blöde Begründung für jede Abartigkeit, die man sich nur vorstellen kann», sagt Motschmann.

Die studierte Theologin und ehemalige Staatsrätin beim Senator für Kultur bedauert nach eigenen Worten, dass so etwas in Bremen stattfindet. «Ich für mich lehne so was ganz klar ab», sagte Motschmann. Regisseur von Götz hatte zuvor klargemacht, dass er Bremen auch deshalb als Ort für die Uraufführung gewählt habe, weil das «Publikum hier sehr aufgeschlossen» sei.

Für Dafne-Maria Fiedler, die in «Nackt!» in die Rolle der Sängerin schlüpft, wird der unbekleidete Auftritt wie für alle Darsteller eine Herausforderung: «Ich bin schon sehr gespannt, wie die Zuschauer darauf reagieren werden», sagt sie. Fiedler hat gerade mit ihrem splitterfasernackten Kollegen Jörg-Heinrich Benthien die achte Szene zwischen der Sängerin und dem Regisseur geprobt. «Ich habe schon einige extreme Rollen gespielt», erzählt die 34-Jährige, «aber so eine Sadomaso-Szene spiele ich das erste Mal.»

Für die Uraufführung von «Nackt!» am Samstag im Bremer Musical Theater und die sechs weiteren Vorstellungen bis zum 27. November gibt es noch Karten. Danach soll das Stück auch in Köln, Berlin und Zürich gespielt werden.
  

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