In Rixdorf ist Musike – In Berlin-Neukölln entsteht das Deutsche Chorzentrum


(nmz) -
Selten ist bei einer Pressekonferenz eine so hohe Dichte von Politikerinnen zu beobachten. Doch die der Erteilung der Baugenehmigung für das Deutsche Chorzentrum in Berlin war gewichtig: Der Bund war vertreten durch Günter Winands (an Stelle der die kurzfristig verhinderten Kulturstaatsministerin Monika Grütters), der Berliner Senat durch Klaus Lederer (für das Bundesland Berlin), die Bürgermeisterin des Berliner Bezirks Neukölln durch Franziska Giffey. Dazu traten Alt-Bundespräsident Christian Wulff (jetzt in der Funktion als Präsident des Deutschen Chorverbandes) und Ex-MdB Petra Merkel (als Vizepräsidentin des Deutschen Chorverbandes). Da wirkt einiges zusammen, da bahnt sich etwas an, da kommt etwas ins Rollen. Es geht um das Deutsche Chorzentrum in Berlin.
07.03.2018 - Von Martin Hufner / PM-DCV

Dass man sich so gut gelaunt und über die Parteigrenzen hinaus so gut an dieser Stelle versteht, darf man auch als Symbol dafür sehen, in welchem Maße die Politik bereit ist, sich auch in Sachen Kultur zu engagieren. „Das Chorzentrum wird der neue Dreh- und Angelpunkt für unsere Aktivitäten, um das gemeinsame Singen über alle kulturellen, sozialen oder konfessionellen Grenzen hinweg weiter fest in der Gesellschaft zu verankern. Andernorts wird über Ministerien gegen Einsamkeit diskutiert; Chöre helfen gegen die Einsamkeit durch emotionale Gemeinschaftserlebnisse“, so Christian Wulff, Präsident des Deutschen Chorverbands.

„Wir müssen gewinnen“ (Giffey)

Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey sieht das Haus selbst als ein Symbol für die Möglichkeit, ungünstigen Bedingungen zu trotzen. So sei es zuvor in der Hand einer arabischen Großfamilie gewesen, die offenbar einen Verkauf durch eine Zwangsversteigerung zu verhindern suchte. Nun aber, so Giffey, sei das „Haus in Ruhe“. Diese Ecke der Karl-Marx-Straße verdichte sich mit dem Bau des Deutschen Chorzentrums immer mehr zu einem Kulturkarree. In unmittelbarer Nähe sind der „Heimathafen“ und die Neuköllner Oper, Kinderkünstezentrum der Jugendkunstschule und die Galerie im Saalbau. In Laufweite liegen ferner einige Jazzclubs, direkt vor der Haustür sind die Auf- und Abgänge der U-Bahn-Linie 7 (Station Karl-Marx-Straße).

„Wir müssen gewinnen“, sagte die Bezirksbürgermeisterin. Und sie meint damit: die Hoheit über eine unbedrängte Lebensweise zurückgewinnen. „Gesang hat Menschen schon immer verbunden, unabhängig von Herkunft, Sprache, Religion oder Kultur. Daher freut es mich sehr, dass das Deutsche Chorzentrum sich in Neukölln niederlässt, einem Bezirk, in dem Menschen aus 150 Nationen zusammenleben. An keinem anderen Ort im Bezirk liegen so viele Kultureinrichtungen so dicht beieinander. Ich wünsche mir, dass über die Liebe zur Musik Menschen zusammenfinden und sich auf das konzentrieren, was sie verbindet. Das macht uns als Gesellschaft stark.“

„Hier wird Gutes noch besser gemacht“ (Lederer)

Kultursenator Klaus Lederer sieht in der Einrichtung eine deutliche Stärkung der soziokulturellen Infrastruktur. „Hier wird Gutes noch besser gemacht. Ich bin überzeugt, dass vom Deutschen Chorzentrum Impulse für das Singen, die Förderung der Laienchöre und Anreize für Kooperationen ausgehen werden, die weit über Berlin hinausreichen.“ In unmittelbarer Nachbarschaft zum Heimathafen Neukölln wird das Chorzentrum zugleich Teil des heterogenen und lebendigen Stadtteils und Kulturstandorts Neukölln.

Finanzierung und Pläne

Für Petra Merkel, Vizepräsidentin des Deutschen Chorverbands und Präsidentin des Chorverbands Berlin, schließt sich mit der Errichtung des Deutschen Chorzentrums in Berlin-Neukölln ein historischer Kreis: „Der Deutsche Chorverband ist endgültig in Berlin angekommen. Zur Finanzierung fließen als Eigenmittel des Deutschen Chorverbands rund 1 Million Euro ein, die unter anderem 2007 durch den Umzug nach Berlin aus dem Verkauf der Immobilie in Köln dafür zweckgebunden zurückgelegt wurden. Mit einer Förderung von 2,1 Millionen Euro aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Fördermitteln in Höhe von 645.000 Euro der Lotto-Stiftung Berlin kann das Projekt Deutsches Chorzentrum jetzt verwirklicht werden.“

Der verbleibende Fehlbedarf von 3,1 Millionen Euro wird über Darlehen von der KfW und der Berliner Sparkasse bereitgestellt, die in den kommenden Jahren aus den Mieteinnahmen zurückgezahlt werden, wobei die Mietverträge Laufzeiten von bis zu 25 Jahren haben. Als Bauherr fungiert dabei die Immobiliengesellschaft „Haus Karl-Marx-Str. 145 GmbH“, deren Eigentümer und Gesellschafter der DCV ist. Damit ist sichergestellt, dass das wirtschaftliche Risiko nicht unmittelbar beim Verband liegt und es zu keiner Belastung seiner Mitgliedsverbände führt.

Deutsche Chorzentrum als Haus selbst ein kultureller Nucleus

Neben dem Deutschen Chorverband wird im Deutschen Chorzentrum der Chorverband Berlin mit den Büros der hauptamtlich tätigen Mitarbeiter, seiner Bibliothek und einem Musikarchiv ansässig werden. Auch die „neue musikzeitung“ wird im Deutschen Chorzentrum ihr Hauptstadtbüro ansiedeln und mit dem Landesmusikrat Berlin als potentiellem Mieter werden ebenfalls Gespräche geführt. Darüber hinaus wird eine musikalische Kita mit 70 Plätzen, getragen durch Fröbel e. V., zukünftig das Haus mit Leben füllen.

Ab April 2018 sollen die Bauarbeiten für das Deutsche Chorzentrum beginnen und im Herbst 2019 beendet sein.

Politischer und kultureller Glücksfall

Man merkte es allen Beteiligten an, dass sie diesen Termin gerne wahrgenommen haben. Die Gesichter: frohgemut und entspannt: Endlich mal etwas „auf die Kette“ bringen, was die Gesellschaft selbst nach vorne bringt. Die Chormusik und das Chorleben, sowohl von Profis wie Amateuren, scheinen da als verbindende Keimzellen über sämtliche Lager hinweg modellhaft geeignet. Barrieren werden eingeebnet wo es gelingt, zusammen zu arbeiten und in die Zukunft zu schauen.

Die Veranstaltung wurde eingeleitet durch zwei Ständchen der „Schmunzelmonster“, ein Musikkindergarten aus Berlin-Tempelhof, der an der Initiative zum frühkindlichen Singen Die Carusos teilhat. Auch dies ein Zeugnis der Hoffnung auf eine Entwicklung, die nicht nur den Chorverband und sein Zentrum, sondern das gesellschaftliche Zusammenleben als ganzes betrifft.

Christian Wulff begann – mit Blick auf den Berliner Flughafen Willy Brandt (BER) – seine Begrüßung mit den Worten: „Bauprojekte machen mich nervös“. Vielleicht handelt es sich ausnahmsweise einmal um ein produktives Lampenfieber.

Von links: Klaus Lederer, Petra Merkel, Christian Wulff, Franziska Giffey, Günter Winands. Foto: Hufner
Aktueller Zustand des Gebäudes (Seitenansicht). Foto: Hufner

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