Jubiläum mit Neustart – Die jazzahead! 2021 im Zeichen der Pandemie


(nmz) -
Ein Jahr der Wechselbäder ist vergangen. Die jazzahead! als eines der weltweit wichtigsten Branchenevents für Jazz und mehr musste 2020 im Angesicht der Pandemie ebenso ihre Pforten geschlossen halten, wie viele andere Großveranstaltungen. Der Frust über die Zwangsabwicklung eines vorangegangenen Arbeitsjahres wandelte sich erst in den Trotz des „Jetzt-erst-recht!“, dann aber bald in die Kreativität des „Geht-auch-noch-besser”, und das im 15.Jubiläumsjahr.
26.04.2021 - Von Ralf Dombrowski

So hat sich die jazzahead! 2021 zumindest für diese Runde vom 29.April bis zum 2.Mai – und auf der dazu gehörenden Plattform der Messe auch darüber hinaus – in eine vollständig digitale Veranstaltung verwandelt, bei der zwar Panels, Diskussion und Meetings virtuell stattfinden, eine umfassende und intuitiv leichte Beteiligung und Vernetzung aller Besucher und Fachteilnehmer aber möglich und auch gewollt ist. Nicht nur dass: Es wird vor Ort ein umfassendes Showcase-Programm des European Jazz Meetings, der German Jazz Expo und der Overseas Night geben, mit 31 Bands, die via Streams und Konzertmitschnitten vom registrierten Fachpublikum genossen und nachvollzogen werden können. Neu ist ebenfalls, dass die Anmeldung über jazzahead.de bis direkt in die Veranstaltung hineinreicht, also bis zum 30. April möglich sein wird. Viel Veränderungen also, die auf dem Bewährten aufbaut und es weiterführt. Genaueres erzählt die Projektleiterin der jazzahead! Sybille Kornitschky im Interview mit Ralf Dombrowski.         

nmz: Was geht? Wie stellt man eine an sich etablierte Messe neu auf?

Sybille Kornitschky: Wir haben uns nicht hingesetzt und entschieden, wie es weitergeht, sondern sind einem Prozess gefolgt. Nach der brutalen Absage 2020, wo wir ein Jahr lang auf eine Veranstaltung hingearbeitet hatten und sie vier Wochen vorher absagen mussten, war da die totale Leere, für nichts, für die Tonne gearbeitet zu haben. Daraus entstand das Gefühl: Das kann es nicht sein! Die Zeit war schnelllebig, jede Woche, den Monat stellte sich die Situation wieder völlig anders dar. Wir lernten, dass die Pandemie und ihre Folgen dazu führen, dass wir unsere Planungsroutinen neu organisieren mussten. Zwei Monate lang haben wir die Veranstaltung abgewickelt, die nicht stattgefunden hat, währenddessen aber bereits versucht, den Bedürfnissen des internationalen Netzwerkes nachzukommen, das wir ja bedienen. Die Menschen müssen sich austauschen, für ihre Künstler, ihre Organisationen. 

nmz: Was bedeutet das im Einzelnen?

SK: Bis November sind wir davon ausgegangen, dass wie für dieses Jahr eine hybride Veranstaltung planen, in Bremen wie üblich zusammenkommen und Teile der Veranstaltung online übertragen, für die, die nicht anreisen können oder wollen. Mit dem zweiten Lockdown aber mussten wir eine andere Entscheidung treffen. Spätestens ab dem Zeitpunkt hätten sich Schausteller, Agenten, Künstler, Fachteilnehmer um Flüge, Hotels etc. kümmern müssen. Mitte November fiel dann die Entscheidung: Wir machen eine rein digitale Fachmesse. Andere Festivals und Tagungen hatten das auch bereits versucht, aber in der Regel als Notlösung, oft sehr kurzfristig. Das wollten wir nicht.

nmz: Wie veränderte sich dadurch die Planung und Umsetzung?

SK: Wir wollten eine große Lösung und die Arbeitsweise der Aussteller und Fachteilnehmer ins Digitale übertragen. Unser Glück war, dass es bereits im Haus einen Kongress gegeben hatte, der quasi die Feldforschung vorweggenommen hatte und an dessen Erfahrungen wir anknüpfen konnten. Wir dockten an deren Ausschreibung an, sparten viel Zeit, erwarben eine Lizenz für die Plattform talque und konnten uns auf die Inhalte konzentrieren. Manches ließ sich gut, manches sogar besser organisieren als in der analogen Welt. Ein Beispiel: Du hörst eine Band. Das Konzert gefällt dir, du willst sie interviewen, buchen, was auch immer. Die Band geht von der Bühne, landet im Getümmel, ein Gespräch direkt im Anschluss aber gelingt eher selten, weil es oft viele Interessenten gibt. Digital geht das einfacher. Die Künstler gehen direkt in ein Studio und man kann gleich mit ihnen ins digitale Gespräch kommen. Close together from afar. Egal, wo du bist, du kommst unmittelbar ran.

nmz: Was passierte mit den Konzerten von 2020?

SK: Die Bands für die Showcase-Auswahl hatten ja bereits einen langen Prozess hinter sich gebracht, Bewerbungen, Auswahl, vier Jurys und so weiter. Wir haben sie direkt nach 2021 übertragen und dadurch ist ein ganzer Arbeitsteil weggefallen, der Kapazitäten freigemacht hat. Die wollten wir nutzen, um weg von der Idee zu kommen, von einem Jahr auf das andere zu arbeiten. Wir wollten Themen aufspüren und behandeln, die das ganze Jahr über präsent sind. Zum Beispiel Länderporträts entwickeln, tiefer in die einzelnen Szenen hineinblicken, all das, was wir sonst in der Vorbereitung für den Termin der jazzahead! gemacht haben.

nmz: Damit ist die jazzahead! mehr noch zu einem Portal geworden …

In gewissen Hinsicht ja. Es gibt die Website und darüber hinaus die Plattform der Veranstaltung selbst, die wir bis Ende Juli online geschaltet lassen. Damit ist Austausch permanent möglich, es wird zahlreiche Inhalte zum Abruf geben, wir werden damit eigentlich zu einem Ganzjahresbetrieb.

nmz: Was muss man als Aussteller oder Fachbesucher leisten, um dabei zu sein?

SK: Die Registrierung startet über die Website. Dann wird die Anmeldung übertragen auf talque. Die Registrierungen sind natürlich kostenpflichtig, wir müssen ja auch Einnahmen generieren. Durch die Übertragung auf die Plattform bieten sich allerdings neue Möglichkeiten. Du kannst dein Profil individualisieren, mehr von dir erzählen, auf welchen Feldern du arbeitest und wen du eigentlich suchst. Je konkreter du das machst, desto besser kannst du das Netzwerk nutzen. Denn die Plattform bietet Services, sie „matcht“, stellt Verknüpfungen her zu anderen, die zu dem passen, was du angegeben hast. Die gesamte Veranstaltung wird über die Plattform abgebildet, du musst nicht über wechselnde Plattformen arbeiten. Alles ist extrem leicht zu handlen. Konzert anhören, Kontaktaufnahme, solche Sachen gehen gleichzeitig. Zwei live Sessions allerdings nicht. Wir wollten schon bei der analogen Messe vermeiden, dass sich Termine allzu sehr überschneiden. Das war auch diesmal das Ziel. Alle Panels, Live-Sessions, Konzerte aber können innerhalb von ein bis zwei Stunden als Stream abgerufen werden. Und man kann auch, je nach Veranstaltungstyp, Teil der jeweiligen Veranstaltung werden, mitdiskutieren zum Beispiel.

nmz: Inwieweit ist die iazzahead! damit Modell für andere?

SK: Veranstaltungen und Konzerte wird es weiterhin auch live geben, und das ist natürlich unser aller Ziel. Aber die neuen Onlineoptionen haben vielen Veranstaltern auch gezeigt, welche zusätzlichen Möglichkeiten Menschen geboten werden können, an Veranstaltungen teilzunehmen, zu denen sie sonst nicht kommen könnten. Dieses Hybride wird sich viel stärker durchsetzen, davon bin ich überzeugt. Das ist auch einer der Schwerpunkte in diesem Jahr, den wir mit einem Kooperationspartner, MusicTech Deutschland gemeinsam bestreiten. Wir alle wünschen uns analoge Konzerte zurück, unbedingt! Wir sollten es aber nicht verpassen, das Hybride als Chance zu verstehen und anstatt nur auf ein Zurück zu hoffen, gemeinsam daran arbeiten, wie mit hybriden Elementen auch Monetarisierungsprozesse verbunden werden können, und zwar für Veranstalter und Bands gleichermaßen.

Interview: Ralf Dombrowski

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