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Konzert in Hersbruck. Foto: Hochkeppel
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Meisterklasse und Familie – Das Internationale Hersbrucker Gitarrenfestival im 14. Jahr

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Vielleicht weil es diesmal ein Konzert – das üblicherweise am letzten Nachmittag in der kleinen Johanneskirche stattfindende Lautenkonzert – weniger gab, und mancher Name schon in den Jahren zuvor zu lesen war, dachte mancher Journalist beim 14. Internationalen Hersbrucker Gitarrenfestival an ein Übergangsjahr. Wer dann die Woche vom 17. bis 24. August erlebte, musste indes konstatieren: Es war nicht nur gemessen an den Besucherzahlen, sondern auch von der Stimmung unter den Teilnehmern und dem künstlerischen Wert her wohl die bisher erfolgreichste Auflage des Festivals.

Selten hat die kunstvolle Konzertdramaturgie des künstlerischen Leiters Johannes Tonio Kreusch so gegriffen, selten wurde das als Festivalmittelpunkt fungierende AOK-Zentrum so intensiv und rund um die Uhr in Musik getaucht, selten hinterließen die Konzerte so viel Aufschlussreiches über Gitarrenmusik – gerade, wenn sie nicht hundertprozentig gelungen waren. Und selten wurden die Eckpfeiler so klar, die Kreusch eingezogen, und mit denen er das Festival binnen seiner achtjährigen Ägide vom kleinen Amateurtreff zu einem der wichtigsten deutschen Termine gemacht hat. „Ich möchte bei diesem Festival erreichen, was ich selbst im Studium schmerzlich vermisst habe: Dass die klassische Gitarre aus dem selbstgewählten Elfenbeinturm herauskommt. Dass man neue Eindrücke und Anregungen bekommt. Dass das Spielen unter einem einen ganzheitlichen, holistischen Aspekt betrachtet wird,“ sagt Kreusch.

So gibt es hier nicht nur keinen Wettbewerb, sondern es wird tatsächlich jeder, vom 15-jährigen Jungstudenten über den im Internet gehypten Fingerstyler bis zur Klassik-Legende sozusagen als gleichberechtiges Familienmitglied behandelt. Der andernorts übliche, mitunter bis in den Neid übergehende Konkurrenzkampf weicht hier einer entspannten, familiären Atmosphäre, die sowohl dem breit gestreuten Lehrbetrieb - nicht nur die üblichen Meisterklassen und Einzelunterricht , auch Kurse zu generell richtigem Üben, zu Körperhaltung, zu Groove oder zu Auftrittsangst findet man hier – wie auch den stilistisch für alles offenen Konzerten zu Gute kommt. Das hat inzwischen auch das Publikum zu fachkundigen und aufgeschlossenen Afficionados gemacht, denen man erfolgreich interessante neue Künstler nahebringen kann. So wie diesmal schon zum Auftakt den jungen Flamenco-Gitarristen Santiago Lara, der eine moderne Variation des Flamenco spielt, pointiert begleitet von seiner Frau, der gefeierten Tänzerin Mercedes Ruiz. In welche geradezu improvisierende Richtung das ging, kann man sich vielleicht vorstellen, wenn man um das nächste Projekt Laras weiß: Da will er die Musik von Pat Metheny in den Flamenco überführen.

Ebenso neu wie überzeugend war auch die Musik von Adam Rafferty. Der Mann mit den sieben Millionen Klicks auf Youtube ist eine veritable Rampensau, der nach langen und harten Jahren im Jazz nun mit wirkungsvollen und humorvollen Fingerstyle-Versionen von Michael Jacksons „Billie Jean“ über Stevie Wonders „Superstition“ bis zu Chick Coreas „Spain“ ein breites Publikum verzückt. Als eine Art Festival im Festival waren neben ihm noch zwei weitere Fingerstyle-Kollegen zu sehen: Der vielfach preisgekrönte, ebenfalls erstmals in Hersbruck zu sehende Italiener Peppino D’Agostino, mit seinem hymnischen, überbordenden Spiel gewissermaßen der Art-Rocker unter den Fingerstylern. Und der Wiener Michael Langer, dessen Spiel im Vergleich mitunter etwas angestrengt und oberflächlich virtuos wirkte.

In der engen klassischen Szene macht man sich mit so einem Programm – in das jemand wie der stiloffene Franzose Roland Dyens fast idealtypisch passt - vielleicht keine Freunde, doch machen auf der anderen Seite die Stars Eindruck, die bei Festivals mit vergleichbarem Budget sonst nicht zu finden, hier aber eben dank des besonderen Charakters des Festivals und natürlich dank der Kontakte und Überredungskünste von Johannes Tonio Kreusch zu Gast sind. Pepe Romero war heuer bereits zum dritten Mal hier, und die stets von weiblichen Verehrern umschwirrte Legende der spanischen Gitarre lieferte diesmal ein fulminantes Konzert und eine fröhliche Meisterklasse ab. Was Romero für die spanische, ist mit kleinen Abstrichen Carlos Barbosa-Lima für die brasilianische Gitarre. Der Weltreisende war nach zwei Jahren zum zweiten Mal in Hersbruck und damit zugleich verblüffenderweise auch erst das zweite Mal in Deutschland. Wer den vom Münchner Lokalmatador Ahmed El-Salamouny komplettierten brasilianischen Abend erlebte, kann das immer noch nicht glauben. Erstmals gab sich Manuel Barrueco die Ehre, immerhin der bestbezahlte klassische Gitarrist der Welt. Der sonst Makellose leistete sich zwar erstaunlich viele Patzer, wirkte aber gerade deshalb nahbarer, ja vielleicht sogar sympathischer.

Wie im vergangenen Jahr ging es ohne Gitarre in die Abschlussparty, auch das Teil des über den Tellerrand weisenden Programms von Johannes Tonio Kreusch. Sein Bruder, der Pianist Cornelius Claudio Kreusch, demonstrierte mit seinem vor allem rhythmisch schillernden Trio, wie Jazzer immer wieder zaubern können: Kreuschs Begleiter sahen den aus seinem Urlaub in Südfrankreich eingeflogenen Stargast Klaus Doldinger, Deutschlands berühmtester Jazzsaxophonist wie Filmkomponist, zum ersten Mal in ihrem Leben. Alle mussten Stück für Stück aufs Neue zueinander finden - und bekamen das wundersamerweise meist nach kürzester Zeit hin.

Volle Säle, Stimmung, ein mit Leben erfülltes Konzept – das legt die Latte hoch. Trotzdem befinden sich die Festivalmacher, Kreusch wie die Organisatoren der Stadt, eigentlich in einer komfortablen Lage: Bleibt doch immer noch Luft nach oben, auch wenn fast alles nahezu optimal lief.

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