Mit Handy wäre das auch passiert … – Die Händelfestspiele in Halle sind mit „Berenice, Regina, D’Egitto“ bravourös gestartet


(nmz) -
Die Zeiten, in denen es Händelopern gab, die in Halle noch nie aufgeführt wurden, sind vorbei! Mit den Festspielen 2018 hat die Geburtsstadt des Meisters als einzige alle seine 42 überlieferten Opern mindestens einmal im Programm gehabt. Die 1737 in London uraufgeführte „Berenice, Regina d’Egitto“ war die letzte, die noch fehlte. Das ist schon eine Leistung, auf die sich die Hallenser was einbilden können. Das ist gelebte Händelkompetenz hinter den Kulissen, auf der Bühne, im Graben und im Saal.
27.05.2018 - Von Joachim Lange

Das Aufführungsverzeichnis der Stiftung Händelhaus weiß nur von einer weiteren Produktion der „Berenice“ zu Lebzeiten des Komponisten (in Braunschweig), und nach 1985 von ganzen sieben zu berichten. Wobei zwei davon auf das Konto der anderen beiden deutschen Händelfestspiele gehen. 

Wenn sich der Glitzervorhang vor der reichlich genutzten und videogefluteten Drehbühne nach der Premiere zu einem betont ausgelassenen lieto fine wieder schließt, fragt man sich: wieso gerade diese Oper in der stillen Reserve geblieben ist. Die Story ist selbst für barocke Verhältnisse unübersichtlich verworren – hier halt ein wenig mehr. Aber sie bietet musikalisch melodische Abwechslung, dramatische Bravour und jede Menge Arienfutter für Interpreten, die Lust darauf haben, sich in Szene zu setzen. Der umsichtige und inspirierende Dirigent Jörg Halubek und ein Händelfestspielorchester in Hochform machen denn auch aus jeder Nummer und aus jedem Zwischenspiel einen musikalischen Leckerbissen. Und Regisseur Jochen Biganzoli ist genau der Richtige, um aus all dem Chaos Funken zu schlagen. Bei ihm geht nämlich auch szenisch die Post ab. Da reißen sie sich (na ja, einer) im Furor der Leidenschaften sogar schon mal die Klamotten vom Leib und fallen übereinander her. Ohne Mordabsicht.  

Entfesselte Bühnenshow

Biganozli, Wolf Gutjahr (Bühne), Katharina Weissenborn (Kostüme) und Konrad Kästner (Video) nehmen das Ganze nicht nur als (pseudo)historisches Drama über römische Heirats- und Machtpolitik, um die ägyptische Provinz an die Kandare zu nehmen. Sie entfesseln vielmehr eine große Bühnen-Show, in der Politisches und Amouröses bunt durcheinanderwirbelt. Wir erleben dabei die Akteure sozusagen backstage zwischen ihren privaten Ambitionen und der öffentlichen Rolle, die sie spielen (sollen). Dass der Unterschied zwischen dem Senat im alten Rom und dem im neuen Washington und deren politischem mal Hü, mal Hot nicht allzu groß ist und persönliche Karriere- oder Lebensplanungen eher zweitrangig sind, ist der Nenner, auf den Biganzoli das Intrigenspiel bringt. 

Äußerlich kommt dabei eine Melange aus Twitter-, Chat- und Selfie-Manie mit Allongeperücke oder ein In-jeder-Kniebundhose und In-jedem-Damast-Dekolletee-ein-Smartphone heraus. Alle sind in eine Tretmühle der Fremdbestimmung eingespannt. Alle jagen auf der Drehbühne von einem der acht Räume in den nächsten. Jeder hat seine Garderobe, in der er Luft holen kann für den großen Auftritt. Über all das werden wir durch Übertitel und eingeblendete WhatsApp- oder Twitternachrichten auf dem Laufenden gehalten. Ob wir wollen oder nicht. Wer nicht will (oder eine Videoallergie hat) wird von dem spannenden Kampf zwischen der Bilderopulenz und einer vokalen Prachtentfaltung in Atem gehalten, wie es sie in Halle lange nicht so geschlossen gab. Wenn sich dann der smarte Demetrio (Counter Filippo Mineccia) so in Rage singt, dass er erst sein Hemd zerfetzt, die Kabel rausreißt und den Stecker zieht, und so den Bilderlärm zum Schweigen bringt, ist das eine selbstironische Pointe der Regie, die den einsetzenden Szenenapplaus für den fabelhaften Italiener gewiss noch beflügelt hat. 

Mineccia ist zum zweiten Mal (nach seinem Lucio Cornelius Silla vor drei Jahren) in Halle dabei und überzeugt in der Rolle des Liebhabers, der die „falsche“ Frau liebt, voll und ganz. Romelia Lichtenstein wirft sich als personifizierte Händelkompetenz der Oper in Halle voll in die Titelpartie der Königin, die zum Objekt römischer Heiratspläne wird. Sie berührt besonders mit einer Arie vorm offenen Kühlschrank bei einem nächtlichen Frust-Eisessen. Für ein hinreißendes Duett mit der Oboe steigt sie einmal aus der Rolle aus, in den Orchestergraben – und räumt zusammen mit dem Oboisten Thomas Ernert ab. Auch Svitlana Slyvia als die flippige Schwester der Königin und tatsächliche Geliebte von Demetrio ist voll bei der (Händel-)Sache. Natürlich auch Robert Sellier als schmieriger römischer Botschafter Fabio mit seinem geschmeidigen Tenor. Mit technischer Perfektion komplettieren Franziska Gottwald als Arsace (im flotten Wechsel von der Putzfrau zum vorübergehenden, am Ende leer ausgehenden Heiratskandidaten für Selene – aber das ist eigentlich auch egal) und der stimmgewaltige Ki-Hyun Park als Spielmacher im Glitzeranzug das Festspiel-Ensemble. 

Imponierend

Die eigentliche Sensation aber ist Samuel Mariño! Anfang Zwanzig, ohne Bühnenerfahrung. Offensichtlich ein Naturtalent. Ein männlicher Ausnahmesopran am Anfang seiner Karriere. Und wir können sagen: wir sind dabei gewesen! Er soll nach dem Willen Roms Berenice heiraten und will das auch. Am Ende hat sie ein Einsehen, was man nach dieser Sternstunde des Händelgesangs gut verstehen kann! 

Kann sein, dass es dem einen oder andern zu viel Display-Wirklichkeiten sind. Da ist die Bühne nicht anders als das Leben…. Aber: Jochen Biganzoli gelingt das Kunststück, ein Personal aus fernen Zeiten als Menschen von heute zu zeigen. Es ist schlichtweg imponierend, mit welcher Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit sie sich zum fabelhaften Gesang allesamt auch noch auf der Bühne bewegen, ihre Handys zücken, immer wieder Selfies machen und pausenlos herumchatten. Und uns allen einen Spiegel vorhalten. Mit dieser Eröffnungspremiere hat die Oper Halle einen grandiosen Festspielstart hingelegt!!