Oper in Rückblende: Franz Schmidts „Notre Dame“ an der Semperoper


(nmz) -
An der Semperoper ist es fünf vor zwölf. Das hat aber nichts mit dem bevorstehenden Abschied von Intendant Gerd Uecker zu tun. Mit dem vorzeitigen Weggang von GMD Fabio Luisi schon eher, doch auch nur begrenzt. Der bekennende Anhänger des österreichischen Komponisten Franz Schmidt (1874 – 1939) hatte sich für die Wiederentdeckung von dessen Oper „Notre Dame“ stark gemacht. Kurzzeitig stand die Produktion wegen des Theaterdonners um Luisis fristloser Kündigung in den Sternen. Schmidt ist kein Repertoire-Komponist, für den schnell guter Ersatz zu finden ist. Doch Gerd Albrecht hat die Premiere gerettet. Weil Luisi für dessen Köln-Konzert einsprang und beim Gürtzenich-Orchester debütierte.
20.04.2010 - Von Michael Ernst

Fünf Minuten vor zwölf. Wenn der Zeiger oben ist, wird der Strom angestellt. Wer da auf dem elektrischen Stuhl sitzt, hat nichts mehr zu lachen. Dessen Leben rauscht nochmal schnell durch den Tunnelblick. Ein Wort wie Nahtod bekommt ganz schrecklichen Sinn. Die Sekundenzeiger der Bühnenuhren drehen unablässig ihre Runden und lassen das Publikum einer Fünf-Minuten-Oper beiwohnen.

Regisseur Günter Krämer hat sich diesen Kniff einfallen lassen, um die 1914 (zehn Jahre nach ihrem Entstehen) uraufgeführte Oper „Notre Dame“ plausibel zu machen. Sie ist eine der vielen, vielen Romanadaptionen nach Victor Hugos spannender Vorlage, die es ja bekanntlich mehrfach bis ins Musical, nach Hollywood und zum Zeichentrick geschafft hat.

An der Sächsischen Staatsoper Dresden war man sich zunächst gar nicht mal sicher, ob das Werk dort je schon aufgeführt worden ist. Erst nach einem Aufruf ans Publikum konnte die Sache erhellt werden: Es gab 1942 eine Aufführung, doch nicht an der Semperoper, sondern inmitten der Nazi-Zeit am damaligen „Theater des Volkes“. Dass in jenen Jahren martialische Unterhaltung gefragt war – wen wundert’s? Ebenso verständlich scheint die Tatsache zu sein, dass diese Romantische Oper ihren Theaterfrieden gefunden hat, an dem kaum noch wer rüttelt.

Madonna in Guantánamo?

Zur Entstehungszeit seiner „Notre Dame“ war Schmidt knapp 30 Jahre jung und Solocellist im Wiener Opernorchester. Eine Entschuldigung für die blühende Opulenz seiner Musik ist das nicht. Für das verquaste Libretto, das der Komponist gemeinsam mit Leopold Wilk verfasst hat, gleich gar nicht. In Dresden wurde eine Menge an Material gestrichen, die verbliebenen knapp zwei Stunden Spieldauer – darin das aus allerlei Wunschkonzerten bekannte Zwischenspiel im ersten Aufzug – schienen ausreichend genug. An die Bekanntheit des Brachial-Oratoriums „Das Buch mit sieben Siegeln“ wird Schmidts Opernerstling wohl nie herankommen. Der ist zumindest musikalisch ausgefeilter, auch vielfältiger.

Das Team Krämer und Albrecht hat sich schon mit Othmar Schoecks „Penthesilea“ eindrucksvoll wacker geschlagen. Bei Franz Schmidts „Notre Dame“ dürften sie sich ob der Kürzungen rasch einig gewesen sein und haben sich in der Umsetzung dann quasi kontrapunktisch ergänzt. Während Gerd Albrecht die Staatskapelle voll aufblühen und den in der Partitur vorhandenen Schwulst teils bis an die Grenze des Erträglichen laut aufkochen ließ, setzte Günter Krämer auf optische Zäsuren. Im Eingangsbild, dem Hinrichtungsraum mit dem Elektrischen Stuhl, geht das los. Schreck-gelb sind Boden und Wände, die Delinquentin trägt Wasserstoffperoxid zu einem orangenen Overall. Madonna in Guantánamo?

Nein, Esmeralda sitzt da, die Zigeunerin. Sie soll ihren Mann getötet haben und projiziert nun auf die sie noch umgebenden Männer – zwei Wachleute, ein Seelsorger und der Mann für den Strom – in den letzten ihr verbleibenden Augenblicken ihre wichtigsten Lebenspartner. Den Gatten Gringoire etwa, den sie nur geheiratet hat, um ihn vor ihrer Gruppe zu retten. Die hätte den Fremden sonst umbringen wollen. Das erledigt er dann selbst, nachdem ihn seine Eifersucht trieb, den Hauptmann Phoebus zu erschießen, der heftig in Esmeralda verliebt war. Den Archidiakon der Kirche Notre Dame, der die ganze Verlogenheit des heiligen Scheins auslebt und dieser Frau verfallen ist, die nun geopfert werden muss, damit er sein Gelübde nicht bricht. Und natürlich der gute Glöckner Quasimodo, einst Schützling des Geistlichen, dann Esmeraldas Rächer, der den bösen Glaubensmann umbringt.

Verführbar von verlogener Macht

Im zweiten Bild, das düster Kircheninneres suggeriert und bühnenfüllend aus riesigen Buchstaben N-O-T-R-E-D-A-M-E besteht, wird dann linear erzählt. Esmeralda schöpft nochmal Hoffnung, als sie erfährt, dass Phoebus den Anschlag überlebt hat. Doch sie entkommt nicht dem selbstgerechten Archidiakon, der seine Seele retten will und die zum schuldigen Opfer macht, deren Reizen er nicht widerstehen kann. Angesichts der aktuellen Missbrauchsdebatten ist hier eine wunderbare Abstraktion gelungen, die das Ergebnis des absichtsvollen Verlustes menschlicher Ratio versinnbildlicht, ohne plump zu werden.

Bühnenbild und Kostüme (Herbert Schäfer und Falk Bauer) bedienen diese psychologisch auslotende Interpretation mit stimmiger Entsprechung. Auch darstellerisch wird die Linie gehalten, ist Camilla Nylund mit ihrem betörenden Sopran schon ganz die leidvoll Ausgegrenzte, der kaum Entscheidungsspielraum bleibt. Markus Butter als Diakon spielt einen krankhaft fiesen Narren in Soutane, ein bigotter Verführer, der lieber meuchelt, als je einen Fehler einzugestehen. Mit kraftvollem Bass meistert er diesen Part, ohne auch nur ein einziges Mal die Eleganz und Kultiviertheit seiner Stimme zu vernachlässigen. Robert Gambill als Hauptmann Phoebus forciert seinen Tenorpart über die Maßen militärisch, bleibt auch darstellerisch eher Söldner denn lebensvoller Liebhaber. Das trifft auch auf Oliver Ringelhahns Gringoire zu, dürfte aber so angelegt sein, denn der muss ja fremd bleiben in dieser Welt, bis er sie freiwillig verlässt. Als filmreifer Quasimodo agiert Jan-Hendrik Rootering, dem ein erstarkender Wandel vom scheuen Krüppel zum selbstbestimmt Handelnden gelingt – sängerisch gewohnt überzeugend.

Diese Figur bleibt nicht wie das tumbe Gelichter des Volkes – Dresdens Chor perfekt studiert und exakt geführt – verführbar von der verlogenen Macht im Zeichen des Kreuzes. Quasimodo handelt, ist Mensch und gewährt Esmeralda Kirchenasyl. Weil der Archidiakon selbst dieses Heiligtum entweiht und wieder aufhebt, wird er vom ursprünglich als Narrenpapst verspotteten Glöckner getötet. Als ohnehin schon alles zu spät ist. Da stehen die Zeiger Schlag zwölf.

Wieder am 21., 24., 28. und 30. April sowie am 2. Mai 2010
  

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