Oper Halle: Mozarts „Bastien und Bastienne“ trifft Zemlinskys „Florentinische Tragödie“


(nmz) -
Wer Oper auch als ein Abenteuer versteht, das man sich mit dem Kauf einer Eintrittskarte erwerben kann, der ist seit einiger Zeit in Halle gut aufgehoben. Dort kann es einem passieren, dass man mal (wie bei Verdis Requiem in der neuen Raumbühne Babylon) nicht nur zum Mitspielen aufgefordert, sondern sogar zum Affen gemacht wird. Oder, dass man in einer Händeloper (wie „Berenice“) nicht nur mit vokalem Counter-Luxus verwöhnt wird, sondern sich auch in einem Videobilderrausch verlieren kann.
27.11.2018 - Von Joachim Lange

In der laufenden Spielzeit steht sogar eine Opernexkursion nach Afrika an – den Auftakt mit Meyerbeers „Afrikanerin“ gab es schon, die Einladung zur etappenweise Afrikanisierung des Werkes zusammen mit den Künstlern, die schon mit Christoph Schlingensief zusammengearbeitet haben, steht auf dem Programm. Außerdem kehren Annegret Hahn (die lange als Leiterin des Jugendtheaters in Halle überregional Furore machte) und Peter Konwitschny in die Saalestadt zurück. Der Altmeister wird mit Händels „Julius Caesar“ ein Ausrufezeichen hinter eine interessante Spielzeit setzen. Da passt es gut, wenn jetzt Tobias Kratzer, der in Frankfurt, Amsterdam, Brüssel oder Karlsruhe ein gesuchter Regiegast ist, auch in Halle seine Visitenkarte abgibt. 

Auf seinen Wunsch hin mit einem recht ungewöhnlichen Doppelabend: Mozarts Schäferspiel „Bastien und Bastienne“ aus dem Jahre 1768 und Alexander von Zemlinskys 1917 uraufgeführten Einakter „Eine florentinische Tragödie“ dürfte wohl noch niemand nebeneinander auf die Bühne gebracht haben. Hinzu kommt, dass selbst dem interessierten Publikum beide Werke nicht so präsent sind.

Im Falle von „Bastien und Bastienne“ ist ja auch nur deshalb von Interesse, weil sich der zwölfjährige Knabe, der hier eine der Singspiel-Fingerübung ablieferte, tatsächlich als das Jahrhundert Genie entpuppte, das das Wunderkind vermuten ließ. Anders das zweite Stück des Abends: hier kommt ein dramatisches Schwergewicht auf den Prüfstand, für das sich Musiker der Staatskapelle Halle unter Leitung von Christopher Sprenger ziemlich ins Zeug legen müssen. Für ein Orchester, bei dem der Wechsel vom klassischen und spätromantischen Repertoire in den barocken Händel-Modus zur jährlichen Routine gehört, keine allzu abwegige Herausforderung.

Alexander von Zemlinsky (1871-1942) gehört zu den Komponisten, die es im übermächtigen Schatten von Richard Strauss immer noch schwer haben und zum Objekt von Ausgrabungsambitionen taugen. Was für Mozart ja nur für die Werke vor seinem „Idomeneo“ gilt. 

Musikalisch können die beiden Stücke unterschiedlicher nicht sein. Wie sich zeigte, liegt der Reiz dieser Kombination im Kontrast. Bei den Libretti ist es so ähnlich. Das für Mozart geht immerhin auf die Parodie eines Stückes von Jean-Jacques Rousseau zurück und für Zemlinsky lieferte (wie für die Salome von R. Strauss) Oscar Wilde die Vorlage. Wenn auch auf ganz verschiedene Weise geht es in beiden Stücke um Beziehungen. Jeweils ein Paar in einer Krise, bei dem ein Dritter dazu kommt, zuspitzt und zur Lösung beiträgt. Hier als geradezu spielerische (Wieder-)Annäherung, dort als Katastrophe. Für diese szenischen Diagnosen erweist sich der mit der ganz großen Oper von Wagner bis Meyerbeer in den letzten Jahren höchst erfolgreiche Regisseur Tobias Kratzer als der Richtige.

Für den ersten Teil des Abends hat Kratzers Stamm-Ausstatter Rainer Sellmaier drei nach hinten führende Stege auf die Bühne gestellt. Hier steht für jeden der drei Akteuere ein Tisch mit Laptop, mit dem Zugang zu den Chatforen, samt Emojis und Selbstinszenierungen für die Cam. Also alles, was heute so zur Kommunikation von Teenagern gehört, die sich ihrer eigenen Beziehungswünsche und der erwachenden Sexualität gerade bewusst werden. Die doppeldeutige Aubergine, die den Programmzettel ziert (und den zotenliebenden Mozart sicher amüsiert hätte), gibts beim Sex am PC dann auch mal in Echt was wohl die Empfehlung eines Besuchs der Vorstellung ab 16 (und ein paar Buhs am Ende des ersten Teils) begründet. Aber Robert Sellier und Vanessa Waldhart machen das mit einer Leichtigkeit, die fabelhaft zur Musik passt. Und Michael Zehe ist der Vermittler und Ratgeber im Netz (früher war das der Bravo Briefkasten), der als ziemlich verschlampter Nerd sein eigenes voyeuristisches Vergnügen beim Chat-Verkehr der Jugendlichen hat. Handgreiflich wird hier nur jeder bei sich selbst.

Das genau Gegenteil dann nach der Pause. In Florenz oder irgendwo, wo Beziehungen auch Machtspiele sind, bei denen es um Status geht, wo Verletzungen in Frust umschlagen und plötzlich die Lust an der Erniedrigung des anderen durchschlägt. Alles spielt sich in einem Schlafzimmer ab, in dem an allen Möbel- und Kleidungsstücken ein Preisschild baumelt. Was wie eine Liebesnacht mit dem besonderen Kick („wir treiben es nachts im Kaufhaus“) anfängt, schlägt schnell um in einen Psychokrimi, zu dem Sprenger das Orchester jetzt ins rauschhaft Spätromanische, ja Ekstatische steigert. 

Bianca (Anke Berndt mit psychologischer Präzision und sinnlicher Ausstrahlung) und Guido Bardi (die vielversprechende Powertenor-Neuerwerbung des Hauses: Matthias Koziorowski) haben sich verabredet, stürmen aufeinander zu und landen schnell unter der Bettdecke. Sie, eine frustrierte Ehefrau auf Abwegen. Er, als smarter Sohn des Herzogs ein Frauenheld, der sich vor allem um das Wohl der Untertaninnen kümmert. Als Ehemann Simone abgekämpft mit seinem Vertreterkoffer dazu kommt, gibt es den Klassiker vom Liebhaber, der erstmal im Schrank verschwindet. Wenn Simone ihn dann begrüßt und unterstellt, dass das wohl nur ein lieber Verwandter sein kann, und Bianca, das verneint, beginnt ein faszinierender Kampf. Simone zieht nämlich nicht den metaphorischen Degen oder schmeißt den Ertappten raus und verprügelt seine ungetreue Ehefrau. Er spielt das Spiel vom Gast weiter, verkauft dem eine ganze Menge seiner Produkte, immer mit der latenten unausgesprochenen Drohung, Skandal zu machen, benimmt sich zuallererst als die Krämerseele, die seine Frau zu verabscheuen gelernt hat. Selbst als die Männer doppelbödig über ihre stahlgehärteten oder verrosteten Waffen reden, und ihre Männlichkeit meinen, bleibt es noch im Als-ob-Modus. Der Ehemann hat in diesem Spiel von Anfang an die Oberhand, inszeniert es, treibt die beiden in die Ecke. Gerd Vogel hat das stimmliche und darstellerische Format für diese Spiel und setzt es voll ein. Wenn er dann den Liebhaber umgebracht hat, nimmt Bianca das als einen Liebesbeweis, der sie geradezu aus der Fassung bringt. Sie erkennt seine Stärke (an). Er sieht ihre Schönheit (neu). Am Ende tackert Bianca ihrem Mann ein Preisschild an den Hals; billigt ihm also einen Preis oder Wert zu. Der Preis für diese Erkenntnis ist allerdings hoch. Er liegt als Bühnenleiche daneben. Das war der Chat im ersten Stück bedeutend ungefährlicher.

Eine florentinische Tragödie. v.l.: Gerd Vogel, Anke Berndt, Matthias Koziorowski. © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel