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Armin Kahl als Vicomte de Valmont, Anna Thorén als Joséfine de Fontillac, Ensemble. Foto: © Thomas Dashuber
Armin Kahl als Vicomte de Valmont, Anna Thorén als Joséfine de Fontillac, Ensemble. Foto: © Thomas Dashuber
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Raffinessen, dröhnend veräußerlicht – Uraufführung des Musicals „Gefährliche Liebschaften“ in München

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Musikalisch ziemlich schwach findet Wolf-Dieter Peter die Münchner Produktion: „es bleibt nichts hängen im Film-Sound-Gewoge, das die wohl Rock-Konzert-geschädigte Tontechnik zumindest im ersten Teil dröhnend verstärkte und alle Stimmen zudeckte.“ Das war wohl eher nichts.

Ob „ein Mensch nur im Rausch glücklich wird“ fragt sich die feinfühlige, in ihrer Ehe vernachlässigte Präsidentengattin Madame de Tourvel, verneint dies zunächst – und verfällt dann doch dem raffinierten Werben, Drängen und der Berechnung des Vicomte de Valmont. Dem ist das Ganze nur eine zynische Wette mit seiner ebenso kühl berechnenden Ex-Geliebten, der hedonistisch dahinlebenden und –liebenden Marquise de Merteuil. All dieses abgefeimte Spiel mit Emotionen, Werten und einer dahinter nur versteckten Suche nach dem ganz großen, echten Gefühl, der „wahren Liebe“, hat Choderlos de Laclos 1783 in einem zurecht zur Weltliteratur zählenden Buch gestaltet.

Es ist ein Gipfel an Raffinement: diese hoch differenzierte Vivisektion menschlicher Regungen, zwischenmenschlicher Aktionen und Reaktionen findet nämlich ausschließlich im Briefwechsel zwischen Merteuil und Valmont statt – einem Mittel der kühlen Distanzierung und reflektierenden Betrachtung – Schreiben als mikroskopische Untersuchung.

Der Theaterabend im stilistisch perfekt passenden Rokoko-Prunk des Münchner Cuvilliéstheaters beginnt mit einem elektronisch verstärkten Orchestertutti, Vorhang auf und dann begleiten rhythmische Paukeneffekte den Liebesakt Valmonts mit einer seiner Geliebten samt Gestöhne via Mikroport. Damit ist das Grundproblem der Roman-Adaption von Marc Schubring (Musik), Wolfgang Adenburg (Text) und Frank Hollmann (Orchestration) sofort offensichtlich: ein Musical muss auf äußere Reize, auf theatralische Wirkung, Glitter und Show setzen – und damit immer wieder auf eine Veräußerlichung. Feinheit und Raffinement bleiben auf der Strecke. Da konnten die zwei, drei Szenen, in denen sich Merteuil und Valmont jeweils wechselseitig einen Brief vorlesen, dramaturgisch nichts retten. Zu erleben ist eine Skandalstory voller Promiskuität samt zwei Toten am Ende – insgesamt banal austauschbar, hier halt im Kostüm des späten 18.Jahrhunderts, aber eben ohne die spezifische Dekadenz, die den Untergang dieser Gesellschaft in der Französischen Revolution nachvollziehbar macht.

Dabei ist theatralisch an diesem Abend vieles temporeich sehr gekonnt gemacht – Hausherr Josef Köpplinger hat einfach für dieses „schwere leichte“ Genre das richtige Regie-Händchen. Rainer Sinells Drehbühne im dunklen Halbrund lässt immer wieder ein Lotterbett kreisen, doch der große, fahrbare Spiegel darüber reicht als kritisches Distanzierungsmittel dann doch nicht. Diener im Kostüm des Ancien Regime arrangieren Chaiselongue, Brokatstühle, kleine Schreibtische und Paravents im fließenden Tempo der durchkomponierten Musik, die mal schmust, mal donnert, mal dissonant lärmt.

Auch wenn Schubring gezielt kein Merteuil- oder Valmont-Motiv will: es gelingt ihm auch kein Intrigen- oder Grausamkeits-Thema, es bleibt nichts hängen im Film-Sound-Gewoge, das die wohl Rock-Konzert-geschädigte Tontechnik zumindest im ersten Teil dröhnend verstärkte und alle Stimmen zudeckte. Da blieb dann nur die Freude an den beeindruckend prunkenden Kostümen von Alfred Mayerhofer. An Mezzaforte-Stellen wurde dann auch hörbar, dass Anna Montanaro über die blendende Erscheinung als Merteuil hinaus auch singen kann – ebenso der einen Hauch von Verlebtheit des Lebemanns Valmont verstrahlende Armin Kahl und die dann mit ihrem Feinsinn über die Dröhnbarriere der Musik hinweg anrührende Tourvel von Julia Klotz.

Auch die übrigen Neben-Akteure des erotischen Taumels waren selbst in Unterwäsche „rollendeckend“ besetzt, auch wenn „tout Paris“ mit sechs Chorsolo-Paaren ein wenig dünn wirkte. Am Ende aber stellte sich als Wirkung ein: doch Choderlos lesen und als Ergänzung Samuel Edwards über die Liebesbeziehung Émilie du Châtelets mit Voltaire – da ist der wahre Liebestaumel des 18.Jahrhunderts lebendig.

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