Raffinessen, dröhnend veräußerlicht – Uraufführung des Musicals „Gefährliche Liebschaften“ in München


(nmz) -
Musikalisch ziemlich schwach findet Wolf-Dieter Peter die Münchner Produktion: „es bleibt nichts hängen im Film-Sound-Gewoge, das die wohl Rock-Konzert-geschädigte Tontechnik zumindest im ersten Teil dröhnend verstärkte und alle Stimmen zudeckte.“ Das war wohl eher nichts.
24.02.2015 - Von Wolf-Dieter Peter

Ob „ein Mensch nur im Rausch glücklich wird“ fragt sich die feinfühlige, in ihrer Ehe vernachlässigte Präsidentengattin Madame de Tourvel, verneint dies zunächst – und verfällt dann doch dem raffinierten Werben, Drängen und der Berechnung des Vicomte de Valmont. Dem ist das Ganze nur eine zynische Wette mit seiner ebenso kühl berechnenden Ex-Geliebten, der hedonistisch dahinlebenden und –liebenden Marquise de Merteuil. All dieses abgefeimte Spiel mit Emotionen, Werten und einer dahinter nur versteckten Suche nach dem ganz großen, echten Gefühl, der „wahren Liebe“, hat Choderlos de Laclos 1783 in einem zurecht zur Weltliteratur zählenden Buch gestaltet.

Es ist ein Gipfel an Raffinement: diese hoch differenzierte Vivisektion menschlicher Regungen, zwischenmenschlicher Aktionen und Reaktionen findet nämlich ausschließlich im Briefwechsel zwischen Merteuil und Valmont statt – einem Mittel der kühlen Distanzierung und reflektierenden Betrachtung – Schreiben als mikroskopische Untersuchung.

Der Theaterabend im stilistisch perfekt passenden Rokoko-Prunk des Münchner Cuvilliéstheaters beginnt mit einem elektronisch verstärkten Orchestertutti, Vorhang auf und dann begleiten rhythmische Paukeneffekte den Liebesakt Valmonts mit einer seiner Geliebten samt Gestöhne via Mikroport. Damit ist das Grundproblem der Roman-Adaption von Marc Schubring (Musik), Wolfgang Adenburg (Text) und Frank Hollmann (Orchestration) sofort offensichtlich: ein Musical muss auf äußere Reize, auf theatralische Wirkung, Glitter und Show setzen – und damit immer wieder auf eine Veräußerlichung. Feinheit und Raffinement bleiben auf der Strecke. Da konnten die zwei, drei Szenen, in denen sich Merteuil und Valmont jeweils wechselseitig einen Brief vorlesen, dramaturgisch nichts retten. Zu erleben ist eine Skandalstory voller Promiskuität samt zwei Toten am Ende – insgesamt banal austauschbar, hier halt im Kostüm des späten 18.Jahrhunderts, aber eben ohne die spezifische Dekadenz, die den Untergang dieser Gesellschaft in der Französischen Revolution nachvollziehbar macht.

Dabei ist theatralisch an diesem Abend vieles temporeich sehr gekonnt gemacht – Hausherr Josef Köpplinger hat einfach für dieses „schwere leichte“ Genre das richtige Regie-Händchen. Rainer Sinells Drehbühne im dunklen Halbrund lässt immer wieder ein Lotterbett kreisen, doch der große, fahrbare Spiegel darüber reicht als kritisches Distanzierungsmittel dann doch nicht. Diener im Kostüm des Ancien Regime arrangieren Chaiselongue, Brokatstühle, kleine Schreibtische und Paravents im fließenden Tempo der durchkomponierten Musik, die mal schmust, mal donnert, mal dissonant lärmt.

Auch wenn Schubring gezielt kein Merteuil- oder Valmont-Motiv will: es gelingt ihm auch kein Intrigen- oder Grausamkeits-Thema, es bleibt nichts hängen im Film-Sound-Gewoge, das die wohl Rock-Konzert-geschädigte Tontechnik zumindest im ersten Teil dröhnend verstärkte und alle Stimmen zudeckte. Da blieb dann nur die Freude an den beeindruckend prunkenden Kostümen von Alfred Mayerhofer. An Mezzaforte-Stellen wurde dann auch hörbar, dass Anna Montanaro über die blendende Erscheinung als Merteuil hinaus auch singen kann – ebenso der einen Hauch von Verlebtheit des Lebemanns Valmont verstrahlende Armin Kahl und die dann mit ihrem Feinsinn über die Dröhnbarriere der Musik hinweg anrührende Tourvel von Julia Klotz.

Auch die übrigen Neben-Akteure des erotischen Taumels waren selbst in Unterwäsche „rollendeckend“ besetzt, auch wenn „tout Paris“ mit sechs Chorsolo-Paaren ein wenig dünn wirkte. Am Ende aber stellte sich als Wirkung ein: doch Choderlos lesen und als Ergänzung Samuel Edwards über die Liebesbeziehung Émilie du Châtelets mit Voltaire – da ist der wahre Liebestaumel des 18.Jahrhunderts lebendig.

Gefährliche Liebschaften

Lieber Wolf-Dieter Peter, waren wir da wirklich in der gleichen Veranstaltung?

GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN
Musik: Marc Schubring; Orchestrationen: Frank Hollmann. Gesangstexte und Buch: Wolfgang Adenberg, nach dem Briefroman LES LIAISONS DANGEREUSES (1782) von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos. Choreografie: Adam Cooper
UA 22.2.2015, Staatstheater am Gärtnerplatz, Cuvilliéstheater, München
Musiknummern: Prolog: Der Liebesakt – Was hat er nur mit mir gemacht? – Was die Liebe aus uns macht – Die Wette – Was alles noch kommt – Das Privileg des Alters – Ich bereue; Erlösen Sie mich; Pre-Reprise – Tout Paris – Heute Nacht – Zu viele Gefühle – Volanges – Siegen oder untergeh’n – Nächstenliebe – So selbstlos ist meine Liebe – Nur zu gut – Stark wie der Tod ist die Liebe; Pre-Reprise – Meisterin und Schülerin – Reprise: Erlösen Sie mich – Allmächtig * Was gibt es Neues? – Liebe macht uns schwach – Stark wie der Tod ist die Liebe – Die Konfrontation – Wovon magst du träumen? – Ich bereue; Reprise – Wo erreicht Sie dieser Brief? – Merteuils Einflüsterung – Reprise: Stark wie der Tod ist die Liebe – Dagegen bin ich machtlos – Die Kriegserklärung – Reprise: Erlösen Sie mich – Ich kenne sie zu gut – Das Duell; Valmonts Tod - Finale
Inhalt: In und um Paris, vor der französichen Revolution (1789): Vicomte de Valmont kopuliert seine Geliebte, Joséfine de Fontillac, kaltherzig verlässt er sie sofort danach. Sie bleibt alleine zurück und beklagt ihr Schicksal, das sie mit vielen anderen Frauen teilt. – Sie vertraut sich der Marquise de Merteuil an, doch ahnt sie nicht, dass die Marquise Valmonts Vertraute ist und jeden seiner Schritte kennt. Nachdem Joséfine gegangen ist, lästern die Merteuil und Valmont über die Einfalt anderer. Merteuil bittet ihn um einen Gefallen, denn sie will sich an ihrem früheren Liebhaber, Comte de Gercourt, rächen. Dieser beabsichtigt, eine entfernte Verwandte der Marquise, die erst 16-jährige Cécile de Volanges, zu heiraten. Valmont soll das Mädchen noch vor der Hochzeit verführen, um den Bräutigam zum Gespött von Paris zu machen. Valmont lehnt dieses Ansinnen ab, will er doch die prüde Präsidentengattin Madame de Tourvel verführen. Die Marquise zweifelt am Gelingen seines Plans, aber sie wetten: Sollte Tourvels Verführung gelingen, gewährt die Merteuil ihm eine Liebesnacht. – Die junge Cécile soll in die Gesellschaft eingeführt werden, die Marquise de Merteuil bietet dazu ihre Hilfe an. Valmont reist zu seiner Tante, Madame de Rosemonde, bei der sich Madame de Tourvel derzeit aufhält. – Die Tourvel misstraut Valmont, ist sie doch vor seinen Machenschaften gewarnt worden. Valmont leugnet sein ausschweifendes Leben nicht, doch seit er Madame de Tourvel kenne, entsage er allem aus Liebe zu ihr. Die Tourvel misstraut ihm nicht länger, wünscht aber seine sofortige Abreise. Sie sinniert darüber, dass sie kein erregendes Leben benötige, um zufrieden zu sein. Valmont verlässt das Landgut seiner Tante, nicht ohne zuvor Madame de Tourvels Zofe zu erpressen, seinem Diener Azolan sämtliche Briefe seiner Tante zur Kenntnis zu bringen. – Die Pariser Opéra ist Treffpunkt der Gesellschaft. Die Marquise de Merteuil verfolgt weiter ihren Racheplan und stellt Cécile dem Chévlier de Danceny vor, mit dem Hintergdanken, dass nun dieser das Mädchen entjungfere. Valmont, wieder in Paris, schreibt der Tourvel einen glühenden Liebesbrief – auf dem nackten Körper der Kurtisane Émilie. Danceny lehrt Cécile das Harfespiel, die beiden verlieben sich, allerdings trotz großer Gefühle in aller Unschuld, sodass Valmont nicht einmal rettend eingreifen muss. Aus der Lektüre der Briefe hat er erfahren, dass es Céciles Mutter war, die Madame de Tourvel vor ihm gewarnt hatte; nun will er doch Cécile verführen. Die Marquise de Merteuil überredet Madame de Volanges, mit ihrer Tochter zur Madame de Rosemonde zu fahren, dort dürfte Valmont leichtes Spiel haben. Im Übrigen erläutert die Merteuil Valmont ihre zynische Lebensphilosophie. – Valmont weilt wieder auf dem Landgut seiner Tante. Um zu beeindrucken, inszeniert er ein rührendes Spiel, indem er eine arme Bauernfamilie vor der Pfändung ihres Hofs rettet. Er sorgt dafür, dass Tourvels Diener davon Zeuge wird, um es seiner Herrin zu berichten. Solchermaßen beeindruckt schwinden ihre Bedenken, Valmont versichert ihr seine große Liebe, er wolle sie jedoch nicht bedrängen. Die Tourvel muss ihre Gefühle bekämpfen. – In der Nacht darauf gelingt es Valmont ohne Mühe Cécile zu verführen. Mit einem Brief beschwichtigt die Marquise de Merteuil das entsetzte Mädchen: sie habe sich auf nichts Unrechtes eingelassen, sie möge sich von Valmont weiter in die Geheimnisse der Liebe einführen lassen. Cécile folgt begeistert diesem Rat. Bald erliegt auch die Tourvel ihren Gefühlen für Valmont und will sich ihm hingeben, doch Valmont stößt sie aus Mitgefühl von sich. Er triumphiert, sie so weit gebracht zu haben, ist aber irritiert, nachdem sie überstürzt abgereist ist.
In der Pariser Opéra wird wieder über alle Neuigkeiten getratscht. Valmont berichtet Madame de Merteuil nicht ohne Stolz, dass er bei der Tourvel fast am Ziel sei, aber die Merteuil fürchtet nun um ihre eigene Favoritenstellung bei Valmont. Valmonts erotische Attacke gelingt, er und die Tourvel werden ein Liebespaar. Valmont fordert nun von der Merteuil den vereinbarten Wettgewinn, aber sie ist verstimmt darüber, wie sehr Valmont von der Tourvel eingenommen ist. Nun fordert sie als Beweis für seinen Erfolg einen Liebesbrief der Tourvel. Mittlerweile schwärmt Danceny von seiner Cécile. – Unangekündigt besucht die Tourvel Valmont, und findet ihn im Bett mit Émilie und Cécile. Aber er vermag die Tourvel mit einer abenteuerlichen Ausrede zu besänftigen. Ihre Eifersucht macht Valmont liebesblind, die beiden verreisen und sind zunächst nicht auffindbar, sodass die Merteuil den Beweis schriftlich anmahnt. Valmont zu Gefallen schreibt die Tourvel den geforderten Brief, aber die Merteuil weigert sich, die Prämie einzulösen, zu sehr sieht sie sich von Valmont Schwärmerei gekränkt. Sie schüttet über Valmont Spott aus und nährt in ihm Zweifel an der Liebe zur Tourvel. – Von alledem nichts ahnend, besucht die Tourvel Valmont, der voller Skrupel ihre Beziehung beendet. Als er der Merteuil davon berichtet, lacht sie ihn aus: Nur aus törichter Angst vor ihrem Spott habe er die Liebe seines Lebens aufgegeben. Valmont erkennt, wie zynisch er vorgeführt wurde, er erklärt der Merteuil den Krieg. – Die Tourvel versucht sich das Leben zu nehmen; Valmont sieht keine Chance, sie zurückzugewinnen. Merteuils Krieg beginnt damit, dass sie Valmont bei Danceny mit dessen Verhältnis zu Cécile denunziert. Der Betrogene fordert Valmont zum Duell, Valmont lässt sich in diesem Kampf erstechen. Der Sterbende verschafft seinem Gegner Zugang zu jenen Briefen, welche die Intrigen der Merteuil offenlegen. Die Tourvel stirbt in einem Kloster an den Folgen ihres Selstmordversuchs. – Der Merteuil sind ihre Ränke aus den Händen geglitten, denn damit hat sie den einzigen Mann verloren, den sie je geliebt hat. Auf der Hochzeit von Cécile mit dem Comte de Gercourt wird offenkundig, dass sich die Pariser Gesellschaft von Madame de Merteuil abgewandt hat. Doch in Cécile wächst vielleicht ihre Nachfolgerin heran …
Besetzung, Personen: Marquise de Merteuil; Vicomte de Valmont; Madame de Tourvel, Cécile de Volanges; Chévalier de Danceny; Madame de Rosemonde; Madame de Volanges; Azolan, Valmonts Diener; Ensemble: Joséfine de Fontillac, Valmonts Geliebte [auch:] Madame Gérard, eine arme Dorfbewohnerin; Émilie, Prostituierte [auch:] Nonne; Julie, Tourvels Zofe; Christine, Céciles Zofe [auch:] Opernsängerin; Victoria, Merteuils Zofe; Prévan, Merteuils Liebhaber; Belleroche, Merteuils Liebhaber [auch:] Gérard, ein armer Dorfbewohner; Jean, Tourvels Diener [auch:] Comte de Gercourt, Céciles Bräutigam; Steuereintreiber [auch:] Priester: Statisterie und Kinderstatisterie. Orchester: ???. Rechte: bei den Autoren. Medien: CD OC München 2015 [geplant]
Notiz: Mit der bis dato vierten deutschsprachigen Musicalvertonung der Vorlage mit ihren 175 Briefen gelingt Schubring und Adenberg mit diesem nahezu durchkomponierten Literaturmusical eines der bedeutendsten Beispiele des deutschsprachigen Repertoires. 2012 begann man mit der Erarbeitung des Stücks, im Juli 2014 fand das erste Reading statt. Das Kreativteam beging nicht den Fehler, das Musical zu offensichtlich an den erfolgreichen Film anzulehnen. Vielmehr ist eine eigenständige, höchst anspruchsvolle Version entstanden. - Im ersten Teil, der sich zur Aufagebe macht, die Spielcharaktere, deren Motive und die vielfältigen Verstrickungen sorgfältig auszuarbeiteten, zeigt sich die Mechanik der Intrige, mit einer fein strukturierten Musik, die dem Text immer Geltung verschafft, aber in ihren raffinierten Orchestrationen und stets anders klanggefärbten Repetitionen die Variablen der in sich ähnlichen Ränke unterstreichen. Hier sind es überwiegend (gute, aber schwer zu singende) Dialoge, die die Autoren und Adressaten der Briefe gegenüberstellen, realistisch gezeichnet, mit dem Gebrauch von Recitativi accompagnati die Zeit ihrer Entstehung zum Ende des 18. Jahrunderts nicht leugnend. Schubring verwendet häufig den Dreivierteltakt, um damit die fatale Dreierbeziehung Merteuil/Valmont/Tourvel zu symbolisieren. Schon zum Ende des ersten Teils kommt es mit Valmonts triumphierendem Bravourstück Allmächtig zum ersten dramatischen Höhepunkt.
Im zweiten Teil verdichten sich die Konflikte zu außerordentlicher Bühnenpräsenz, im Zentrum dieses Teil stehen Musicalarien, Reflexionen der eigenen Schicksale der BriefautorInnen.
Josef E. Köpplingers (durchaus freizügige aber durchdachte) Uraufführungsinszenierung unter Mitwirkung des Engländers Adam Cooper veranschaulichte die Mechanik des Bösen, nutzte das Karussell der Drehbühne für ein pausenloses Ineinandergreifen der Ranküne, so intensiv, dass zumindest im ersten Teil kein Platz für Szenenapplaus war. Rainer Sinells riesiger Spiegel über der Szene gab Reflexion und Voyeurismus gleichermaßen Anlass. Armin Kahl als Valmont und Anna Maontanaro als Marquise de Merteuil waren darstellerisch wie musikalisch Protagonisten eines homogenen Ensemble, das Täne nie als Einlage oder Stillstand der Handlung wirken ließ.
Marc Schubring widmete sein Auftragswerk für das Staatstheaters am Gärtnerplatz dem US-amerikanischen Komponisten Stephen Sondheim.
Den idealen Rahmen für das aufgrund der noch anhaltenden Sanierungsarbeiten des Stammhauses erforderlichen Ausweichspielstätten bot für die GEFÄHRLICHEN LIEBSCHAFTEN ein Kleinod unter den deutschen Theatern, das 1753 errichtete und 1958 sorgfältig rekonstruierte Cuvilliéstheater in der Münchener Residenz, das zahlreiche Uraufführungen erlebte, darunter auch Mozarts IDOMENEO (1781).