Rezension: Steffen Schleiermachers und Holger Falks CD-Plädoyer für Hanns Eisler


(nmz) -
Schon die erste CD der überfälligen Edition von Hanns Eislers Liedschaffen bei Dabringhaus & Grimm in Co-Produktion mit Deutschlandfunk Kultur klang überraschend anders als frühere Aufnahmen, die mit trockener Sachlichkeit dem kommunistischen Agitationsgestus entgehen wollten oder diesen auf eine Kunstebene zu entrücken versuchten. Holger Falks meisterhafter und stellenweise verblüffend blasiert-anrüchiger Ton, dazu Steffen Schleiermachers emotionale Begleitung gingen auf Konfrontationskurs gegen ein Eisler-Bild, das diesen allzu lange zum blässlichen Links-Ideologen verkleinerte.
28.09.2017 - Von Roland H. Dippel

Folge Zwei widmet sich den Jahren 1948 bis 1962. „Zu Ende war er ziemlich verbittert.“ sagt Steffen Schleiermacher, selbst Komponist und Leiter der Reihe „Musica Nova“ im Leipziger Gewandhaus über den 1898 in Leipzig geborenen Komponist Hanns Eisler. Einer Auswahl aus dessen kaum überschaubaren Liedschaffen widmeten sich zum Beispiel Dietrich Fischer-Dieskau im Westen und Peter Schreier im Osten. Den stimmigsten Eisler-Ton traf bisher wohl Roswitha Trexler.

Die letzten Lebensjahre des in der DDR privilegierten österreichischen Staatsbürgers, der bis zu seinem Tod die Meisterklasse für Komposition an der Akademie der Schönen Künste leitete, überlagern heute in der Wahrnehmung dessen viel spannendere Jugend. Der Jude Hanns Eisler führte durch seine Flucht von dem Nationalsozialismus nach Amerika ein zerrissenes Leben, das die ideologischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts exemplarisch spiegelt.

Soweit die Vorgeschichte für die Edition mit einer essenziellen Auswahl von Hanns Eislers Liedschaffen auf vier CDs. Steffen Schleiermacher, der Pianist dieser längst fälligen Produktion, zeigt im eigenen Schaffen eine vergleichbare Vielfalt wie Hanns Eisler. Da ist es konsequent, dass er in Folge der noch immer nicht selbstverständlichen objektiven Bewertung des DDR-Schaffens gegen Vorurteile über die schillernde Künstlerpersönlichkeit rebelliert. Mit dem Bariton Holger Falk durchforstet er Eislers Liedschaffen. Dieses ist wahrscheinlich auch das Einzige, das den Vergleich mit dem von Franz Schubert standhalten kann – in Hinblick auf Umfang, Vielfalt, Vieldeutigkeit und Vielschichtigkeit. Immer mehr editorische, musikwissenschaftliche und interpretierende Fragen ergeben sich: „Oftmals ist überhaupt nicht klar, welche der Fassungen eines Liedes für Hanns Eisler selbst die stimmige, endgültige war.“

Im Frühjahr 2017 erschien Folge Eins mit Liedern und Balladen aus den Jahren 1929 bis zu Eislers Emigration 1937, im September Folge Zwei mit Musik aus der Zeit von Eislers Rückkehr nach Deutschland 1948 bis zu seinem Tod 1962, den „Jahren der Resignation“. Die dritte CD wird dann im Zeichen der Jahre im amerikanischen Exil stehen und die vierte schließlich widmet sich dem Frühwerk vor 1927. „Genau wie bei Johannes R. Becher, dessen späte Gedichte Eisler in der jungen DDR vertonte, macht man sich gar keine Vorstellung davon, wie dynamisch er in den wilden Jahre zwischen Expressionismus und Symbolismus agierte,“ begeistert sich Schleiermacher. Die von Arnold Schönberg und der Wiener Moderne empfangenen Impulse vor der ersten Vertonung eines Brecht-Gedichtes 1928 erleiden bis heute sträfliche Unterschätzung. „Eisler lehnte zwar den Jazz ab, war aber alles andere als ein engstirniger Dogmatiker.“

Mit Holger Falk verbarrikadiert sich Steffen Schleiermacher für die vom Label Dabringhaus und Grimm mit dem Deutschlandfunk produzierte Edition derzeit immer wieder im Studio. „Wir experimentieren, indem wir ein Lied hintereinander ernst, heiter, grüblerisch oder drängend spielen. Dadurch versuchen wir zu verstehen, was Eisler wirklich gemeint haben könnte.“

Steffen Schleiermacher lässt mit seinem klaren Booklet-Text keinen Zweifel daran, dass es hier auf keinen Fall um musikalische Heiligenverehrung geht. Einige der in der DDR zum Paradigma volksnaher Vokalneuschöpfung erklärten „Neuen Deutschen Volkslieder“ auf Gedichte von Johannes R. Becher, des späteren DDR-Kulturministers, lassen die Künstler aus, jene mit aus heutiger Perspektive fragwürdig tendenziellen Texten. Dafür gibt es Lieder auf Texte von Leopardi, Goethe, Altenberg, Viertel und Tucholsky, aus denen Eisler Verse oft in die für ihn optimale Passform veränderte: Solche Doppelbödigkeiten und Ambivalenzen werden in dieser Erschließung nicht verdrängt. Doch vor allem geht es darum, das eindimensionale Bild zugunsten der Vielgestaltigkeit von Eislers Leben und Werk bedachtsam zu korrigieren.

Das gelingt auch von Seiten des Baritons Holger Falk, der, wie es scheint, den interpretatorischen Farbreichtum im Vergleich zur ersten Folge vorsätzlich etwas zurückfährt. Sein dramatisches Kontrastspektrum zeigt in Folge Zwei mehr Distanz als Emphase. Nicht nur für die DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ setzt Falk auf Trockenheit. Damit bewirkt er für ganze Liedgruppen etwas äußerst Spannendes: Seine Zurückhaltung bei vorbildlich deutlicher Diktion und einem bis in die Pianoschattierungen immer sanft gerundeten Timbre sind eine verführerische Aufforderung zum wiederholten Hören. Dieses souveräne vokale „Weniger“ erweist sich als ein affirmatives „Mehr“ und Wegweiser zum Mehrdeutigen. Hanns Eisler war auch ein hochbegabter Spieler, das zeigt sich auf beiden CDs in anregender Kurzweil. Die Messlatte für die beiden letzten Folgen ist demzufolge gewaltig hoch.

  • Hanns Eisler: Lieder Vol. 1 – Holger Falk (Bariton), Steffen Schleiermacher (Klavier) – Dabringhaus und Grimm (MDG 613 2040-1) / Deutschlandfunk Kultur
  • Hanns Eisler: Lieder Vol. 2 – Holger Falk (Bariton), Steffen Schleiermacher (Klavier) – Dabringhaus und Grimm (MDG 613 2040-2) / Deutschlandfunk Kultur

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