Róbert Wittinger zum 75. Geburtstag – Von Stefan Pohlit


(nmz) -
„Jetzt soll es auch schön klingen.“ So betitelte Albert-Peter Bitz am 24. Oktober 1968 in der Saarbrücker Zeitung sein Resumé der Donaueschinger Musiktage. „Keines dieser Werke brachte entscheidend Neues, auffallend war nur, in welchem Maß sich die Komponisten bemühen, gut, ja angenehm klingende Musik zu schreiben.“ Serialismus und Aleatorik befanden sich in der Auflösung, experimentelle und live-elektronische Musik dagegen noch vor der Blüte. Angesichts der Ratlosigkeit, die solch ein Vakuum mit sich zieht, war in der Frankfurter Neuen Presse von „Enttäuschung“, in der Süddeutschen von „Sorge“, in der Stuttgarter Zeitung gar von „tabula rasa“, und in der Zeit von „Frustrationen“ zu lesen.
10.04.2020 - Von Stefan Pohlit

In dieser gedämpften Stimmung feierte die Presse eine einzige „Hoffnung“ gleich einer Supernova am Abendhimmel der Moderne: Róbert Wittinger, den erst 23jährigen „Benjamin“ aus Ungarn, dessen virtuose „Irreversibilitazione“ (mit Siegfried Palm am Cello und Ernest Bour am Pult des SWF-Sinfonieorchesters) die Beiträge etablierter Namen wie Hans Otte, Hans Ulrich Lehmann und Gilbert Amy in den Schatten stellte. „[…] eine große und verheißungsvolle Begabung“, urteilte Helga Böhmer in der Schwäbischen Donau-Zeitung: „Die in sieben Phasen von einem Nullpunkt bis zu einem Höhe- oder Endpunkt fortschreitende Musik zeugt von einem Künstler, bei dem der Intellekt die Spontanität offenbar nicht zu hemmen vermag.“ In der Süddeutschen fühlte sich Karl Heinz Ruppel „in der Feinheit des Klanggewebes an Ligeti und in der Schlagzeugmixtur an Messiaen“ erinnert und mutmaßte, dass der Komponist „so etwas wie ein zweiter Henze2 werden könne, „dem sehr viel Selbständiges einfällt, der offensichtlich mühelos mit Klang, Rhythmus und Farbe umgeht.“ Nur einen Monat zuvor hatte das Sinfonieorchester des HR Wittingers „OM per orchestra“ aus der Taufe gehoben. Ebenso wie beim Cello-Konzert folgten der Premiere mehrere Wiederaufführungen, zudem erschienen beide Werke auf einer Porträt-LP der WERGO-“studioreihe neuer musik“.

Geboren in Knittelfeld/Steiermark am 10. April 1945 in eine ungarische Familie, wuchs Wittinger in Budapest auf. „Eigentlich wollte ich Mahler werden“, schrieb der 23jährige kurz nach der Übersiedlung nach Deutschland – in gleichwohl schicksalsträchtiger Orthographie – in ein Programmheft. Die geplante bildnerische Laufbahn fand durch einen Unfall ihr jähes Ende. Im Krankenhaus vollendete Wittinger 1963 seine Erste Symphonie als „Omaggio a Arthur Honegger“. Damals studierte er bereits privat bei Zsolt Durkó und Rudolf Maros Komposition. Kurz darauf würde er in Warschau Witold Lutosławski begegnen. Eine Empfehlung György Ligetis ermöglichte ihm dann 1965 die Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen, von denen er nicht mehr zurückkehrte. Mit einem DAAD-Stipendium ließ er sich in München, in Bernhausen bei Stuttgart und schließlich, 1970, in Hambach an der Weinstraße nieder.

Der Exilierte aus dem Ostblock wurde in der Bundesrepublik rasch adoptiert. 1967 dirigierte Michael Gielen seine „Concentrazione“ mit dem NDR-Sinfonieorchester, 1970 Bruno Maderna seine „Divergenti“ bei den Berliner Festwochen. Als jüngster Komponist in der Geschichte der Institution erhielt er den Preis des SWF Baden-Baden, gewann 1968 und 1970 den Stuttgarter Kompositionswettbewerb und wohnte 1972-73 in der Villa Massimo. Es folgten regelmäßige Einladungen zu den Weltmusiktagen der IGNM, eine Amerika-Tournee und die Einweihung des Centre Pompidou mit Siegfried Palm und Aloys Kontarsky. Gegen Ende der 1970er Jahre begann er sich immer ausladenderen Formen zuzuwenden wie der Oper „Maldoror“ nach Lautréamont (1978-88) für das Theater Hagen, der Zweiten Symphonie für großes Orchester mit Frauenchor für den BR (1977-78), der Dritten, „sinfonia funebre“ (1982-83), für den SWF und dem Violinkonzert für Ferenc Kiss und die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz (1986).

Von Beginn an hat Wittinger seinen Erfolg mit anderen geteilt. So vermittelte er den sieben Jahre jüngeren Wolfgang Rihm an Breitkopf & Härtel, wofür dieser ihm sein frühes Orchesterstück „Trakt“ widmete. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens rief Wittinger 1984 den Hambacher Kompositionspreis ins Leben – eine Initiative, die nicht zuletzt durch den hohen Anteil an Einsendungen von Frauen neue Maßstäbe setzte und ohne Altersbeschränkung weltweit ausgelobt wurde. Als Juroren gelang es ihm, Hans-Ulrich Engelmann, Isang Yun, Volker-David Kirchner und Leif Segerstam zu gewinnen.

Auf die Uraufführung des siegreichen, jeweils mit 15.000 DM prämierten Orchesterwerks durch die Staatsphilharmonie folgte die Dokumentierung der eingereichten Partituren in einem eigenen Archiv. Der Vermittlung meiner Mutter, die das Projekt für die „Rheinpfalz“ betreute, verdankte ich das Privileg, als Gymnasiast Wittingers Privatschüler zu werden. Gemeinsam durchforsteten wir Partituren aus allen Epochen; es ging viel ums Orchester, aber auch um Phrasierung, Rhythmik und Spannungsaufbau bis hin zur „Logik“ jeder einzelnen Stimme. Während meiner Lehrjahre hat mich niemand intensiver herausgefordert als er.

Zugegeben: Den Weg zur heutigen Festivalindustrie, zur Digitalisierung und der Schwerpunktverlagerung auf Kammerensembles ist Wittinger nicht mitgegangen. Der traditionelle Formplan seiner Tonmonumente ließ vielleicht vorausahnen, warum der Komponist eines Tages zum Anachronismus vereinsamte. Dagegen verdient die Zeitlosigkeit seines Personalstils ein besseres Prädikat als jenes der „gemäßigten Moderne“, das ihm konventionellere Stimmen zuerkannten. Gewiss hat sich Wittinger immer „klassischen“ Vorbildern – Bartók, Mahler, Skrjabin, Debussy etc. – verpflichtet, ja, 2002 sogar eine „orchestrale Deutung“ von Beethovens „Pathétique“ vorgelegt. Gerade jene Verankerung im Konzertbetrieb erweckte jedoch ein Vertrauen, das ein breites Publikum ebenso wie viele junge Studierende für die Neue Musik begeisterte. In der nervösen Virtuosität seines Frühwerks echot dasselbe kollektive Gedächtnis wie in den Werken Ligetis und Kurtágs; er hat es lediglich einer anderen Art von Schmelztiegel unterzogen, dessen Originalität (etwa im Zweiten Streichquartett oder im „scherzo ungherese“ der Zweiten Symphonie) sich im Zeitalter der Weltmusik einer neuen Aufarbeitung für würdig erwiese. Wie in der Darstellung des „real exististierenden Selbstvernichtungsprozesses“ seines „Maldoror-Requiems“ erstrahlt das eisig Dunkle an Wittingers Ästhetik durch seine Kunst, „aus den Zisternen der Tradition noch einmal klares Wasser zu schöpfen“ (Gerd Kowa).

„Es war alles schon einmal da“, erklärt der Komponist. „Immer noch erweitern lassen sich dagegen die Zusammenhänge und Konstellationen.“ Ähnlich wie Rudolf Hausner in der Malerei dienten Wittinger seine altmeisterliche Akribie und die kalligrafische Schönheit seiner Handschrift zur lebenslangen Selbstbefragung. Sich treu bleiben bis zum Schluss: Kein Wunder, dass die Leidenschaftlichkeit seines Quarten- und Septimenmelos allmählich im Kubismus seines Spätwerks verfestigte, jedoch nie erstarb. In dieser angewandten Psychoanalyse hat sich so etwas wie ein physikalischer Prozess vollzogen, gleich Vulkanismus, Kristallisierung und Versandung, wie sie die NASA von unbewohnten Welten sendet. Mittlerweile befasst er sich mit den Skizzen einer Neunten Symphonie. Am 10. April 2020 feiert er in Bensheim an der Bergstraße seinen 75. Geburtstag.

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