Rossini-Opera-Festival 2019: Drei Opernpremieren in Pesaro


(nmz) -
Zum 40. Male findet an der italienischen Adria-Küste, in Pesaro, dem Geburtsort Rossinis, einem beschaulichen, unspektakulären Bade- und Fischerstädtchen im Herzen Italiens in der Provinz der Marken, das „Rossini-Opera-Festival“ statt. Für Rossini-Liebhaber ist es weltweit der führende Ort gehobener Rossini-Pflege. Vom 8. bis zum 20. August wird dort dem be­rühmtesten Sohn der Stadt gehuldigt. Rossini-Freunde aus aller Welt sind wieder angereist, um das ausschließlich Rossini verpflichtete Programm zu erleben. Dieter David Scholz war für uns vor Ort.
15.08.2019 - Von Dieter David Scholz

Das Alleinstellungsmerkmal des Rossini-Opera-Festival ist die ausschließliche programma­tische Beschränkung auf das Werk des berühmtesten Sohnes der Stadt. Alle nahezu 50 Opern Rossinis sind, zum Teil bereits mehrfach, in Pesaro aufgeführt worden. Wo sonst in der Welt gibt es das? Alljährlich finden im breitgefächerten Program aus Konzerten und szenischen Aufführungen in der Regel drei Opernveranstaltungen statt. In diesem Jahr bringt man (in der vollklimatisierten und zum Theater umgebauten riesigen Adriatic Arena) mit der ersten Premiere zum dritten Mal in der Festspielgeschichte das Melodramma tragico „Semiramide“ heraus, nachdem es 1992 zum ersten Mal von Hugo de Ahna und dann 2003 von Dieter Kaegi inszeniert wurde.

„Semiramide“

Die mit Spannung erwartete Produktion des höchste sängerische Ansprüche stellenden Werks ist eher gemischtprächtig.

Die armenische Mezzosopranistin Varduhi Abahamyan als Arsace (eigentlich eine Hosenrolle, Graham Vick lässt sie allerdings als Frau auftreten) ist die eigentliche und einzige herausragende Sängerin der mit Spannung erwarteten Neuproduktion. Sowohl wie die georgische Sopranistin Salome Jicia (burschikos-männlich in der Erscheinung) singt sie die Titelpartie mit hochdramtischem Aplomb, alles andere als eine Repräsentantin des Rossinischen Belcanto. Auch Antonino Siragusa, der einst so wunderbare, in Pesaro entdeckte und immer wieder begeisternde Tenor mit enormen Spitzentönen und seltener Flexibilität der Stimmführung enttäuschte leider. Seine Idreno lässt nur noch angestrengte Kraftübungen hören. Immerhin rollendeckend das übrige Ensemble mit nicht weniger als drei Bässen: Nahul di Pierro (Assur), Carlo Cigni (Oroe) Allessandro Luciano (Mitrane) und Sergey Artamonov (l´Ombra die Nino), Martiniana Antonie (Azema). Enttäuschend ist aber vor allem die Inszenierung von Graham Vick.

Hatte zuletzt Dieter Kaegi das auf Voltaires Tragödie basierende Stück über die babylonische Königin als langweiliges Star-Wars-Spektakel inszeniert, mit Hängenden Gärten der Semiramis in science-fiction-artiger Kommandozentrale angesiedelt, einer Art babylonischem Pentagon-Headquarter mit blinkenden Lichtchen und überdimensionalen Monitoren, so versteigt sich der britische Regisseuraltmeister Graham Vick zu einer den (fragwürdigen) Kulturkonflikt und das Mutter- bzw. Sohn-Drama in den Mittelpunkt stellenden psychologischen Lesart im leider nicht besten Sinne alten Regietheaters der 70er Jahre zwischen indischen Gurus und Neuzeit. Er erzählt aus einer Art Kinderbettperspektive mit übergroßem blauem Teddybär und gleich mehrfachen Müttern mit Babies samt Teddys das Drama jener babylonischen Königin, die gemeinsam mit ihrem Geliebten Assur ihren Gatten Nino vergiftet hatte und, fünfzehn Jahre später, einen Thronfolger bestimmt, der zugleich ihr Ehebett teilen soll. Ihre Wahl fällt nicht auf Prinz Assur, sondern auf den Feldherrn Arsace. Der aber ist, was sie nicht weiß, ihr totgeglaubter Sohn. Gleich in der ersten Szene prophezeit Oberpriester Oroe, das könne nicht gutgehen. Und der Tag des in einer prunkenden Arie („Bel raggio lusingier“) besungenen Glücks verwandelt sich Ende des ersten Aktes in einen Schreckenstag: Aus der Grabkammer tritt der Geist des Ermordeten hervor wie der des toten Königs in „Hamlet“ und orakelt, dass Arsace erst herrschen werde, wenn die Schuld gesühnt sei. Es ist die Schuld der Mutter, die in der letzten Szene (versehentlich) vom Sohn getötet wird. Das Todes- und Kindertrauma wird zum bildbestimmenden Motiv der szenischen Lesart in (reptil-humanoid wirkendem) ausklappbarem Augenprospekt, der gedreht zur Schultafel mit kindlichen Kreidezeichnungen wird.

So wenig diese szenischen Variationen das Themas vom „verlorenen Paradies“ überzeugt, so sehr nimmt das immer wieder attackierende, die Partitur scharf ausleuchtende (zuweilen freilich etwas breit angelegte) Dirigat von Michele Mariotti für sich ein. Er lässt die große und zeitraubende Sängeroper in der Kritischen Edition von Philip Gosset und Alberto Zedda spielen.

Dass Albert Zeddas Konterfei (wenn mich meine Augen nicht täuschen) in einigen Szenen der Inszenierung als zentrales Photo (mit ausgeschnittenen Augen) die Szene dominiert, befremdet allerdings. Oder soll das eine Hommage an den vor zwei Jahren verstorbenen, langjährigen Künstlerischen Leiter des Festivals und Doyen unter den Rossini-Forschern und Dirigenten sein?

Das Orchestra Sinfonico Nazionale della RAI beeindruckt durch technische Präzision und Klangkultur. Auch der Chor des Teatro Ventidio Basso unter Giovanni Farinas Leitung läßt keinen Wunsch offen.

„Demetrio e Polibio“

Die zweite diesjährige Opernproduktion gilt dem dramma serio „Demetrio e Polibio“, ist ein Revival der Inszenierung von Davide Livermore aus dem Jahre 2010.

Es ist die erste Oper, die Rossini geschrieben hat, zwischen elf und achtzehn Jahren, ganz genau weiß man es nicht, auf ein ziemlich krudes Libretto von Vincenzina Viganò-Mombelli, die der Theatertruppe der Mombellis angehörte, die das Werk 1812 im Römischen Teatro della Valle uraufführte. In dem zweiaktigen Stück geht es um den Partherkönig Polibio und den syrischen König Demetrio sowie deren verwickelte Verheiratungspläne ihrer Kinder. Das Libretto ist wahrlich kein Meisterstück.

Rossinis „Demetrio e Polebio“ hat, wie der Herausgeber der neuen, revidierten und kritischen Fassung dieser ersten Rossini-Oper, im Programmbuch schreibt, eine sehr verwickelte Entstehungsgeschichte. Bisher ist dieses Werk, das der Rossiniverehrer Stendhal einst so liebte, in meist völlig entstellten Fassungen gespielt worden, wenn überhaupt je. In Pesaro sieht und hört man es in – soweit als möglich – rekonstruierter Originalgestalt mit vier Sängern (Doppelpartien)und kleinem Mozartorchester mit erstaunlich großem, aufhorchen lassenden Holzbläseranteil. Glücklicherweise hat der aus Turin stammende Regisseur Davide Livermore gar nicht erst den Versuch unternommen, die Handlung des kurzen Werks eins zu eins nachzuerzählen. Stattdessen zeigt er das Jugendwerk Rossinis als Zaubertheater (samt schwebender Kerzen unter einem Himmel voller Kostüme, auf Kisten und Kasten, die sich öffnen und schließen, frei nach dem Motto „Vier Personen suchen einen Autor“ in Offstage-Atmosphäre. Theater auf dem Theater, für das Studenten der Accademia di belle arti von Urbino das praktikable Bühnenbild und die biedermeierlich schlichten Kostüme entwarfen. Sängerisch geht der Abend nicht über Durchschnittliches hinaus. Jessica Pratt singt die Lisinga in stimmlich-technischen Grenzbereichen des Zumutbaren, die Mezzosopranistin Cecilia Molinari ((Demetrio-Siveno), der Tenor Juan Francesco Gatell (Demetrio-Eumene) und der Bariton Riccardo Fassi (Polibio) überzeugen zumindest rollendeckend.

Die Filarmonica Gioacchino Rossini klingt allerdings (mit Verlaub gesagt) wie ein Laien- oder Schülerorchester, gelangweilt, dumpf und glanzlos. Schade, dass der Dirigent Paolo Arrivabeni dem Stück des noch fast kindlichen Rossini nicht etwas mehr Beine gemacht hat.

„L´Equivoco Stravagante“

Die dritte Oper und die zweite Neuproduktion des diesjährigen Rossini-Festivals gilt dem dramma giocoso „L´Equivoco Stravagante“ (Das extravagante Missverständnis), das bisher nur einmal, in einer Inszenierung von Emilio Sagi 2002 in Pesaro zu sehen war.

Die Handlung ist eine Variation alter Comedia dell´Arte Tradition: Der neureiche Bauer Gamberotto will seine Tochter Ernestina mit dem wohlhabenden und arroganten Buralicchio verheiraten. Ernestina, die sich außerordentlich für Philosophie und Bücher interessiert, wird allerdings auch von dem mittellosen Ermanno geliebt, der von den beiden Dienern Frontino und Rosalia als Philosophielehrer für Gamberottos Tochter ins Haus geschleust wird. Da Ernestina zunächst in ihren Gefühlen zwischen Ermanno und Buralicchio schwankt, lässt Frontino Letzterem einen Brief zukommen, wonach Ernestina eigentlich Ernesto heiße und als kleiner Junge aufgrund einer viel versprechenden Knabenstimme kastriert worden sei. Da er im Anschluss aber doch keine Gesangskarriere eingeschlagen habe, werde er nun als Mädchen ausgegeben, um so nicht zum Militär eingezogen zu werden. Entsetzt zeigt Buralicchio Ernestina als Deserteur an und lässt sie von Soldaten einsperren. Doch Ermanno kann Ernestina aus dem Gefängnis befreien. Zurück bei Gamberotto muss Buralicchio erkennen, dass er hereingelegt worden ist, und beschließt resigniert, sich eine andere Frau zu suchen, während Gamberotto Ermanno die Hand seiner Tochter gewährt.

Die Neuproduktion ist eine in jeder Hinsicht brillante Umsetzung des librettistisch hoch­intelligenten „dramma giocoso“ als Komödie des Gegensatzes von hochtrabender Intellek­tualität und animalischer Peinigung.

Der Dirigent Carlo Rizzi und sein vorzügliches Ensemble, aus dem der Charakterkomiker Paolo Bordogna als bäuerisch schlauer Kaufmann Gamberotto (köstlich, wie er sich unentwegt zu kratzen versteht, von Flöhen oder Krätze gepeinigt), der Tenor Pavel Kolgatin als unschuldig strahlend-schmachtender Liebhaber Ermanno, der hinreißende Bassbariton Davide Luciano als reicher, aber törichter Jüngling Buralichio und die nicht weniger fabelhafte (ihre Koloratursalven mühelos ins Publikum schleudernde) Ernestina von Teresa Iervolino herausragen. Sie bieten mit dem für Bologna komponierten „dramma giocoso“ des 19-jährigen Rossini einen nicht nur musikalischen Höhepunkt des diesjährigen Rossini-Festivals.

Das Regieduo Moshe Leiser und Patrice Caurier zeigt die Komödie (in der Adriatic Arena) in vergoldeter, cinemaskopartiger Bilderrahmenguckastenbühne (Christian Fenouilliat) mit zieharmonikahaft gefalteter Tapetenwand samt Türen und spitzen Winkeln in aberwitziger Komödienlaune, glänzend in der überspitzten Personenführung (alle Darsteller sind von körperlichen Verunstaltungen und langen, spitzen Nasen grotesk entstellte Karikaturen ihrer selbst), köstlich gewandet in den ironisierten, geschmackvollen Kostümen von Agostino Cavalca.

Eine mit flottem Spieltempo agierende und mit frivoler Erotik gespickte Burleske des glänzenden, auch librettistisch hochintelligenten „dramma giocoso“ als brilliante Komödie (des Gegensatzes von hochtrabender Intellektualität und animalischer Peinigung, Bestialität und Humanität). Das Libretto von Gaetano Gasbarri ist schlicht umwerfend mit seiner witzigen Verspottung aller Philosophie, will sagen betonter Intellektualität und unterdrückter bzw. versteckter Triebhaftigkeit. Ein tolles Stück über die lächerliche Eitelkeit wichtig- und intellektuell aufschneidender Menschen, in dem am Ende die jugendliche Liebe siegt über alle vermeintliche Bildung, materielles Kalkül und väterlichen Zwang. Ein Stück, in dem der junge Rossini sich bereits als Meisterkomponist zeigt. Mit aberwitziger Virtuosität hat er Albernheiten und Maskeraden über Macht und Ohnmacht, Ernst und Unernst des Theaters in geradezu aberwitzige musikalische Experimente umzusetzen verstanden. Carlo Rizzi und das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI beglaubigen das spritzig, temperamentvoll und elegant. Der Abend ist schlicht umwerfend. Man könnte von einer unüberhörbar mozartisch inspirierten „Offenbachiade“ sprechen.

So erweist sich diese dritte Premiere als wahres Rossiniglück. Schon ihretwegen lohnt sich auch in diesem Jahr die Reise ins Mekka aller Rossiniliebhaber, obwohl heuer die tropischen Temperaturen dem geneigten Publikum arg zusetzen. Aber große Kunst hat eben manchmal ihren schweißtreibenden Preis.

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