Rumänische Stimme der Moderne – Frischer Wind für das traditionsreiche Festival „George Enescu“ in Bukarest


(nmz) -
Im Laufe seines Bestehens hat das Festival „George Enescu“ verschiedene Gesichter angenommen. 1958 gegründet, diente es als kulturelles Aushängeschild des Ceausescu-Regimes. Dies nicht ohne Ambivalenz: von Anfang an ging es darum, das Werk George Enescus bekannter zu machen – ein Enescu-Werk auf dem Programm ist seitdem auch für eingeladene Gäste Pflicht. Die Einladung bedeutender internationaler Stars erhöhte nicht nur das Prestige des Festivals und damit des Landes, sondern ließ zu ausgesprochen moderaten Preisen auch den rumänischen Normalbürger an Glanz und Glamour musikalischer Welt-Events teilnehmen.
08.11.2017 - Von Isabel Herzfeld

Spektakulär war der Auftritt von Yehudi Menuhin und David Oistrakh mit Bachs Konzert für zwei Violinen schon im ersten Jahr, der sich gleich als Versöhnungsgeste zwischen Ost und West interpretieren ließ, und das im beginnenden Kalten Krieg. Bemerkenswert auch, dass hier sofort die rumänische Erstaufführung der Oper „Oedipe“ besorgt wurde, Enescus expressionistischem Hauptwerk, das nach der Pariser Premiere 1936 in der Versenkung verschwunden war und erst im Jahrzehnt zwischen dem 40. und 50. Todestag des Komponisten nach Berlin, Wien und New York kam. Nach der politischen Wende war es der organisatorische Tausendsassa loan Holender, der das immerhin wichtigste Festival Südosteuropas zur ernsthaften Konkurrenz der Salzburger Festspiele machen wollte – mit immer berühmteren Orchestern, Solisten und Dirigenten, ehrgeizigen Opern- und Ballettaufführungen, für die der rumänische Staat bereitwillig das Geld herausrückte. Dennoch: Neben all diesen Prestigeprojekten und der obligatorischen Enescu-Vermittlung hatte es in den letzten zehn Jahren nie an Versuchen gemangelt, zeitgenössische rumänische Musik angemessen zu präsentieren, ob in einer – zugegebenermaßen ein wenig ghettohaft eingebetteten – „Woche der zeitgenössischen Musik“ oder über das ganze Programm verteilt, was erfahrungsgemäß vom breiten Publikum weniger goutiert wurde.

Rumänien wurde EU-Mitglied mit allen Segnungen kapitalistisch-globalen Wirtschaftens, und Kultur war keine Chefsache des Staates mehr. 20 Prozent Kürzung des ohnehin nicht üppigen Budgets waren vor zwei Jahren die Folge – dieses Jahr, in der ersten Edition „nach Holender“, die gleichwohl noch seine Handschrift trug, betrug es 35 Millionen Lei, umgerechnet gut 8 Mio. Euro. Der Sponsorenanteil daran ist noch verschwindend gering, doch ist damit die ursprüngliche Höhe vor 2015 wieder erreicht. Mit Zubin Mehta auf der neu geschaffenen Position eines „Ehrenpräsidenten“ wurde ein renommierter, weltweit-austrahlender Künstler gewonnen. Zum eigentlichen künstlerischen Leiter aber wurde Vladmir Jurowski berufen, derzeit Leiter des Glyndebourne Festivals und des Philharmonic Orchestra London, der zugleich soeben sein Amt als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin angetreten hat. Holender, der frühere langjährige Wiener Operndirektor, der zwischendurch auch die Deutsche Oper Berlin programmatisch betreute, der als gebürtiger Rumäne so manches mit höchstrangigen Politikern aushandeln konnte, hatte sich noch skeptisch gegenüber einem Dirigenten als künstlerischem Leiter geäußert – der werde seine eigenen Interessen als Orchesterchef in den Vordergrund stellen.

Jurowski wiederum beteuerte sein von größter Bewunderung motiviertes Engagement für den Komponisten Enescu, das er zu seinem brillanten Einstand sogleich in überwältigende Klangpraxis umsetzte: Was bei früheren Aufführungen zumal der Bukarester Oper oft durch monumentales Pathos irritiert hatte, von antiquierten Inszenierungen zu schweigen, entfaltete in transparenter Darbietung jetzt ebenso impressionistischen Farbzauber wie expressiv geschärfte Modernität; Jurowski ließ zudem Linien und Strukturen hören, die man zuvor nie wahrgenommen hatte, eine neue Komplexität.

Nicht von ungefähr lieferte er am nächsten Abend mit Alban Bergs Violinkonzert und der verstörend brutalen 11. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch einen quasi-Kommentar zu Enescu nach, stellten ihnen den bei uns so oft auf Folkloristisches reduzierten Komponisten als eigenständigen Vertreter der frühen Moderne an die Seite. Die Vielschichtigkeit des Erscheinungsbildes des großen rumänischen Musikers, der später überwiegend von Paris aus wirkte, kam auch bei diesem Festivaljahrgang zur Geltung. Das Russische Nationalorchester unter Mikhail Pletnev begann seinen ansonsten reinen Prokofjew-Abend mit „Isis“ für kleines Orchester und Frauenchor, mit seinen schwebenden Vokalisen Debussys „Sirènes“ ähnelnd und dennoch mit einem Hauch Skrjabin behaftet, Raluca Stirbaţ setzte dem in ihrer mit Alban Berg und Ravel Enescu einkreisenden Matinee die viel motorischere, im langsamen Satz jedoch an Bartóks „Stimmen der Nacht“ gemahnende 3. Klaviersonate entgegen – beide Werke, im zeitlichen und gedanklichen Umfeld des „Oedipe“ geschrieben, fangen auf ihre Weise die Zeichen der Zeit ein; es wäre ungerecht, sie „eklektisch“ zu nennen, zumal Enescu in späteren Jahren ganz eigene Tonordnungen fand. Doch Jurowskis Pläne zielen auch auf eine neue Einbindung des Zeitgenössischen: die Rumänen sollen sich in Zukunft dem internationalen Vergleich stellen, eine größere Vielfalt im Rahmen von mehr Diskussion präsentiert werden. Zwar geschah das am Anfang mit dem allzu amüsant-postmodernen Violinkonzert von James McMillan – brillant gespielt von Vadim Repin und dem RNO unter Horia Andreescu - auf nicht allzu glückliche Weise, doch ist insgesamt die stärkere Berücksichtigung des 20. und 21. Jahrhunderts schon jetzt ein Pluspunkt des bisher recht romantiklastigen Festivals.

Enescu selbst zeigt sich so stärker als rumänische Stimme der Moderne. Mit der ungeheuer fantasievollen 1. rumänischen Rhapsodie durfte er dagegen im Karpatenstädtchen Brasov in folkloristischen Wettstreit mit Béla Bartóks hier viel geordneter, fast akademisch wirkenden „Rumänischen Volkstänzen“ treten. Dass die Philharmonie Brasov sich hier überhaupt mit einem ungarischen, eher jazzig auftretenden Folklore-Ensemble die Bühne teilte, war angesichts der traditionellen Feindschaft der beiden Nachbarvölker ebenfalls ein Verdienst der Festivalorganisation.

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