Samstagabend Wunschkonzert! – Die Bad Reichenhaller Philharmoniker im Portrait


(nmz) -
Sanfte Hügel, Wiesen und Wälder umgeben Bad Reichenhall. Durch das Südost-Bayerische Kurstädtchen fließt die smaragdgrüne Saalach. Felsige Alpengipfel bilden das Panorama. Hier lässt es sich gut kuren. Die Bad Reichenhaller Philharmoniker bewahren die Tradition der Kurmusik.
28.10.2021 - Von Antje Rößler

Im Kurgarten mit seinem Gradierwerk, den Springbrunnen und exotischen Gehölzen sorgen die zahlreichen Aufsteller mit Konzerthinweisen dafür, dass jeder Kurgast und Tourist von den Bad Reichenhaller Philharmoniker erfährt – unter dem Motto „Kurmusik tut gut“.

Der 20.000-Einwohner-Ort bietet dafür immerhin drei Bühnen: die prachtvolle neobarocke Konzert-Rotunde, das historische Königliche Kurhaus vom Star-Architekten Max Littmann und sowie einen modernen Theatersaal. Hinzu kommt der Freiluft-Pavillon im Kurpark.

Die Bad Reichenhaller Philharmoniker fahren zweigleisig. Als europaweit einziges Sinfonieorchester bieten sie ganzjährig Kurkonzerte. Außerdem führen sie regelmäßig Abo-Sinfoniekonzerte auf. Seit Ende 2020 leitet der amerikanische Dirigent Daniel Spaw das Ensemble. Der 35-Jährige war zuvor Kapellmeister in Hof und Linz.

Die Bad Reichenhaller Philharmoniker haben ihre Hochsaison im Sommer. „Das Orchester absolviert ein straffes Programm. Im Sommer gibt es täglich Kurkonzerte; dienstags und sonntags sogar zwei Mal“, erzählt der Dirigent Daniel Spaw. „Alles mit unterschiedlichen Programmen und ohne Probe!“

Die sommerliche Hochsaison bedingt einen ungewöhnlichen Konzertkalender: Die Spielzeit in Reichenhall geht von Dezember bis Oktober. Nur im November können die Musiker verschnaufen.

Von Opern-Fantasien über Salonstücke und Kammermusik bis zu Schlager und Musical – die Musiker haben aus dem Stehgreif rund 500 Werke drauf, die in ständiger Rotation in den Kurkonzerten erklingen. „Vieles, was wir regelmäßig spielen, wurde nie gedruckt. Wir verwenden teilweise handgeschriebene Noten aus der Anfangszeit des Orchesters, als die Kapellmeister eigene Stücke schrieben oder selbst arrangierten“, erklärt Daniel Spaw.

Kurmusik erklingt in Reichenhall bereits, seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Sole-Heilanstalt ihren Betrieb aufnahm. 1868, mit Eröffnung des Königlichen Kurgartens, entstand zugleich eine zunächst 18-köpfige Kurkapelle. Diese wuchs auf sinfonische Größe an – parallel mit dem Aufstieg Reichenhalls zum angesagten Erholungsort für das großbürgerliche und adlige Badepublikum. Die nachmittäglichen Konzerte waren ein gesellschaftliches Ereignis: sehen und gesehen werden.

Aushängeschild vor dem Ersten Weltkrieg war der Joseph-Joachim-Schüler, Komponist und Dirigent Gustav Paepke mit seinem kunstvoll gezwirbelten Schnurrbart. Paepkes schmissiger Marsch „Hoch Reichenhall“ erklingt bis heute regelmäßig in den Kurkonzerten. „Auf meinem Pult liegt dann die Partitur in Paepkes Handschrift“, sagt Daniel Spaw.

Mit dem Ersten Weltkrieg war die Sause vorbei. Fortan kamen eher kleinbürgerliche Kurgäste. Nach Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die meisten Musiker eingezogen oder in die Rüstungsindustrie versetzt. Im Kurpark wuchsen Kartoffeln. Doch bereits im Frühsommer 1945 fanden sich einige Musiker unter den heimatvertriebenen Neuankömmlingen zu einem Ensemble zusammen.

Prägende Figur der Bad Reichenhaller Philharmoniker wurde Wilhelm Barth, der das Ensemble mit kurzer Unterbrechung von 1947 bis 2004 leitete. Mit Weitsicht formte er das Profil eines öffentlich geförderten, ganzjährig aktiven Ensembles, das sowohl Kurmusik als auch sinfonische Werke aufführt.

Auf der Kippe stand das Orchester nach der Gesundheitsreform in den Neunzigern, die die Zahl der Kurgäste drastisch reduzierte. Doch im neuen Jahrtausend ging es wieder bergauf. Die Bad Reichenhaller Philharmoniker etablierten erfolgreiche Formate wie das Freiluft-Event „Der Thumsee brennt“ und das Festival Alpenklassik, das mit Meisterkursen in Kooperation mit der Musikhochschule München einher geht.

Unterm Strich geben die Musiker jährlich rund 350 Konzerte in Bad Reichenhall. Samstagabend steht das Wunschkonzert auf dem Programm. „Die Besucher können sich per Zettel oder E-Mail Stücke wünschen. Daraus stelle ich dann ein Programm zusammen“, erzählt Daniel Spaw, der dafür auch mal im hauseigenen Archiv stöbert, das 7000 Werke umfasst. „Da stehen auch noch völlig unbenutzte Noten, die nie gespielt wurden.“

Drei Jahrzehnte lang hat Bad Reichenhalls Kurdirektorin Gabriella Squarra, die nun in den Ruhestand geht, die Aktivitäten des Ensembles unterstützt. Squarra etablierte die Musik als wichtigen Baustein der Kur. Gemeinsam mit dem geigenden Neurowissenschaftler Stephan Kölsch hat sie in diesem Sommer die Reihe „Musik tut gut“ ins Leben gerufen, deren Konzerte eine besondere Heilwirkung auf Körper, Geist und Seele ausüben sollen.

Die Bad Reichenhaller Philharmoniker werden vom Freistaat, vom Landkreis und der Stadt gefördert. Den Kontakt zu Landrat und Bürgermeister beschreibt Daniel Spaw als positiv. „Wenn ich das Gefühl habe, dass die Stadt und die Geldgeber hinter mir stehen, kann ich frei meine künstlerischen Entscheidungen treffen“, meint der Dirigent. „Wir haben dieses Jahr schon Webern, Louise Farrenc oder Samuel Barber aufgeführt. Wir spielen nicht etwa nur die Schlachtrösser.“

In den Philharmonischen Abo-Konzerten, die im Unterschied zur Kurmusik vorwiegend von Einheimischen besucht werden, kann Daniel Spaw auch richtig große Besetzungen auffahren: Die Nähe zu Salzburg macht es möglich, unkompliziert Aushilfen und Krankheitsvertretungen zu engagieren.

Auf der Bühne gibt der Dirigent kurze Werkeinführungen. „So kann ich erklären, was mir an dem Werk wichtig ist und warum ich es aufs Programm gesetzt habe. Außerdem gebe ich ein paar Tipps, worauf man beim Hören achten kann“, meint Spaw. „Das erhöht das Potenzial für ein erfüllendes Konzerterlebnis.

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