Spiel mir das Lied von Effi… Uraufführung von Siegfried Matthus’ „Effi Briest“ in Cottbus


(nmz) -
Heute kann sich kein Gymnasiast mehr durch einen Theaterbesuch die Lektüre eines Klassikers ersparen. Das ist eine Binsenweisheit, weil das Theater heute viel zu selbstbewusst und eigensinnig mit diesen Vorlagen umgeht. Die gerade uraufgeführte Opernversion von „Effi Briest“ ist da eine Ausnahme von der Regel. Zumindest, wenn man sich mit einer kurzen Zusammenfassung zufrieden gibt.
20.10.2019 - Von Joachim Lange

Siegfried Matthus (85) hat sie komponiert – sein Sohn Frank das Libretto dazu geschrieben. Am auftraggebenden Staatstheater Cottbus haben Alexander Merzyn am Pult des Philharmonischen Orchesters und der Regisseur Jakob Peters-Messer die Novität mit allem, was das verbliebene brandenburgische Mehrspartenhaus zu bieten hat, in Szene gesetzt. Als Spiel mit der Erinnerung an eine lange zurückliegende Lektüre bei der Mehrheit des Publikums. Als ein repräsentatives Geschenk des Landes an seinen großen Sohn Fontane. 2019 jährt sich der Geburtstag des Wanderers durch die Mark Brandenburg zum 200. Male.

Der Komponist verlässt sich ohne jeden Verstörungsehrgeiz auf die Prominenz von Dichter und Werk. Und auf sein eigenes Handwerk. Das ermöglicht ihm immer noch ein geschmeidiges Parlando oder wie selbstverständlich wogende Melodien. Mit den drei Freundinnen von Effi erinnert er an berühmte Vorbilder, wie sie in Wagners Rheingold oder in Strauss’ Ariadne herumschwirren. Nur mit dem Traum von glücklichen Kindertagen am Ende rutscht die hübsche Idee dann etwas ins Banale ab. Auch versucht er sich an einem Quartett, das so durchsichtig bleibt, dass man jedes Wort versteht. Was man für einen Vorzug halten kann, aber nicht muss. Schließlich komponiert er für Effi und Crampas ein ausführliches Liebesduett – was entfernt an Korngolds Tote Stadt erinnert, aber halt aufs brandenburgische Maß reduziert bleibt.

Da Martin Shalita den Crampas wegen Indisposition nur spielen und nicht singen konnte (Jens Klaus Wilde war am Nothilfepult an der Seite heillos überfordert), blieb der mögliche vokal schwelgerische Höhepunkt der Effi von Liudmila Lokaichuk vorbehalten. Wer koventionell auspendelndes Schwelgen nicht für antiquiert hält, wird sich das noch einmal anhören müssen. Musikalisch bleibt Matthus mit dem Selbstbewusstsein eines Routiniers ganz bei sich und schert sich nicht um das, was man heute im Allgemeinen an Irritation oder auch Verstörung mit Neuer Musik verbindet.

Für die Sänger (der Besetzungszettel listet 23 größere oder auch ganz kleine Rollen auf) ist das Ganze ein Fest. Und sie machen das (bis auf die eine Ausnahme) ganz großartig. Matthus hatte vor allem seine Uraufführungs-Effi beim Komponieren vor Augen: die junge Russin begann ihre Karriere in Deutschland in der verdienstvollen Nachwuchsschmiede, die das Kammeroper Rheinsberg Projekt des Komponisten ja auch ist. Dann war sie in Cottbus, jetzt ist sie in Halle engagiert. Als idealtypische Effi beginnt sie mit mädchenhafter Unbefangenheit, überstrahlt leichtfüßig schwebend ihre Umgebung, durchmisst dann das ganze Effie-Leben höchst glaubwürdig im Zeitraffer.

Andreas Jäpel ist ein sonorer Innstetten, den weder der Komponist noch die Regie als Figur bloßstellt. Schwach dagegen bleibt Crampas. In dieser Inszenierung wäre der Apotheker die näherliegendere Wahl für eine Affäre gewesen. Auch Carola Fischer als warmherzige treue Freundin Roswitha bleibt ebenso im Gedächtnis wie Katharina Kopetzky als ihr kaltherziger Gegenentwurf Johanna. Zwischen Konvention und ständischem Selbstbewusst lavierend sind der alte Briest (Ulrich Schneider) und seine resolute Gattin (Gesine Forberger) Effi-Eltern wie aus dem Bilderbuch.

Genauso setzt sie der Regisseur zum Auftakt und am Ende auch an das Grab der Tochter. Mit einer Projektion der leer schwingenden Schaukel auf dem Zwischenvorhang davor. Und mit der in den allgemeinen Wortschatz übergegangenen Redensart des alten Briest vom sprichwörtlichen (zu) weiten Feld. Was sich dann entspinnt ist eine schnell und handwerklich perfekt geschnittene Folge von 46 Szenen (13 davon als instrumentale Zwischenspiele) mit schnörkellosem und durchweg wortverständlichem Parlando.

Die Bühne von Guido Petzold wird von einem Mauerhalbrund beherrscht. Außen: Theodor Fontane Zitate in Stein gemeißelt. Nun, es wird wohl Styropor oder Pappmaschee sein. Diese Hervorhebung der Worte im Bild steht (unfreiwillig) auch dafür, dass das Libretto die Schwachstelle des Abends ist. Nicht nur, wenn der Komponistensohn selbst fröhlich drauflos reimt. Auf dem Weg vom Roman in die Opernvorlage ist einiges verdampft, an feinem Humor, subtiler Doppelbödigkeit. Und damit auch an dem gewissen Quantum Zeitlosigkeit, den die Geschichte ja doch immer noch hat. Auch wenn eine Affäre wie sie Effi mit Crampas hatte, heute höchstens im parallelgesellschaftlichen Ausnahmefall tödlich enden und die Eltern ihre Tochter so lange verstoßen würden, bis es zu spät ist. Damals war das die Norm beim preußischen Adel, wo ein kolportiertes „Bismarck schätzt ihn“ einem Orden gleichkam.

Die schwarze Innenseite der Wand aus (Fontanesätzen) ist der Hintergrund für artifizielle Szenen mit realistischen Versatzstücken. Für die Hochzeitsreise nach Venedig reicht ein reichliches Dutzend stumm erstarrter Gondoliere und ein musikalisches Santa Lucia Zitat. Und für Innstetten eine Ausstattung (Kostüme: Sven Bindseil) als wäre er ein Widergänger Gustav von Aschenbachs. Dass Effis verordneter Ehemann einst ein Bewerber um die Hand der Mutter war, verrät die mit einem Blick und einer Geste. Die Stärke von Peters-Messers Inszenierung liegt in einer Präzision, die neben dem Libretto und der Musik auch selbst noch mal bei Fontane nachschlägt. Beim Duell setzt die Musik plötzlich für eine kleine Ewigkeit aus. Innstetten und Crampas greifen zu Pistolen, die dann auch wirklich knallen.

Siegfried Matthus hat mit seiner „Effi Briest“ aus einem weiten Feld einen übersichtlichen Garten gemacht. Mit gut bekannter heimischer Bepflanzung. Die(Text-)Wege mittendurch sind da etwas allzu grade geraten. Ein Geburtstagspräsent, bei dem so viel Ehrfurcht im Spiel war, dass der Geehrte möglicherweise ein gewisses Quantum Mumpitz eingefordert hätte.

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