Unsere Klassik-Seele zwischen Balsam und Schrecksekunde – Ein Kulturpolitisches Forum von WDR 3 diskutierte die „gesellschaftliche Relevanz“ der klassischen Musik


(nmz) -
6 Prozent gehen regelmäßig ins Konzert. 2 Prozent hören WDR 3. Soweit die Fakten wie sie eine Podiumsdiskussion bei den Tagen Alter Musik in Herne für belastbar erklärte. Nur, was bedeuten sie, die Zahlen und „Fakten“? Was sagen sie über eine Welt knapp über respektive deutlich unter 5 Prozent? Grund, um Alarm zu schlagen? Oder ist alles nur halb so schlimm? Das Podium jedenfalls war sich unsicher. Und hat so manche andere Fragen unter den Tisch fallen lassen.
19.11.2014 - Von Georg Beck

Zunächst die, die im Titel stand dieses Kulturpolitischen Forums zur „gesellschaftlichen Relevanz der klassischen Musik“: „Balsam für die Seele?“ hieß es da im Übertitel mit großem Fragezeichen. Antworten darauf hätte man gar zu gern entgegengenommen. Letztlich konnte man nur spekulieren, weshalb zur „Balsam“-Frage nichts weiter mehr kam. Vielleicht, dass man den Punkt als überdeutlich rhetorisch von vornherein abgehakt hat. Dabei hätte man gern gewusst, inwiefern das Kompensationsmodell, das als Hypothese ja in einer solchen Metapher drinsteckt, seinerseits empirisch belastbar ist oder nicht? Und wenn es ‚nur‘ Theorie ist, inwieweit es als Erklärungsmodell nun doch hoffentlich das Ressentiment, den bloßen Verdacht gegen den Klassik-Hörer, den Klassik-Konzertgeher hinter sich gelassen hat? Das Provokationspotential darin erhellt ja sofort, wenn man die Sache mit dem „Balsam“ einmal im Sinne einer älteren Religionskritik auf die Füße stellt: „Klassische Musik – Das Opium des gebildeten Volks?“

Andererseits, jedes Podium hat, wie jedes Konzert, seine Eigendynamik. Und seine eigenen Fragen. Das in Herne hatte mit dem Musiksoziologen und Musikpsychologen Professor Hans Neuhoff immerhin sogar einen hauptamtlichen akademischen Vertreter in der Runde. Und in Gestalt von Bernhard König dankenswerterweise einen Komponisten, der auch lange Zeit als Konzertpädagoge tätig gewesen ist. Dazu mit Regine Müller eine Stimme, die aus der Position der Musikpublizistin und von daher berufsmäßigen Konzertbesucherin bemüht war, allzu landläufig Plattes gerade zu rücken und Fragezeichen dort anzubringen, wo sie tatsächlich hingehören. Gegenüber dem von Neuhoff ins Spiel gebrachten Konzertkonventionen des Stillsitzens, des Nichtredens und Nichtkommentierens, die über den genüsslich ausgebreiteten Vergleich zu den Gepflogenheiten bei Pop- und Rockkonzerten plötzlich allen Anwesenden irgendwie als von Annodunnemals erschienen – gegenüber diesem (einst von Adorno als Bonmot in die Diskussion eingeführten) Trick, bekundete Müller nur, dass für sie das Stillsitzen weder Zwang noch Zumutung sei, vielmehr mache sie es gern, weil sie gern zuhöre. Puff, da war die Luft raus.

Stillesitzen vermitteln

Nächster Punkt war dann die von Diskussionsleiter Richard Lorber in die Runde geworfene Frage der „Publikumsrekrutierung“. Was nun weder ein schönes Wort ist noch der Sache angemessen, nur eben, dass damit konventionsmäßig der gemeinsame Nenner der republikweit grassierenden Aktionen in Sachen „Vermittlung“ umschrieben ist. Frage: Was ist tauglich dafür? Was nicht? Interessant, wie sich im darauf bezogenen Wortwechsel doch sehr mächtige Tabus zeigten, mit denen wir in dieser (heimlichen) Machtfrage rechnen müssen. Das von Müller hinters NRW-JEKI-Projekt gesetzte Fragezeichen, gedeckt von so ziemlich allen ernst zu nehmenden Evaluationen, wurde vom Leiter der Klassischen Musik bei WDR 3 Werner Wittersheim doch recht generös abgewehrt. Auch hier mit einem schönen Kniff. Da wurden die von Müller angeführten „17 Prozent“ flugs mit den WDR 3-Hörerzahlen gegengerechnet und sofort war jedermann klar: Da muss man erst mal hinkommen!

Relerelerelevanz

So wäre der kulturpolitische Diskurs im Herner Museum für Archäologie an diesem Samstag­vormittag wohl weitergegangen, hätte Bernhard König nicht entschieden an das aufgegebene Thema erinnert und mit einem persönlichen Bekenntnis verbunden als er für sich die „Sehnsucht nach Relevanz“ eingestand. Auch wenn man noch nicht wusste, was genau eigentlich unter „Relevanz“ zu verstehen ist – die diskursive Fallhöhe war damit denn doch unmissverständlich angezeigt zumal Neuhoff aus musiksoziologisch-psychologischer Warte sein „Schöne Erfahrungen – mehr brauchen wir gar nicht!“ dagegen hielt. König ließ sich nicht beirren. Und auch als er vom Diskussionsleiter wie es schien etwas erschrocken gefragt wurde, ob Klassik denn wirklich „Arbeit“ mache, ließ er nicht locker und beharrte tatsächlich auf so herben Dingen wie Noten lesen können. Überhaupt, so König, sei man dabei, sich das Wasser der Relevanz klassischer Musik durch forcierte Publikums-Spezialisierungen (Konzerte für Kinder, für Demente, für Manager, für …) selbst abzugraben.

Sonderbewirtschaftungszonen unserer Konzertrealität

Was Gelegenheit gewesen wäre, den abhanden gekommenen Universalismus der Klassik (kleine Hilfe: Chorfinale Neunte Beethoven) einmal mit den Sonderbewirtschaftungszonen unserer Konzertrealität abzugleichen. Macht es wirklich noch Sinn, mit Eifersucht über die Grenzen zu wachen, die eine alte Musik von einer klassischen und die von einer neuen Musik trennen soll? Eine Frage, die vielleicht nicht ganz abwegig gewesen wäre gerade im Kontext eines Spezialfestivals für Alte Musik. Wobei Herne ja nun wirklich nicht weit von Witten entfernt ist, wo der WDR zur Freude anderer Musikfreunde jedes Frühjahr die Tage für neue Kammermusik veranstaltet.

„Gelungene“ Durchsetzung der Norm

Irgendwie blieb der Eindruck, dass die Grenzlinien ihren Absolutheitsanspruch eingebüßt haben – gemessen zumal an besagten 6 respektive 2 Prozent. Prompt kam nämlich in der Kupo-Runde ein Argument auf den Tisch, das die Anhänger der alten wie der klassischen wie der neuen Musik gleichermaßen alarmieren müsste. Da erschien die Subventionierung der Bühnen und Konzerthäuser aus dem allgemeinen Steueraufkommen auf einmal als eine gelungene Überzeugungsleistung der „Bildungs- und Funktionseliten“, die „ihre Musik“ als Norm durchgesetzt hätten. Was Neuhoff damit letztlich sagen wollte, wurde nicht mehr diskutiert. Was blieb, war diese kleine Schrecksekunde in den Gliedern. Ist der auf dem Podium vielfach bezeugte und belegte „Status der klassischen Musik“ letztlich nur der erfolgreiche Coup einer Klassik-Lobby? Das sollte man noch einmal aufgreifen.

  • Hinweis: Sendung am Sonntag, 23.11.2014 19:05, WDR 3

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