Untergang mit Panoramablick – Oper Leipzig schließt Wagners Ring mit der „Götterdämmerung“


(nmz) -
Es ist geschafft! Die Oper von Wagners Geburtsstadt Leipzig hat nach über 40 Jahren endlich ihren neuen Nibelungen-Ring. Der Vorgänger von Joachim Herz aus den 70er Jahren hat längst seinen Platz im Olymp der Wagner-Großtaten. Und zwar ganz in der Nähe des Bayreuther Jahrhundertrings von Patrice Chereau …
03.05.2016 - Von Joachim Lange

Begonnen haben die Leipziger im Wagnerjahr 2013 mit dem Rheingold. Nach der Walküre und Siegfried folgte jetzt die Götterdämmerung. Vor ausverkauftem Haus versteht sich. Was die Oper am Augustusplatz unter ihrem Intendanten und GMD Ulf Schirmer drauf hat, wird man geballt vom 5. bis 8. Mai erleben können, wenn der komplette Ring an vier aufeinanderfolgenden Tagen gespielt wird. Die Tetralogie ohne Pausentage zum Durchatmen für Orchester, Sänger (und Zuschauer!) – das ist der künstlerische und logistische Ernstfall. Wagner selbst hat sich das ein Mal getraut. Und dann nur noch Christine Mielitz und Kirill Petrenko vor 15 Jahren in Meiningen. Welche Anziehungskraft ein solches Wagnis auf die Gemeinde ausübt, zeigt sich daran, dass es im Handumdrehen ausverkauft war. Zu 45 % ins Ausland, zu 43 % nach Deutschland und zu 12 % nach Leipzig. Wobei die Wagnerianer vor Ort ja schon bei den separaten Aufführungen für ein volles Haus gesorgt haben.

Musikalisch ist so etwas natürlich Chefsache. Und mit dem Wagnerliebhaber Ulf Schirmer am Pult des Gewandhausorchesters vor allem vom Graben aus ein echtes Prunkstück! Für das umfangreichste Schlussstück der Tetralogie bietet Schirmer die ganze Wucht der Weltuntergangsdramatik auf, setzt auf Transparenz, betont einzelne Instrumentengruppen, fügt aber doch die Einzelstimmen so zusammen, dass er den vielbeschworenen großen Bogen hält, und die Geschichte um Siegfrieds Manipulation durch Hagen, seinen Tod und den Untergang der Götter musikalisch beispielhaft eloquent erzählt. Dabei scheut Schirmer auch das entfesselte Pathos (wie beim Trauermarsch) nicht, schwelgt in den Zwischenspielen, hat für die besonderen Effekte sogar eigens drei schon optisch imponierende Stierhörner anfertigen lassen, die bei Hagens Mannen auf offener Bühne eingesetzt werden und jeweils noch einen zweiten Mann brauchen, der diese martialisch loströtenden Monstren halten muss. 

Das Faszinierende an diesem Abend ist aber, dass auch dann, wenn Schirmer das Orchester mal richtig knallen und im wahrsten Wortsinn auf die Pauke hauen lässt, die fabelhaften Protagonisten nicht untergehen und das Ganze nie die Grenze zum bloßen Lärm touchiert. Dabei imponiert der mühelose strahlende Thomas Mohr als Siegfried genauso wie die sich rückhaltlos in die Brünnhildenbrust werfende Christiane Libor. Gunther ist bei Tuomas Pursio genauso sicher aufgehoben wie Gutrune bei Marika Schönberg oder der finstere Hagen bei Rúni Brattaberg. Exzellent ist Kathrin Görings Waltraute. So geht das weiter, schließt die Nornen, die Rheintöchter und den Chor ein. 

Wobei sich der einen Tick zu viel aufs Singen konzentrieren konnte. Aber wer wie diese Gibichungenarmee auf Pistole und Dolch in den Reserve-Modus abgerüstet wurde, in Ausgehuniform und Halbschuhen Jagen geht und mit Sektflöten anstößt, der bleibt besser in Tableauformation stehen. Bewegung übernimmt eh mehr das von Regisseurin Rosamund Gilmore hinzugefügte Dutzend Tänzer, das als Nornen-Schatten, Dienstpersonal bei den Gibichungen oder personifizierte Wasserelemente illustriert, manchmal aber auch einfach den Vorhang für den grandiosen Panorama-Blick aufzieht, oder den Flügel und die Möbel rein und raus räumt. Was sogar vorm Trauermarsch nicht haltmacht, wenn der tote Siegfried auf einem erlegten Hirsch weggezogen wird und die Klappstühle gleich noch mit weggeräumt werden …

Szenisch hat in der Götterdämmerung eh, neben Schirmer, vor allem Bühnenbildner Carl Friedrich Oberle das Heft in der Hand. Mit einer gewaltigen, irgendwie modernen Säulenhalle. Schlicht, aber imperial. Zum Brünnhildenfelsen schafft es Siegfried hier tatsächlich auf einen Atemzug, wie er behauptet – der befindet sich nämlich auf einem Balkon, der bei Bedarf in dieses Atrium reicht. Die fünf Säulen (hinter denen sich auch mal die Götter verstecken) haben auf den letzten Drücker ihren Soloauftritt: Beim großen Showdown brechen die auseinander – und während die eine Hälfte nach oben entschwindet, ziehen die unteren Teile die Götter mit sich in den Untergang. Was soll’s. Diese Einheits-Halle bietet Raum für Licht- und Nebeleffekte, imaginiert so leicht alle nötigen Schauplätze. 

Den ganz großen Deutungswurf liefert Gilmore also nicht. Aber in großformatigen Bildern und mit einer im Ganzen soliden Personenführung ihrer Helden erzählt sie die Geschichte klar bis zum Ende. Das fällt bei ihr pessimistisch aus – ohne Götter und ohne Menschen. Die im Saal jubelten den Akteuren zu. Für’s Regieteam mischten sich ein paar (wagnerübliche) Buhs darunter. 

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