Verbindlichkeit und Radikalität – Mozarts und Czernowins „Zaide/Adama“ in Freiburg


(nmz) -
Eine Uraufführung am Ende einer Amtszeit? Dazu gehören Mut und Selbstvertrauen. Mit der Premiere von „Zaide/Adama“, der letzten in der Amtszeit der Intendantin Barbara Mundel und Operndirektorin Dominica Volkert, verabschieden sich die Freiburger Musiktheatermacherinnen von ihrem Freiburger Publikum nicht mit einem Zuckerl, sondern einer harten Nuss, die es zu knacken gilt – und die dann doch allzu schwer im Magen liegt.
18.06.2017 - Von Georg Rudiger

Zu Mozarts Opernfragment „Zaide“ hatte die israelische Komponistin Chaya Czernowin bereits 2006 für die Salzburger Festspiele „Adama“ komponiert. In beiden Stücken geht es um ein Liebespaar, das durch äußere Umstände nicht zusammenkommen kann. Bei Mozart verhindert der grausame Sultan Soliman das Glück seiner christlichen Sklaven Zaide und Gomatz, bei Czernowin wird die Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser durch den Vater und die Gesellschaft verhindert. Am Ende steht für die Paare der Tod. Die beiden Opern werden ineinander verschachtelt. Mozarts verbindliche Musiksprache trifft auf Czernowins radikale, geräuschhafte, kalte Klangwelten. Der Kontrast zwischen den wechselnden Stilen sorgt für Spannung und Irritation.

Für die Freiburger Premiere hat nun Chaya Czernowin gemeinsam mit dem Regisseur Ludger Engels neue Chöre komponiert. Sie wollte damit den Mob hör- und sichtbar machen, der die Situation in „Adama“ eskalieren lässt. Ric Schachtebeck (Bühne und Kostüme) hat dafür einen langen, breiten Steg gebaut, der vom Zuschauerraum bis zur Hinterbühne führt. Das Publikum sitzt sowohl auf den eigentlichen Theaterplätzen als auch auf drei Podien auf der Bühne. Das Instrumentalensemble für „Adama“ ist in dieser Manege in einer quadratischen Vertiefung auf der Hinterbühne postiert (Dirigent und souveräne musikalische Gesamtleitung: Daniel Carter). Das Philharmonische Orchester Freiburg (Dirigent: Johannes Knapp), das für Mozarts Musik zuständig ist, befindet sich erhöht über dem hochgefahrenen Orchestergraben. Der Abend beginnt verstörend. Die im Plastikeimer gerollten Steine erzählen von Gewalt. Die mehr gestammelten als gesprochenen, regelrecht zertrümmerten Worte „Erde“, „al xadjari“ (Stein) und „adama“ (Erde) werden von den beiden Schlagzeugern geräuschhaft kommentiert. Während Czernowins düsterer Einstieg allmählich verklingt, setzt schon Mozarts beschwingter Eingangschor  „Brüder, lasst uns lustig sein“ ein. Christoph Waltle spricht ein wenig undeutlich den langen Monolog des unglücklichen, im Serail gefangenen Gomatz. Mozarts Musik zu diesem Melodram klingt zumindest auf der Bühne wie hinter einem Vorhang: gedämpft und verschwommen.

Damit taucht das erste große Problem des Abends auf. Zwischen den Solisten und dem Orchester entsteht bei Mozart kaum eine Bindung. Immer wieder führt die große räumliche Trennung zu Koordinationsproblemen. Viele Details von Mozarts Partitur verschwimmen. Die Musik ist mehr Kulisse als Vordergrund. Das Orchester klingt im Verhältnis zu den Sängern viel zu leise, so dass die Balance in eine stete Schieflage gerät. Das zweite Grundproblem betrifft die Fassung selbst. Im Gegensatz zur ursprünglichen Version bleibt Mozarts Musik nicht weitgehend unangetastet, sondern wird bewusst gestört, ja zum Teil auch zerstört. Die längeren Überlappungen von Czernowin und Mozart bei den Wechseln zwischen den Stücken können noch Reiz entfalten, aber die Störgeräusche nehmen zu. Mitunter sind nur noch Klangfetzen von „Zaide“ zu hören – der Rest geht unter in Schlagzeugattacken, Posaunengrummeln und mal gezischten, mal gebrüllten Einwürfen des Chores. Dabei wird der von Bernhard Moncado dirigierte Chor von Regisseur Ludger Engels sehr gut eingeführt. Die Sängerinnen und Sänger haben sich unter die Zuschauer gemischt und kommentieren so täuschend echt das Geschehen, dass sich Verunsicherung breitmacht. Je länger die Choristen aber auf der Bühne sind, desto unglaubwürdiger wird dieser Mob. Wenn sie, auf weiße Gartenstühle verteilt, fauchen und böse Gesichter machen, denkt man eher an einen Kindergeburtstag als an die Radikalisierung einer Gesellschaft. Um die Gruppendynamik einer Masse, um das Kippen einer Stimmung kümmert sich die Regie in Freiburg leider nicht. Und was ein Breakdancer in diesem Umfeld zu suchen hat, erschließt sich selbst auf den zweiten Blick nicht.

Auch musikalisch wirkt die neue Fassung gröber als die ursprüngliche Version. Am Stärksten ist Czernowins Musik bei den sich wandelnden Chor-Clustern am Ende und in den unheimlichen Überlappungen mit Mozart. Es liegt vor allem an der Präsenz der Akteure, dass eine Restspannung erhalten bleibt. Vor allem Annette Schönmüller und Robin Adams verkörpern die tragische israelisch-arabische Liebesgeschichte mit jeder Faser ihres Körpers und ihrer Stimme. Patrick Ruyters Vater eskaliert bis zur Steinigung. Die mit zu üppigem Vibrato singende Laure Meloy als Zaide und der hell timbrierte Tenor Christoph Waltle als Gomatz werden von Roberto Gionfriddo in der Rolle des cholerischen Soliman attackiert. Alejandro Lárraga Schleske (Allazim) und Jin Seok Lee (Osmin) bleiben als Schlichter farblos. Zu Mozarts abschließendem Quartett „Freundin! Stille deine Tränen“ verlassen die „Adama“-Musiker ihren Platz und suchen sich einen Gartenstuhl. Offen und unentschlossen geht der fast zweieinhalbstündige, ohne Pause gespielte Musiktheaterabend, den einige Besucher schon vorher verlassen hatten, zu Ende.

Weitere Vorstellungen: 22./24./29. Juni, 1. Juli 2017, jeweils 19.30 Uhr. Karten unter www.theater.freiburg.de

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