Viel Staat um (fast) Nichts – „Mein Staat als Freund und Geliebte“ von Johannes Kreidler an der Oper Halle uraufgeführt


(nmz) -
„General Dr. von Staat“ – so nannte Thomas Mann jenes Phänomen, um das der jüngste Uraufführungs-Abend in der Oper Halle kreist. Der nennt sich – deutlich verführerischer als beim bürgerlichen Großdichter – „Mein Staat als Freund und Geliebte“. Sein Erfinder, Johannes Kreidler, bezeichnet ihn selbstbewusst als „Oper für Chor, Video, einen Schauspieler, einen dramatischen Tenor, Ballett, Orchester und Elektronik.“ Was zumindest nach dem „für“ nicht zu bestreiten ist. Bei „Oper“ wäre der Zusatz ReadyMade angebrachter. Denn das Ganze ist eine Collage aus längst existierender Musik, aus Filmklassikern, mehr oder weniger verbindenden oder abschweifenden Texten und einer Dosis Performance nach Art von Stefan Paul.
28.04.2018 - Von Joachim Lange

Was Kreidler für Halle zusammengebastelt und selbst inszeniert hat, ist im Grunde eine Fortsetzung des „Kunstwerks der Zukunft“ auf der großen Bühne. Mit dieser experimentellen Serie im Operncafé (Marke: die einen sagen so, die anderen so) versprach man eine Auseinandersetzung mit Wagners Ring und Marx’ Kapital. Heraus kam eine Spielwiese für Künstler und Zuschauer auf Selbsterfahrungstrip. Kreidler steuerte damals mit seiner One-Man-Show einen unterhaltsamen Exkurs über „Industrialisierung und Romantik“ bei. Das war der vielversprechendste Teil dieser Serie der kleinen Form.

Kunstwerk der Zukunft

Auch diesmal, im Opernhaus auf der großen Bühne, lernt man zumindest eines: 150 ist die Zahl der Menschen, die ein Einzelner im der realen Leben (und nicht in der Facebook-Scheinwelt) persönlich kennen kann. Für mehr reicht es nicht wirklich. Sagt der Performer Stefan Paul. Man glaubt es ihm irgendwie. Schon, weil er von 1 bis 150 zählt und dabei in die Tasten haut. Damit gibt es mal eine Spur von Begründung, warum es über den integrierenden Kitt persönlicher Beziehungen hinaus wohl noch etwas Anderes, Strukturierendes im Zusammenleben der Menschen gibt. Etwas – im wahrsten Sinne des Wortes -Über-Menschliches. Wie eben den Staat, diesen Fürsorglichen und (immerhin Geld und im schlimmsten Fall das Leben) Fordernden. Wer so ein Thema stellt, der weckt halt Erwartungen.

Aber der pausenlose, 90minütige Abend kreist wie ein (Musik- und Filmverwertungs-)Geier oder besser ein Reichs-, Königs- oder Bundes-Adler, über seinem Gegenstand. Und findet die Beute nicht, auf die er sich stürzen könnte, um sie zu erledigen.

Immerhin ästhetisch, als Event genommen, kann man etliche Rosinen aus der gedanklich mäandernden Bilderfolge herauspicken. Die Bühne von Ausstatter Christoph Ernst ist weiß ausgeschlagen, bietet Platz – für die Kino-Leinwand hinten und den Riesen TV-Schirm in der Schrankwand weiter vorn. Die Staatskapelle unter Christopher Sprenger ist in Wagner-Collage-Hochform. Der von Rustam Samedov (durch Extrachor aufgerüstete) Chor übertrifft sich als sprechendes, singendes und spielendes Kollektiv mit Hauptdarsteller-Aufgabe.

Es macht Spaß, wenn Tenor Christian Voigt als Wagners Tristan das Liebesduett beginnt und der Chor als Isolde antwortet. Oder, wenn zum Hochzeitsmarsch – „Treulich geführt“ aus „Lohengrin“ ein roter Teppich ausgerollt wird und die Braut dem Bräutigam aus ein paar Metern Höhe in die Arme fällt. Schließlich die Parsifal-Musik: Als Untermalung für eine Gruppenchoreografie, die Tänzer Dalier Burchanow so geschickt der Szene anverwandelt, dass man Lust auf mehr davon bekommt! So wie Stefan Paul, der bei seiner Lieblingsstelle so in Verzückung gerät, dass er sie von Chor und Orchester immer und immer wieder hören will.

Später, bei der Betrachtung der Betrachtung des Meeres durch einen Mönch bei Caspar David Friedrich, kommt er auch auf die 500 Millionen Jahre Restlaufzeit unseres Planeten zu sprechen. Der Staat ist da als Thema längst am Horizont verschwunden. Vielleicht hätte hier doch Paul Klees „Angelus Novus“, jener berühmte „Engel der Geschichte“ der sich im Sturm der Zeit vom Paradies entfernt, die treffendere Bildvorlage geliefert, als der Romantiker mit Meerblick.

Was beim gelegentlich auch lachenden Publikum wirklich zündet, ist eine Tenoreinlage, bei der der Mackie-Messer-Song und das Deutschlandlied die Musik tauschen, auch dialektisch verfremdet funktionieren und Szenenapplaus provozieren. Der Rest sind Filmausschnitte (von Liebesszenen bis Western Showdown), die neu synchronisiert wurden, wobei gefühlte hundert Mal die Vokabel Staat hineinmontiert wurde. Das schwimmt bald als Wortspielschaum auf jener Oberfläche, auf der Kreidler sich an diesem Abend offensichtlich am wohlsten fühlt.

Und das Verhältnis zum Staat?

Als Performance, so für sich genommen, hat das streckenweise seinen Unterhaltungswert. Wenn ein Komponist heute auf Richard Wagners Schoß herumtollt und sich gerade darüber alle köstlich amüsieren, dann hat das durchaus dialektischen Witz. Die Kunstwerker der Zukunft in der Gegenwart unter sich.

Und das Verhältnis zum Staat? In welcher Art auch immer? Des Sonnenkönigs „Der Staat bin ich“ hätte auch Wagner drauf gehabt. Kreidler provoziert mit seiner Oberflächen-Wortspiel-Collage immerhin Diskussionen im Nachhinein über all das, was er an Erwartungen geweckt und dann nicht abdeckt hat. Ist ja auch was. 

Gegen Ende verlassen schließlich etliche Zuschauer protestierend den Saal. Gab es also doch noch die Zukunftsmusik, die die Zeitgenossen nie wirklich verstehen? Oder so was ähnliches? Keine Spur: Stefan Paul philosophiert in einem gesprochenen Monolog über die Unsinnigkeit von Applaus oder auch Kontra-Bekundungen des Publikums unmittelbar nach einer Vorstellung. Diese Einschränkung der Rechte ging einigen Vertretern des Souveräns Publikum dann doch zu weit. Und sie kündigten dem (Bühnen-)Staat kurzerhand die Freundschaft. Soll ja schon vorgekommen sein, dass einem Staat das Volk verloren geht …

Seit drum: mit einem Opernhaus, das jedes Jahr eine Uraufführung stemmt, ist allemal Staat zu machen!