Wahn! Wahn! Überall Wahn! – Giacomo Puccinis „Turandot“ in Darmstadt


(nmz) -
„Euch macht Ihr's leicht, mir macht Ihr's schwer“ – das könnte sich Valentin Schwarz zu seiner ersten Premiere im vollen Rampenlicht in Darmstadt sagen…. Aber nicht Wagner steht auf dem Programm, sondern Puccini. Joachim Lange mit einem Lagebericht zu Theater und Premiere.
02.09.2019 - Von Joachim Lange

Zu beneiden ist der gerade mal dreißigjährige Österreicher Valentin Schwarz nicht. Mit einem Dutzend Inszenierungen (wo sollten in dem Alter auch mehr herkommen?) hat ihn Katharina Wagner als Joker im Bayreuther Ring-Poker ausgespielt. Da drängen sich Stichworte wie Verjüngung und Risikofreude, aber auch die hoffende Erinnerung an den Chéreau-Coup ihres Vaters mit dem Jahrhundert-Ring von selbst auf. 

Für Schwarz spricht zunächst, dass er 2017 wie schon Tobias Kratzer 2008 den „Ring Award“ in Graz gewonnen hat. Aber nicht, weil der Preis so benannt ist, sondern weil sie das Konzept überzeugt hat, ist er jetzt engagiert worden, so Katharina Wagner. Wenn er im kommenden Jahr den neuen Ring in Bayreuth inszeniert, wird er damit, ob er nun will oder nicht, zunächst mal gegen Frank Castorfs Wurf antreten müssen. Bislang stand Schwarz nicht im Zentrum der überregionalen Wahrnehmung. Das ist jetzt anders. Besonders nervös scheint ihn das nicht zu machen. In Darmstadt jedenfalls wirkte er wie die Ruhe selbst, als er dem Publikum vorab seine Turandot-Inszenierung erläuterte. Für die Darmstädter ist er kein Neuling – Intendant Karsten Wiegand hatte ihn schon für einen „Maskenball“ an sein Haus geholt.

Das Darmstädter Staatstheater zeigte sich zur Premiere übrigens wie das Lehrbeispiel einer zur Stadt hin geöffneten Einrichtung für Alle. Die Tage des örtlichen Weinfestes sorgte fürs pralle Leben auf dem durchgestylten Theatervorplatz, der vom spektakulär vorgebauten Theaterportal aus wie eine leicht ansteigende Tribüne wirkt. Wenn er so gefüllt ist, wie am letzten hochsommerlichen Augusttag diese Jahres zur Eröffnungspremiere der Darmstädter Opernsaison, dann werden die Zuschauer, die in der Pause ins Freie treten plötzlich selbst zu Darstellern auf einer Bühne. Gäbe es einen Wettbewerb für gelungene Theatervorplätze – Darmstadt hätte gute Chancen auf einen vorderen Platz.

Dabei bot das Bühnenbild, dass Andrea Cozzi für diese „Turandot“ geschaffen hat, eine ähnliche Konstellation. Dort saß das Volk von Peking, oder das, was im Dämmerlicht davon zu erahnen war, auch auf einer Tribüne. Samt ein paar Exemplaren aus der legendären Tonkriegerarmee, deren regungslose Würde sich auf die Choristen zu übertragen schien. Aber hier gab es nicht die sonst bei Turandot üblichen öffentlichen Spektakel der Grausamkeiten oder des Ratespiels auf Leben und Tod und dann die furchterregende Nacht des „Niemand schlafe“ (samt Calafs Tenor-Wunschkonzerthit „Nessun dorma“). Hier werden zwar auch öffentlich Menschen aufs Rad geflochten und ihnen die Glieder zerschlagen. Aber das ahnt man nur hinter einem Riesenbild der Marke „art brut“, also einer Malerei, die der Selbsttherapie dient und die inneren Dämonen auf die Leinwand bannen soll. Mit der Arbeit an diesem Bild ist der Maler Calaf zu Beginn beschäftigt. Allei Liu und sein Vater versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen. Aber hier ringt ganz offensichtlich einer mit sich selbst. Bzw. mit der dunklen Seite seiner Persönlichkeit. Dadurch wird alles zu einem Alptraum Calafs. Einer, der ihn in seine Phantasien hineinzieht. Und aus dem es kein Entrinnen gibt. 

Da die Kaisertochter in dieser Konstellation kein äußeres Gegenüber ist, bleibt sie Teil des Alptraums. Als Figur mehr Zombie mit irrem Blick hinter der Sonnenbrille als Frau. Mehr gieriger Vampir als Prinzessin. Mit schwarzen Lackstiefeln unterm weißen Kleid geistert sie wie eine Magierin zwischen den Reihen herum. So könnte man sich Händels Zauberin Alcina vorstellen, nach dem ihr die Kraft genommen wurde, Männer zu verführen und sie nur noch deren Vernichtung im Sinne hat. Dabei tanzt sie wie Salome, um ihren Willen durchzusetzen. Auf der großen Showtribüne führt sie die Minister Ping, Pang und Pong wie Marionetten. Wirft sich auf Calaf, als wollte sie ihm den berühmten Biss in den Hals verpassen, um ihn auszusaugen. Zündet sogar den Wagen an, nachdem sich ihr greisenhafter Vater darin zurückgezogen hat.

Die Spurensuche nach dem, was diese Frau umtreibt, hat sich so weit selbst von der Oberfläche einer wie immer gearteten Diktatur entfernt, dass hier keine Wende zurück zum Menschlichen vorstellbar ist. Was sich dem Komponisten Puccini als Schluss verweigerte, verweigert der Regisseur uns. Es bleibt bei dem durch den Tod beendeten Fragment. Da liegt Liu tot im Zentrum und der Himmel öffnet vor Mitleid seine Schleusen. Da bricht auch Calaf über ihr zusammen. Während dessen schreitet Turandot langsam durch die Reihen hinauf. Dort verharrt sie am Ende einsam im Gegenlicht. So wie die Figur in der Collage der Angst, die Calaf zu Beginn gemalt hatte. 

Der Wechsel zwischen der Ebene des Malers in der Krise daheim im Atelier und der entfesselten Welt des Albtraums in seiner Bilder- und Erinnerungswelt gelingt nicht immer völlig plausibel. Manchmal wird der Schritt von der einen in die andere nur gemacht, weil es sonst nicht weiterginge. Aber als Möglichkeit, die erzählte Geschichte in eine imaginierte Welt der Zustände und Ängste zu transformieren und dort ohne Antwort in der Schwebe zu halten, hat durchaus ihren Reiz. Jedenfalls mehr als irgendeine Zefirelli-Variante des Staatsspektakels. 

Dirigent Giuseppe Finzi sagt im Programmheft, dass Puccini mit seiner letzten Oper „neue Wege beschreiten und sozusagen das Tor zur Moderne aufstoßen“ wollte. Manchmal meint man in seinem Dirigat herauszuhören, dass er über das, was er dort (1924) nur ahnen konnte, erschrak. Nach Chinakitsch klingt beim Staatsorchester Darmstadt jedenfalls nichts. Außerdem wird auf beachtlichem Niveau gesungen. Jana Baumeister hat es da als Liù noch am einfachsten. Bei dem Calaf von Aldo di Toro beeindruckt vor allem die Sicherheit in der Höhe. Soojin Moon muss in dieser Inszenierung gestalterisch weit über das übliche Standbild der Eisprinzessin hinausgehen – soviel Vamp war selten in der Unberührbaren. Die drei ziehen auch das übrige Ensemble mit. Die von Sören Eickhoff einstudierten Chöre (samt Kinderchor) konnten beim Schlussapplaus endlich auch die phantasievollen Kostüme von Pascal Seibicke für alle sichtbar vorführen. Und was die konzeptbedingt etwas unterbelichtete Personenregie betrifft – es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken.

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