Weltenwanderer und Grenzgänger – Václav Neumann zum 100sten Geburtstag


(nmz) -
Kein anderer Berufsstand ist derart schillernd und facettenreich wie der des Dirigenten. Mit ihrem ausgeprägten Hang zur Eitelkeit und zur Selbstdarstellung, aber auch ihrem offen zur Schau gestellten Willen zur Macht sind sie nicht nur Vermittler zwischen Partitur und Orchester, Musik und Publikum, sondern die eigentlichen Helden unseres Musiklebens. Dirigenten sind Wanderer zwischen den Welten, globale Musikheroen, Götter in schwarz, Schamanen und Dresseure mit Macht und Nimbus. Sie sind vielbewunderte, bestaunte, kritisierte und hofierte Stars, hochbezahlte Aushängeschilder, stilisierte Werbeträger und oftmals nur hochglanzpolierte Etiketten einer überwiegend kommerziell orientierten Musikindustrie, in der Stilisierung und Inszenierung eines Dirigenten zum Geschäft gehören.
29.09.2020 - Von Dieter David Scholz

Eine Ausnahmeerscheinung unter ihnen – ein Grenzgänger im wahrsten Sinne des Wortes – war der am 29. September 1920 in Prag geborene Václav Neumann, der am Konservatorium seiner Heimatstadt zunächst als Geiger ausgebildet worden war, mit dem Cellisten Antonin Kohout das Smetana-Quartett gründete und zwei Jahre später Orchestermitglied in der Bratschengruppe der Tschechischen Philharmonie wurde. Erst relativ spät betrat er die Dirigentenlaufbahn.  Sein Debut als Dirigent gab er mit der Tschechischen Philharmonie 1948, nach dem Ausscheiden von Rafael Kubelik, dessen Position er bis 1950 übernahm.

Dann wurde er Chefdirigent des Symphonieorchesters von Karlsbad (1951 bis 1954) und der Philharmonie in Brünn (1954 bis 1956), wo er Walter Felsenstein kennenlernte, den Chef der Komischen Oper in Ost-Berlin. Dort wurde er für fünf Jahre Chefdirigent. Das wohl herausragende Ereignis dieser Karrierestation war die Einstudierung der Janáček-Oper „Das schlaue Füchslein“ in der Regie von Walter Felsenstein. Neumanns sensible Interpretation der hierzulande noch nahezu unbekannten Musik wurde ebenso gewürdigt wie die akribisch märchenhaft „realistische“ Inszenierung, die bei diversen Auslandsgastspielen der Komischen Oper mit bemerkenswertem Erfolg gezeigt wurde.

1964 wurde Neumann auch Chef des Leipziger Gewandhausorchesters. 1968, im Jahr des Einmarschs auch deutscher Truppen, die dem Warschauer Pakt angehörten, in die Tschechoslowakei, gab er die Leipziger Position auf. Wie zuvor an der Komischen Oper wurde auch hier Kurt Masur sein Nachfolger. 1968 wurde er als Nachfolger Karel Ančerls an die Spitze der Tschechischen Philharmonie berufen. Er blieb deren Chefdirigent bis1990.

Die Tschechische Philharmonie, die im Jahre 1896 gegründet wurde, ist bis heute dank so unterschiedlicher, prägender Dirigenten wie Václav Talich, Rafael Kubelik, Karel Ančerl und schließlich Vaclav Neumann eines der traditionsreichsten und angesehensten Orchester. In Prag produzierte das Schallplattenlabel Supraphon mit Neumann ab Ende der 1970er-Jahre erstmals größere Zyklen der Sinfonien von Dvorák, Mahler und Martinů, wobei im oftmals allzu weichen Kuschelklassik-Sound der Supraphon-Studioproduktionen manche Kontraste eingeebnet wurden, die Leipziger Aufnahmen Neumanns im gleichen Repertoire waren klangtechnisch oftmals von ganz anderem Kaliber.

Von 1970 bis 1972 wurde Neumann zugleich Generalmusikdirektor der Stuttgarter Oper. Zwei Opern Janáčeks wurden zu den bedeutsamen Höhepunkten seiner Stuttgarter Amtszeit: „Die Sache Makropulos“ 1970 (mit Anja Silja) und „Katja Kabanowa“. Neumanns Abschiedspremiere 1972.

Dass der inzwischen renommierte Dirigent gleichzeitig halb dem „Westen“, halb dem „Osten“ diente, gibt heute, nach dem Zerfall des „Eisernen Vorhangs“ und der kommunistischen Systeme im Osten freilich zu denken. Neumanns BRD-tschechischer Brückenschlag war allerdings von nur kurzer Dauer: Nach gut zwei Jahren gab der tschechische Dirigent in Stuttgart auf, obwohl er künstlerisch nicht den geringsten Grund dafür hatte, seine Opern- wie seine Konzertleistungen in der württembergischen Stadt fanden größten Zuspruch.  Aber der feinnervige Dirigent konnte wohl die Belastungen der ständigen Grenzübertritte mit ihren Schikanen und Repressalien nicht mehr ertragen, zumal die tschechischen Behörden die Ausreisen mitunter zur Zitterpartie machten. Dass Neumann schließlich nicht die „westliche“, sondern die „östliche“ Position zu seinem Lebensmittel- und Arbeitsschwerpunkt wählte, machte ihn unter den musikalischen Grenzgängern aus dem Sozialismus zu einer Ausnahme. Seine Entscheidung ist sicher im Zusammenhang der leidenschaftlicher Liebe zur tschechoslowakischen Musik zu sehen, denn neu war schon damals unter Dirigenten die feste Bindung an mehrere Institutionen gleichzeitig nicht. Schon Arthur Nikisch war sowohl Chef der Berliner Philharmoniker als auch des Leipziger Gewandhausorchesters, und nicht erst Rudolf Kempe, sondern bereits Wilhelm Furtwängler hatte zeitweise drei Orchesterleiterpositionen inne.

Auch wenn er ein geschätzter Operndirigent war: Insgesamt nahm die Symphonik in Neumanns Wirken weitaus größeren Raum ein als die Oper. Sein Repertoire war allerdings enorm breit: Natürlich spielte die tschechische Musik für ihn immer eine wesentliche Rolle, vornehmlich die Werke Smetanas, Dvoráks und Janáčeks, aber er vergaß auch die der weniger bekannten Komponisten wie Vítězslav Novák oder Bohuslav Martinů nicht. Eigentlich erst Neumanns Gesamtaufnahme des symphonischen Œuvres von Martinů erschloss die reizvoll tschechisch-französische und kosmopolitisch-neoklassizistisch geprägte Musik eines der originellsten Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch Neumann konnte auch mit dem internationalen Repertoire überzeugen. Seine Mahler-Aufnahmen aus Prag waren maßstabsetzend. Das gilt auch für Beethoven, Schubert, Brahms, Debussy und Richard Strauss. Viele Schallplattenaufnahmen legen Zeugnis davon ab.

Wo immer Neumann (auch als Gast prominenter Orchester) auftrat, beeindruckte er mit gründlicher Vorbereitung. Wer ihn je bei der Probe beobachtete (auf Youtube kann man das tun!), vergisst jedes Klischee vom naiv-schwiemeligen „böhmischen Musikanten“. Der slawische Zungenschlag etwa in den Werken von Antonín Dvořák, Bedřich Smetana und Leoš Janáček, den Smetana ironisch-distanzierend für sein eigenes Werk einmal mit “böhmischen Hopsereien“ umschrieb, hat nichts mit romantischem Folklorismus zu tun, in dem die Tschechen oftmals auf ein Völkchen naiv drauflos fiedelnder Musikanten reduziert werden. Am allerwenigsten gehört Václav Neumann, zu einer solchen Musikerspezies, man höre sich nur einmal Neumanns Zyklus „Mein Vaterland“ an.

Ančerl war als dirigentische Autorität ein unüberhörbares Idol Neumanns. Aber auch Neumann war mitnichten ein Musiker der musikalischen Mitte. Er hat sich nur fern vom übertriebenen Glamour seines Berufsstandes gehalten, er blieb als hochintelligenter Dirigent stets sachlich, klar, analytisch und streng gerade in jenen Momenten, in denen andere Dirigenten ihre mangelnde Werk-Vertrautheit mit musikantischen Showeffekten überkompensieren.

Es ist gerade die absolute Werkkenntnis und enorme Musikalität, die Beherrschtheit der Emotionen, die idiomatische Sicherheit und die tiefe Menschlichkeit, durch die Václav Neumanns Interpretationen, vor allem wenn er mit der Tschechischen Philharmonie musizierte, so überzeugte. Er wusste eben sicheres Handwerk, gestalterische Intelligenz und Logik mit musikantischer Verve zu verbinden, Eigenschaften, die auch und gerade den Werken Gustav Mahlers in der Interpretation Neumanns zugutekommen: weil sie nie in Gefahr geraten, weinerlich ausufernde, subjektive Bekenner-Posen einzunehmen.
Václav Neumann war eher zierlich von Gestalt, eine elegante, vornehme Erscheinung, aber präzise und energisch zupackend in seinen Bewegungen.

Er wusste, was er wollte, schien niemals unkontrolliert gewesen zu sein. Er setzte weniger auf Improvisation, schon gar nicht auf Routine oder Gewohnheit, als auf minutiös einstudierte Genauigkeit. Und doch herrschte in seinen Interpretationen stets ein human temperierter Tonfall.

1989 engagierte sich Vaclav Neumann (ähnlich wie Kurt Masur in Deutschland) in seinem Heimatland für einen friedlichen Übergang vom Kommunismus zur Demokratie. Am 2. September 1995 starb er in Wien, der letzte dirigierende Altmeister Prager Tradition.

Das könnte Sie auch interessieren: