Wenn die Bilder singen lernen – Die Händelfestspiele in Karlsruhe lassen „Riccardo Primo“ funkeln


(nmz) -
Das Badische Staatstheater in Halles Partnerstadt Karlsruhe hat das Privileg, im Februar die ersten der drei deutschen Händelfestpiele zu veranstalten. Diesmal lassen sie Richard Löwenherz aufmarschieren und als Händels „Riccardo Primo“ funkeln. Im metaphorischen und im realen Kerzenlicht. Der junge Regisseur Benjamin Lazar hat eine nacherfundene historische Aufführungspraxis zu seinem Markenzeichen gemacht, zu dem tatsächlich Kerzenlicht und das barocke Gestenrepertoire gehören. Und Kostüme für die die Alten Meister, deren Werke heute die Bildergalerien bestücken, Pate gestanden haben.
26.02.2014 - Von Joachim Lange

Was Karlsruhe diesmal bietet, könnte man auf den ersten Blick für demonstratives Anti-Regietheater halten. Das Haus freilich steht mit seiner ganzen Programmdramaturgie nicht in dem Verdacht, ein rückwärtsgewandtes Theater zu machen, das nur einem vermeintlich aufs Schauvergnügen versessenen Publikumsgeschmack hinterherrennt. Ganz im Gegenteil. So gesehen sind der güldene Glanz und die gezirkelte Gestik dieser dicht neben dem Marionettentheater angesiedelten Bühnensprache eine durchaus festspielrelevante Möglichkeit, sich Händel anzunähern. Es steht nicht für einen Paradigmenwechsel, sondern belegt Vielfalt.

Die zelebrierte Entschleunigung beim Betrachten, die am Anfang  einer Vollbremsung nahe kommt, braucht eine Weile, bis sie wirkt und aus ihrem Einklang mit dem musikalischen Fluss im Graben Funken schlägt und zu leuchten beginnt. Der Plot der 1727 in London uraufgeführten Episode mit dem berühmten König Löwenherz im Zentrum ist selbst für Händels Verhältnisse ziemlich abstrus, aber durchschaubar.

Er strandet samt Braut Costanza auf dem Weg zum Kreuzzug nach Jerusalem in Zypern, gerät flugs in einen Krieg mit dem dortigen Herrscher Isacio (finster: Lisandro Arbadie), der die englische Braut selbst behalten und dem Briten stattdessen die eigene Tochter Pulcheria (dunkel timbriert: Claire Lefilliâtre) unterjubeln will. Drumherum gibt es Eroberung, Entführung, Erpressung. Mit Hilfe von Costanzas Vetter Berardo (Andrew Finden) und dem fürstlichen syrischen Verehrer Pulcherias, Oronte (countergeschmeidig: Nicholas Tamagna), wendet sich alles zum Guten. Auf dem Weg dahin bekommen alle reichlich Arienfutter aus der Händelschen Luxusabteilung. Der Höhepunkt ist dabei das überidisch schöne Liebesduett zwischen Riccardo und Costanza, das Franco Fagioli und Emily Hindrichs zum vokalen Höhepunkt des Abends machen. Wobei natürlich auch die anderen neun Arien des argentinischen Counter-Weltstars ein Fest sind. An denen auch erstaunt, wie er sein bekanntes Bühnentemperament in der barocken Form zu zügeln versteht. Er ist eben einer der Größten seines Fachs.

Adeline Carons Bühne besteht aus riesigen, zinnengekrönten fahrbaren Palastmauern, deren Rückseite im Bedarfsfall zu einem Arkaden bestückten Innenhof werden. Schwer vorstellbar, dass die goldbrokatene Kostümpracht nicht so teuer ist, wie sie aussieht. Diese Kollektion gehört zu den Stars der Aufführung. Die anderen befinden sich in den Prachtgewändern. Und natürlich im Graben. Da ist es ja mittlerweile für alle drei deutschen Händelfestspiele eine Selbstverständlichkeit, dass die Musik des Meisters so original wie halt heute möglich klingt. Mit Michael Hofstetter haben die Deutschen Händel-Solisten in Karlsruhe zudem einen der Besten der Branche am Pult. Und so gibt es zu dem ungewöhnlichen, ruhigen, aber üppig aus der Vergangenheit herüber strahlenden optischen Glanz auf der Bühne und dem exzellenten Stimmenfest auch den festspielwürdigen Orchesterluxus.

Es ist eine schöne Geste der Verbundenheit im Geiste Händels, wenn zum Abschluss dieser Händelfestspiele ein „Messiah“ aufgeführt wird, dessen Honorar die Künstler der von der Flut beschädigten großen Festspielschwester in Halle zur Verfügung stellen. Aus Halle wird Romelia Lichtenstein sozusagen in eigener Sache dabei sein und den Sopranpart übernehmen.

www.staatstheater.karlsruhe.de

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