Wie aus einer anderen Welt … – Der „Fliegende Holländer“ von Richard Wagner in Dessau


(nmz) -
Alle drei großen Opernhäuser in Sachsen-Anhalt haben in dieser Spielzeit „Fliegenden Holländer“ auf dem Programm. Was durchaus kein Nachteil ist. Denn es erlaubt Vergleiche. Wie jetzt zwischen Halle und Dessau, die beide mit diesem stürmischen Wurf Richard Wagners die Saison eröffnet haben. Und ab Januar dann auch noch mit Magdeburg. Für den Opernfreund geradezu ein Glücksfall, dass für den Auftakt schon mal zwei grundverschiedene Varianten dabei herausgekommen sind – szenisch und musikalisch.
04.10.2016 - Von Joachim Lange

Will Florian Lutz in Halle auf möglichst viel Welt und Gegenwart hinaus (siehe nmz vom 26.9.), so macht jetzt Jacob Peters-Messer (mit seiner bereits 2011 für die Opern Wuppertal erarbeiteten Inszenierung) in Dessau das genaue Gegenteil. Er überschreibt die Geschichte nicht, sondern erzählt ihren romantischen Kern. Glasklar. Auf einer nahezu leeren, ganz klassischen Guckkastenbühne. Ohne viel Takelage oder Drumherum. 

Auf Guido Petzolds Bühne stehen ein paar Taue für Dalands Schiff. Eine frei schwebende Batterie aus Scheinwerfern imaginiert den sagenhaften, wie aus einer anderen Welt auftauchenden Holländerkahn. Ein Porträt gibt es hier nicht. Nur eine weiße Fläche auf dem Boden als Raum für Sentas Fantasien. An der Seite gibt es eine Leiter, die man für den besseren Überblick erklimmen kann, was mal Daland (mit viel Spielwitz: Michael Tews), mal der Steuermann (frisch: David Ameln), mal Erik auch machen. Ray M. Wade, Jr. erweist sich dabei behänder, als auf den ersten Blick zu erwarten. Stimmlich ist der gerade zum Ensemble gestoßene Texaner eine Tenorsensation mit obendrein sympathischer Ausstrahlung. 

Der Rest, also fast alles, ist raffiniert effektvolles Licht, Nebel und eine Personenregie, die das Ganze zu einem packenden Kammerspiel machen, das von den perfekt choreografierten und präzise gesungenen Chorszenen aufgeladen wird. Die Seeleute und Frau Marys (Barbara Schmidt-Gaden) Mädchen in der Spinnstube (die sich hier aufs Sticken verlegt haben) sind von Sven Bindseil historisch kostümiert. Dem Holländer selbst hat er eine faszinierende Piraten-Aura zugebilligt. 

Mit Iordanka Derilova und Ulf Paulsen kann das Anhaltische Theater zwei exzellente Sängerdarsteller für Senta und den Holländer aufbieten. Beide in Hochform: Er glänzt mit seinem großen „Die Frist ist um“-Auftritt, bei dem es ihm gelingt, in der vokalen Prachtentfaltung, die Verzweiflung über sein Los mitschwingen zu lassen. Komplementär folgt ihm die blondbezopfte Senta mit ihrer Ballade. Auch hier hört man die Verzweiflung über die Enge ihres Lebens. Den Furor hebt sie sich bis zu ihrem fulminanten „Treu bis in den Tod“ auf. Zum Höhepunkt des Abends wird die Begegnung der Beiden, wenn sie auf leerer Bühne gebannt aufeinander fixiert sind und sich umkreisen. Jeder hat jetzt sein Wunschbild vor Augen. Das geht bis hin zur Kreuzigungsgeste mit synchron ausgebreiteten Armen, die in einer Umarmung mündet. Da ergibt es durchaus Sinn, dass beide in einer anderen Welt zueinanderfinden und zum romantischen Erlösungsschluss am Horizont aufeinander zu schreiten. 

In Dessau wird diese Deutung nicht nur szenisch schlüssig entwickelt, sondern auch musikalisch vom neuen GMD  der Anhaltischen Philharmonie Markus L. Frank konsequent hergeleitet. Geschmeidig, mit einem Atem, der das gemessene Schreiten des Parsifal und die Leidenschaft des zweiten Tristan-Aktes bewusst mitdenkt und in die meist aus dem Geist der revolutionären, stürmischen Anfänge Wagners hinein reflektiert. Das wagnererprobte Orchester hat den Atem, die Präzision und das Glühen abrufbereit und wirft es hier in die Waagschale! Wenn Holländer-Neueinsteiger den Vergleich nicht scheuen, dann sollten sie am besten in Dessau mit diesem romantisch puren Holländer beginnen. Für sich genommen ist er ein bejubelter Wurf! In Halle können sie dann staunen, was noch so geht.

  • Nächste Vorstellungen: 8., 23. 10. 2016

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