„Wir sind die rothaarigen Stiefkinder des Jazz“: Curtis Stigers im Interview


(nmz) -
Sein Markenzeichen sind Pop- und Rock-Songs, die er zum Swingen bringt: Curtis Stigers (geb. 1965). Der Jazzsänger und Saxophonist tourt derzeit durch Deutschland, um sein neues Album „Lost In Dreams“ (Universal/Condord) vorzustellen. Im Interview erklärt er, weshalb es von Vorteil ist, ein miserabler Gitarrist zu sein, warum Jazzsänger nie so viele Platten verkaufen wie ihre berühmteren Kolleginnen und wie er „Jealous Guy“ von John Lennon in eine soulige Jazznummer verwandelt hat.
06.11.2009 - Von Claus Lochbihler

nmz Online: Als ehemaliger Pop-Musiker kennen Sie nicht nur die Jazzwelt. Behandeln Jazz-Label Musiker eigentlich besser als die Plattenfirmen des Pop und Rock?

Curtis Stigers: Meine Erfahrung mit den Pop-Labels war – wie Sie sicherlich wissen – sehr unerfreulich. Zu Beginn sah alles noch ganz toll aus: Die hatten die Power und das Geld, einen Newcomer wie mich weltweit zu promoten. Aber schon bald fingen die Probleme an: Das Musikalische war denen völlig egal. Was zählte, war der nächste Hit oder was sie dafür hielten. Irgendwann hatte ich es nur noch mit Anzugtypen zu tun, die mir sagten, welche Musik ich zu singen habe. Bei meinem Jazzlabel kann ich die Musik aufnehmen, die ich machen möchte. Natürlich können die mir nicht so viel Geld und Werbung bieten wie ein großes Pop-Label. Aber das ist mir auch nicht so wichtig.

nmz Online: Das meiste Geld verdienen Sie ohnehin als Live-Musiker.

Curtis Stigers: So ist es. Als Jazzer ist man in erster Linie Live-Musiker. Bei so manchem Pop-Musiker verhält es sich ja anders: Auf Platte sind sie ganz groß, auf der Bühne plötzlich nichts. Ganz anders ist es im Jazz. Da ist man es gewohnt, sein Einkommen auf der Bühne zu verdienen. Lange Zeit wurden wir dafür ein bisschen belächelt. Jetzt, wo die Tonträgerverkäufe und die Musikindustrie in der Krise stecken, erweist sich das plötzlich als Segen. Die Leute kaufen vielleicht nicht mehr so viele Platten, aber sie gehen immer noch zahlreich in Konzerte und werden dies auch immer tun. So gesehen spürt man als Livemusiker nicht wirklich etwas von der Rezession, von der alle reden. Jazzmusiker sind es außerdem gewohnt, mit Krisensituation umzugehen. Als Jazzer steckt man eigentlich immer in einer Rezession.

nmz Online: Sie kennen aber auch den ganz großen Erfolg. Ihre Version von Nick Lowes (What’s So Funny ‘Bout) Peace, Love, and Understanding" ist auf dem Soundtrack von “The Bodyguard” mit Whitney Houston und Kevin Costner zu hören – bis heute der erfolgreichste Soundtrack aller Zeiten.

Curtis Stigers: Dass sich dieses Album bis heute mehr als 40 Millionen Mal verkauft hat, hat mit mir und diesem Song nur sehr am Rande zu tun. In erster Linie ist das Whitney Houstons Verdienst.

nmz Online: Immerhin haben Sie damit aber den Songwriter Nick Lowe zu einem reichen Mann gemacht.

Curtis Stigers: Stimmt. Deshalb erzähle ich den Leuten auch immer, dass es eigentlich ganz einfach ist, seine persönlichen Helden kennen zu lernen: Man muss sie nur zum Millionär machen. Doch Spaß beiseite: Nick Lowe ist heute wirklich einer von meinen Freunden. Das viele Geld, das er mit meiner Version seines Songs verdient hat, hat unsere Bekanntschaft nur angeschoben.

nmz Online: In fast allen Geschichten über Sie geht es darum, wie aus Curtis Stigers, dem Pop-Sänger ein Jazzmusiker wurde. Finden Sie, dass Journalisten diesen Aspekt ihrer Biografie überbetonen - und damit auch die Unterschiede zwischen dem Jazz und anderen Genres?

Curtis Stigers: Zuerst einmal bin ich froh, dass die Medien überhaupt über mich schreiben. Es ist nämlich gar nicht so leicht, mit Jazz in die Medien zu kommen. Wie die meisten Jazzmusiker von heute bin ich nicht heroinabhängig, ich date keine Super-Models und benehme mich auch sonst nicht spektakulär daneben. Deswegen konzentrieren sich die Medien eben auf diesen Aspekt meiner Karriere. Wenn das den einen oder anderen Leser dazu bringt, sich für meine Musik zu interessieren – gut so.

nmz Online: Ist es nicht aber auch eine relevante Geschichte für das, was Sie tun? Ein Großteil Ihres Repertoires besteht aus Pop-, Rock- und Singer-Sonwriter-Nummern, die Sie in den Jazz übersetzen.

Curtis Stigers: Klar gibt es da eine Verbindung. Ich würde wahrscheinlich nicht die Alben machen, die ich heute aufnehme, wenn ich meine Karriere nicht als Pop-Sänger begonnen hätte. Leider gibt es nur wenige Jazzer, die sich so mit Pop und Rock, Country und den ganzen Singer-Songwritern beschäftigen wie ich. Viele denken ja, es würden keine großartigen Songs mehr geschrieben, seit Presley und die Beatles in den 60-er Jahren die Charts erobert haben. Da bin ich völlig anderer Ansicht. Bei Jazzern war und ist das aber eine verbreitete Ansicht. Wahrscheinlich kompensieren manche damit, dass der Jazz von Pop und Rock aus den Charts gedrängt wurden. Ich kann diese psychologische Reaktion durchaus verstehen. Am Ende meiner Pop-Karriere habe ich oft ähnlich gedacht. Eines Tages habe ich aber beschlossen, es gut sein zu lassen. Ich habe dem Pop verziehen und ihn wieder in mein Herz geschlossen.

nmz Online: Sie haben einmal gesagt, dass Sie durch das Popsingen zu einem besseren Jazzsänger geworden sind. Können Sie das erklären?

Curtis Stigers: Als Popsänger lernt man, dass man nicht unbedingt drei Noten für jede Silbe singen muss, um einen Song gut rüberzubringen. Viele Jazzsänger machen das nämlich, aber bei den wenigsten klingt das gut. Die große Ausnahme ist natürlich Sarah Vaughan. Bei ihr war das keine Artistik, sondern Kunst. Die meisten anderen Sänger sollten einfach nur „Love“ singen, wenn es um „Love“ geht. Just say it!

nmz Online: Ihr Markenzeichen sind Pop- und Singer-Songwriter-Nummern, die Sie verjazzen. Macher Sie das, um damit der Kanonisierung und Historisierung des Jazz etwas entgegen zu setzen?

Curtis Stigers: Tatsächlich ist das Schlimmste, was dieser Musik passieren kann, das Museum. Deswegen finde ich auch, dass es die allermeisten Tribute- und Gedenkjazzalben, die so in Mode gekommen sind, überhaupt nicht braucht. Warum sollte man Musik veröffentlichen, dies es so oder ähnlich schon gibt? Der Jazz bleibt nur lebendig, wenn man ihn fortentwickelt. Das kann über neue Spielweisen, Rhythmen oder Harmonien, aber auch – wie in meinem Fall – über eine Erweiterung des Repertoires geschehen. Natürlich ist das manchmal riskant, weil es vielleicht nicht so klappt wie man sich es vorgestellt hat, und weil man die Jazzsnobs damit verschreckt. Aber so war das schon bei Charlie Parker und Miles Davis.

nmz Online: Haben Ihre Jazz-Versionen von Pop- und Rock-Material vielleicht auch mit Langeweile zu tun? Der Langeweile über die immer gleichen 50 bis 100 Songs, die man draufhaben muss, um als Jazzsänger zu gelten.

Curtis Stigers: Nein. Langweilig würde ich Jazzstandards, wenn Sie darauf anspielen, nicht nennen. Jedenfalls nicht, wenn sie von so großartigen Songwritern wie Cole Porter oder Rodgers & Hart stammen. Deren Songs könnte ich den ganzen Tag lang singen. Es war eher so, dass ich mir eines Tages gedacht habe: Wie wäre es, wenn ich einen tollen Song von Elvis Costello wie einen Jazzstandard singen würde? Zuerst war das so eine Art intellektuelles Spielchen von mir. Als ich gemerkt habe, dass das klappt und interessant klingt, habe ich den Einsatz erhöht und das Ganze mit einer Kinks-Nummer von Ray Davies versucht. Es hatte definitiv nichts damit zu tun, dass mir die etablierten Jazzstandards irgendwie zu langweilig geworden wären. Ich habe mich einfach nur auf die Suche nach den neuen Jazzstandards begeben. Es gibt keinen Grund, weshalb man die besten Songs von Elvis Costello und Nick Lowe, Ray Davies und John Lennon nicht zusammen mit Cole Porter- und Jerome Kern-Nummern spielen sollte. Wenn jemand das behauptet, beweis ich ihm gerne das Gegenteil.

nmz Online: Reizt es Sie, wenn es besonders schwierig ist, einen Pop-Song als Jazz-Nummer zu interpretieren?

Curtis Stigers: Die Herausforderung gehört auf jeden Fall dazu. Auch, dass es schief gehen kann. Ich habe eine Handvoll Aufnahmen, die ich Ihnen niemals vorspielen würde.

nmz Online: Welcher von den Songs, die es auf Ihr neues Album geschafft haben, war die größte Herausforderung?

Curtis Stigers: „Jealous Guy“ von John Lennon war spannend. Was für ein Pop-Song! Vielleicht musste ich meine Band auch deswegen erst einmal überreden. Dass unsere Version ziemlich soulig geworden ist, hängt damit zusammen, dass ich den Song nicht über die Originalaufnahme, sondern das Cover von Donny Hathaway gelernt habe. Lange Zeit klang unsere Version viel zu sehr nach Pop-Soul. Deswegen habe ich irgendwann gesagt: Vergesst alles, was ihr im Ohr habt. Tut einfach so, als ob das schon immer eine Jazznummer war. Denkt an Herbie Hancock und Tony Williams oder wer auch immer Euch als Jazzer beeinflusst hat! Dann hat es Klick gemacht.

nmz Online: Wenn Sie einen so bekannten Song aufnehmen: Versenken Sie sich vorher in die existierenden Aufnahmen oder versuchen Sie diese bewusst auszublenden?

Curtis Stigers: Erst einmal bringe ich mir den Song bei. Meistens anhand einer bestimmten Aufnahme. Ich spiele ihn immer und immer wieder, um die Musik und den Text richtig gut kennen zu lernen. Meistens auf der Gitarre, weil ich mich so am weitesten vom Original oder der Version, die ich im Ohr habe, entferne. Ich versuche ihn so einfach und offen wie einen Folk-Song zu spielen. Die Gitarre ist für mich eine gute Methode, um herauszufinden, ob ein Song wirklich so großartig ist wie ich glaube. Ich bin nämlich ein verdammt schlechter Gitarrist. Wenn ein Song mein Gitarrenspiel überlebt und dabei immer noch toll klingt, muss es sich wirklich um einen großartigen Song handeln. Wenn ich mich hineingefühlt habe, setze ich mit meiner Band und den Arrangeuren zusammen, um eine Jazzfassung zu entwickeln.

nmz Online: Unterscheidet sich Ihr Publikum vom typischen Jazzpublikum?

Curtis Stigers: Mein Live-Publikum ist eine Kombination aus alten Fans, die mir seit meinen Pop-Tagen die Treue halten, und neu gewonnenen Jazzfreunden. Eine sehr spannende Kombination, weil sich beide Gruppen in der Art und Weise, wie sie aufeinander reagieren, gegenseitig erziehen. Zum Beispiel kennen die meisten meiner Jazzfans nicht „I Wonder Why“. Wenn ich diesen alten Hit spiele, reagieren die Pop-Fans so begeistert, dass sich irgendwann auch die Jazzfraktion anstecken lässt. Umgekehrt zeigen die Jazzer der Pop-Fraktion, dass man nach einem Jazzsolo gefälligst klatschen sollte. Es macht Spaß, das zu beobachten.

nmz Online: Warum haben Jazzsänger eigentlich nie so viel Erfolg wie Diana Krall & Co.?

Curtis Stigers: So genau kann ich mir das auch nicht erklären. Ich weiß nur, dass es schon immer so war. Es gab eigentlich nie einen Jazzsänger, der so erfolgreich war wie seine Kolleginnen. Ella Fitzgerald hat mehr Platten als Joe Williams verkauft, und Anita O’ Day mehr als Mark Murphy. Ich glaube es hat wohl damit zu tun, dass die meisten Jazzfans Männer sind. Für die gibt es nun mal nichts Schöneres als eine schöne Frau, die einen Song sexy interpretiert. Außerdem ist Diana Krall eine fantastische Sängerin und Pianistin. Ich finde nicht, dass sie ihre Musik, um erfolgreich zu sein, verändert hat. Sie macht immer noch das, was Sie schon immer gemacht hat - und das fantastisch. Die männlichen Jazzsänger müssen sich wahrscheinlich daran gewöhnen, dass sie immer so etwas wie die rothaarigen Stiefkinder der Jazzwelt bleiben. Aber Jazzposaunisten haben auch nicht den gleichen Erfolg wie Saxophonisten. Niemand käme deswegen auf die Idee, die Posaune abzuschaffen.

nmz Online: Wenn Ihre These stimmt, müssten im Umkehrschluss bei Ihren Konzerten mehr Frauen als Männer sein.

Curtis Stigers: Meistens ist das auch so. Viele meiner weiblichen Fans kennen mich noch aus meinen Pop-Tagen. Wahrscheinlich, weil ich damals so viele Liebes-Lieder gesungen habe. Jetzt bringen sie oft ihre Männer mit. Die sitzen meist etwas missmutig im Saal, weil sie Angst haben, dass es ihnen zu romantisch wird. Sobald ich etwas von den Beatles oder den Kinks singe und meine Band so richtig abgeht, tauen auch sie auf.

nmz Online: Was denken Sie heute, wenn Sie zufällig einen Ihrer alten Pop-Songs zu hören bekommen?

Curtis Stigers: Ich frage mich, weshalb der Typ sich so verkrampft anstrengt. Nicht, dass ich mich von meinen alten Pop-Aufnahmen distanzieren möchte. Aber so könnte ich heute nicht mehr singen. Damals wollte ich mit jeder Note beweisen, dass ich als souliger Popsänger ein würdiger Schüler von Ray Charles und Al Green bin. Deswegen klinge ich auf diesen Aufnahmen manchmal so, als ob mir der Kopf gleich davon fliegt. Heute geht es mir nur noch darum, die richtigen Gefühle zu treffen. Wenn es passt, lasse ich mich auch heute noch richtig gehen, wie bei meiner neuen Fassung von „My Funny Valentine“. Dann heule ich los wie ein Wolf. Aber nicht, weil ich mit meiner Stimme angeben möchte. Sondern, weil die Liebe eben manchmal so ist, dass man nur noch den Kopf zurückwerfen und sich seine Seele aus dem Leib singen möchte.

Interview: Claus Lochbihler

Konzerttermine:

6. November: München (Carl-Orff Saal)
7. November: Ingolstadt (Jazztage)
10. November: Mainz (Frankfurter Hof)
11. November: Kaiserslautern (Kammgarn)
12. November: Karlsruhe (Tollhaus)
14. November: Minden (Jazzclub)
15. November: Kiel (Schloss)
16. November: Hamburg (Fabrik)
17. November: Darmstadt (Centralstation)
18. November: Lörrach (Burghof)

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