Zwei Morde zum Kugelsegen: Calixto Bieitos Inszenierung des „Freischütz“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Zu den Schrecknissen der im Jahre 1821 im Königlichen Schauspielhaus in Berlin uraufgeführten Romantischen Oper Carl Maria von Webers zählte in der Wolfsschlucht ein im Gebüsch raschelnder Eber. Die Begegnung mit einem Wildschwein hat zwar bis heute nichts an Gefährlichkeit eingebüßt, aber wenn dieses bereits zur Ouvertüre im Gegenlicht des vernebelten, Eichenwald-Jungholzes domestiziert äst und rhythmisch mit dem Bürzel wedelt, gehören ihm alle Sympathien. Was dann allerdings in Calixto Bieitos Inszenierung beim Kugelsegen passiert, ist – entgegen dem provozierend ironischen Lachen eines Besuchers bei Pausenbeginn – durchaus verstörend.
30.01.2012 - Von Peter P. Pachl

Samiel fehlt im Rollenverzeichnis der Neuinszenierung an der Komischen Oper Berlin. Seine Sätze im Melodram sind ebenso gestrichen, wie die meisten Dialoge. Auch auf das Forsthaus hat der Besucher in der realistischen Walddekoration des Bühnenbildes von Rebecca Ringst zu verzichten. Merklich angedudelt, kommen Agathe und Ännchen mit Luftballons von einer Faschingsparty; nicht nur das Bild des Oberförsters, auf das sie mit Zweigen einschlagen, fällt dabei aus dem Rahmen, auch ihr Outfit, mit Schweineohren und Schweinerüssel (Kostüme: Ingo Krügler). Offenbar sind in der Psychose des Jägerburschen Max, die hier visualisiert ist, alle Frauen Schweine oder Freiwild, – außer Max’ Mutter, die ihn zwar nicht am Betreten der Wolfsschlucht hindern will, aber als debile Alte ihm dann doch Trost spendet.

Die Jagd als blutiger Topos („er stärket die Glieder“) richtet sich bereits in der Eröffnungsszene gegen eine gejagte Frau im Pelz: Max, chorisch als „Versager“ gebrandmarkt, hat Skrupel, sie abzuknallen, während der Bauer Kilian (Christoph Späth) sie skrupellos erschießt, um ihr dann den Pelzmantel auszuziehen und sich seine nackte Beute als Trophäe auf die Schultern zu laden. Zu erhobenen Hirschfänger und wehender Fahne, rühren die Frauen beim Triumphgesang der Bauern das Blut der Ermordeten in Eimern (zu Blutwurst?), und statt Volkstanz ist Holzhacken angesagt. Dann schließt Max – wie weiland Siegfried mit Gunther – Blutsbrüderschaft mit dem finsteren Kollegen Kaspar. Agathe ist nicht nur einen halben Kopf größer als ihr Verlobter, sie ohrfeigt ihn auch und packt ihn bei der „Pflicht“, wofür er sie zu Boden wirft, aber dann doch lieber das Ännchen ausgiebig küsst.

Da es für Max darum geht, durch den Probeschuss – von dem allerdings in der Textbearbeitung von Bieito und Bettina Auer kaum die Rede ist – seine Braut zu gewinnen, hat Kaspar für den nächtlichen „Kugelsegen“ ein Brautpaar gekidnappt. Der Bräutigam muss mit ansehen, wie Kaspar der Braut inmitten eines Pentagramms aus illuminierten Schnapsflachen, die Kehle durchschneidet; nachdem er ausgiebig gepisst hat, spricht er zu der Toten die Worte des Erlösers am Kreuz, „heute noch wirst du mit mir im Paradies[e] sein“ und „es ist vollbracht“. Als Kugel-Alternativen schneidet er Organe aus ihrem Unterleib, während Baumstämme kippen und Max seine Kleidung ablegt, um sich mit Lehm einzuschmieren. Zur Erlangung der siebten Kugel muss Max dem Bräutigam die Kehle durchschneiden.

Nach der Pause schlüpft der weiterhin splitternackte Max in Agathes Albtraum (Licht: Franck Evin), besteigt sie zunächst und lässt sich denn bei ihrer Cavatine, „Und ob die Wolke sie verhülle“, ausgiebig von ihr streicheln. Gaudi herrscht vor bei Ännchens Romanze und Arie und gesteigerte Gaudi bei den 13 Brautjungfern in Schweinchen-Verkleidung und mit Luftschlangen; statt einer Totenkrone packt Agathe gleich einen großen Totenkranz aus. Eine der Solo-Brautjungfern (Saskia Krispin, Britta Süberkrüp, Diemut Wauer und Judith Weinreich) outet sich, „Ich versteh’ das nicht, ich krieg’ einfach keinen… Ich glaub’, mich kann keiner lieben“.

Zu ihnen gesellt sich, mit phallisch derb ausgestellter Brutalität, der Chor der Jäger. Der immer noch nackte Max schießt zunächst auf Kaspar, dann – mit den Worten, „aber ich liebe dich doch“ – auf Agathe. Da der Försterstochter zuvor ein toter Hase überreicht wurde, dringt die Kugel aus Max’ Gewehr offenbar nicht so tief in sie ein, Agathe überlebt – zunächst. Kaspar tötet sich selbst durch einen Schuss in den Mund, so dass sein Gehirn auf die hinter ihm stehende Brautjungfer spritzt.

Wie aber schafft die in sich konsequente, existenzialistische Inszenierung den Umgang mit dem versöhnlichen, in ein allgemeines Gebet mündenden Finale der Oper, ohne auf Webers emphatischen Schluss zu verzichten?

Ein Mann mit nacktem Oberkörper und um den Hals gehängten Holzkreuzen, dem der Zuschauer in der Ouvertüre bereits als einem Art Wildschweinhirten begegnet war, schiebt die Männer, die Max mit Gewehren in Schach halten, zur Seite. Die halbtaktige Phermate nach seinem zweiten Satz ist über Gebühr lange ausgedehnt: er legt dem Wilden die Hand auf und gibt sich so als Eremit zu erkennen. Das nehmen Agathes Vater Kuno (Hans-Peter Scheidegger) und Ottokar (Günter Pappendell), sowie die Gesellschaft von Jägern und Schweinedamen nicht ernst: sie grinsen und füllen ihre jeweiligen Gesangspausen mit lautem Lachen. Während Agathe doch noch stirbt, wird der Schlusschor mit erhobenen Gewehren und wehenden Fahnen zu einer Proklamation der Befreiung, – aber von wem? Max und der Eremit werden erschossen.

Der Protest des Publikums hielt sich jedoch in Grenzen, zum Einen, da Calixto Bieto schon wiederholt an der Komischen Oper Berlin inszeniert hat und der Opernabend als „psychologischer Thriller“ angekündigt worden war, zum Anderen aber, da alle Solisten und der wieder einmal gleichermaßen hinreißend agierende und singende Chor dieses Inszenierungskonzept mit Überzeugung verkörpern.

Unter der musikalischen Leitung von Patrick Lange, der bereits in der Ouvertüre dem Unheimlich-Abgründigen deutlich Vorzug vor dem Volkstümlichen gibt, wird kraftvoll und auf hohem Niveau musiziert und gesungen. Anfangs etwas flach, überzeugt der baritonal timbrierte Heldentenor Vincent Wolfsteiner in der Verbindung von exzessivem, ungehemmt exhibitionistischem Spiel und mit beachtlichen stimmlichen Reserven. Ina Kringelborn leiht der Agathe schwebende Mezzopiani. Souverän und mit tragendem Lachen gestaltet Julia Giebel das Ännchen, und hervorragend sind insbesondere die Bass-Partien besetzt, mit Alexey Tihomirov als Eremit und Carsten Sabrowski als Kaspar.

Eine Kuriosität am Rande ist der Einsatz von Geruchstheater: der Wald dominiert nicht nur in Musik und Bild, sondern auch im Geruch von Moder und aufgewirbeltem Eichenlaub. Und von der Altseinschränkung „ab 16 Jahren“ sollte sich kein Opernbesucher abhalten lassen, diesen „Freischütz“ zu besuchen.

Weitere Aufführungen: 4., 7., 21., 24. Februar, 4., 9., 29. März, 4. April, 6. Juli 2012.

Bieito Freischütz

Die Inszenierung, wenn man die Aneinanderreihung von teilweise unfreiwillig komischen Bildern (Max wirkt wie eine Mischung aus King Kong und Tarzan) so nennen will, ist nur etwas für Bieito-Fans. Möglicherweise ist es inzwischen selbst für Bieito-Fans langweilig geworden. Seit einem Jahrzehnt stülpt er fast jeder Oper, die er sich vornimmt sein höchst einseitiges und phantasieloses Konzept aus Brutalität und übertriebener Sexualität über. Allen anderen ist sowieso von dem Besuch dringenst abzuraten. Von den unzureichenden stimmlichen Leistungen einmal ganz abgesehen. Thomas Fischer


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