Das Konzert war ein Traum – wunderbare Musik ist gerade verklungen, großartige Interpreten haben ihre Kunst zu Gehör gebracht. Der Applaus brandet auf und will schier nicht enden, Bravorufe erschallen. Dann kommt jemand mit einem großen bunten Strauß Blumen auf die Bühne und überreicht ihn dem Künstler. Ein gelungener Abend! – Was aber geschieht mit dem Blumenstrauß, wenn der Applaus verklungen ist, und der Künstler wieder in die Einsamkeit seiner Künstlergarderobe zurückgekehrt ist?
Eine Gießkanne. Foto: Hufner
Aus Tönen werden Bäume
„Früher war mehr Lametta“ sagt Opa Hoppenstedt in Loriots Fernseh-Sketch „Weihnachten bei Hoppenstedts“ (1978) und meint damit wohl, dass früher alles besser gewesen ist. Ob früher tatsächlich alles besser gewesen ist, mag dahingestellt bleiben, sicher aber war manches anders. Da mag man sich nun auf den Standpunkt „never change a running system“ stellen, kann aber auch die Augen aufmachen und Dinge neu (an)sehen und neu bewerten – und danach womöglich ändern. Nicht alles, was schon immer so war, ist damit auch gleichzeitig „gut“ oder „unveränderbar“.
Beim Schleswig-Holstein Musikfestival (SHMF) ist es nun den Blumensträußen, die den Künstlern üblicherweise nach ihrem Auftritt in den Arm gelegt werden, an den Kragen gegangen. Den Festivalverantwortlichen ist nämlich aufgefallen, dass diese wunderschönen und liebevoll arrangierten Blumensträuße oftmals nach den Konzerten verwaist in den Künstlergarderoben zurückbleiben. Das ist kein böser Wille, gar Missachtung – vielmehr sind Künstler oft von weither angereist oder befinden sich auf einer Konzerttournee und können die Blumen wegen mangelnden Platzes in Auto, Bus, Bahn und Flugzeug nicht mitnehmen, geschweige denn unterwegs vernünftig pflegen (Wasser, Vase, etc.). Im besten Fall bekommt den Strauß dann einer der Mitspieler aus dem Orchester oder jemand anders, der gerade im Weg steht. Im schlechtesten Fall bleiben die Blumen in der Künstlergarderobe zurück.
Nun soll aber der Blumenstrauß auch etwas ausdrücken: Dank, Anerkennung, Respekt, den Wunsch (des Veranstalters), in guter Erinnerung zu bleiben. Vielleicht kann der Strauß in dem Künstler auch ein wenig die Erinnerung an ein wunderbares Konzert wachhalten, wenn er ihn noch einige Tage lang betrachten kann. So soll und kann der Strauß durchaus nachhaltiger und mehr sein, als nur eine oberflächliche Geste. So konnte man auch in der Vergangenheit schon beobachten, wie Künstler statt Blumen kleine Geschenke mit Bezug zum Konzertort oder dem Veranstalter als Geschenk bekommen haben: ein Buch über den Ort des Konzertes (von dem die Künstler ja zwischen Probe und Konzert zumeist wenig gesehen haben) oder ein Gefäß (Vase, Glas, etc.) mit einem Wappen des Ortes darauf.
Marzipan und Schokoladensprotten
Nicht zuletzt die „Orchester des Wandels“ mit ihren Aktionen und Konzerten haben in den letzten Jahren auch im Musikbetrieb ein Bewusstsein für Klima-, Natur- und Artenschutz, sowie für Nachhaltigkeit gefördert und gefordert. – Beim SHMF werden nach den Konzerten statt der Blumensträuße zum einen regionale – gern kleine, süße – Geschenke an die Künstler verschenkt, also zum Beispiel Lübecker Marzipan oder Kieler Schokoladensprotten. Bei Konzerten in der Elbphilharmonie und der Kulturwerft Gollan in Lübeck stiftet das SHMF mit Unterstützung der Hauptsponsoren GP Joule und IB.SH (Investitionsbank Schleswig-Holstein) quasi als nachhaltiges Präsent einen Baum, der im Namen der Künstler in Schleswig-Holstein gepflanzt wird. Symbolisch dafür wird das hier abgebildete Blühpapier verschenkt. Bei den Musikfesten auf dem Lande wird nur das Blühpapier verschenkt, kein Baum gepflanzt.
Blühpapier als Geschenk für die Künstler. Es kann zerkleinert und dann eingeweicht werden. Nach etwa einer Woche kann man die Keimlinge dann in die Erde setzen. Vorderseite © SHMF
Blühpapier
Das Blühpapier aus Norddeutschland selbst ist ein ausgesprochen nachhaltiges Produkt. Papierschöpfen ist ein altes Handwerk. Traditionell wird Papier aus Holz-, Baumwoll-; Jute- oder anderen pflanzlichen Fasern hergestellt. Der Faserbrei von Blühpapier wird aus Wasser und ausschließlich aus altem Büropapier hergestellt. Diesem Faserbrei, der Pulpe, werden dann Samen beigemischt, die das Papier zu Saatpapier machen. Das fertige Produkt besitzt wegen der Verarbeitung des Altpapiers Struktur und durch die Samen kleine Knubbel. Auch können noch kleine Stellen mit Schrift bzw. Druckerschwärze zu sehen sein, da letztere aus ökologischen und ressourcensparenden Gründen aus dem Faserbrei nicht herausgewaschen wird. Das alles sind Zeichen von Handarbeit. – Die SHMF-Papierkarte namens Schwalbert wird dann von den Künstlern zu Hause zerkleinert und in die feuchte Erde gelegt oder eingeweicht und dann mit Erde vermischt. Hieraus entstehen Bienenblumenwiesen, die die Künstler hoffentlich noch lange an das Konzert erinnern.
Baum für Baum für alle
Hintergrund der Baumpflanzaktion ist eine gemeinsame Initiative, die sich für mehr und klimastabileren Wald in Schleswig-Holstein einsetzt. Derzeit sind etwa 11,5% der Landesfläche bewaldet. Die Initiative will erreichen, dass es mindestens 12% (0,5 % – das ist immerhin eine Fläche von knapp 80 Quadratkilometern – eine Fläche, die 10 km lang und 8 km breit ist) werden. „Jeder Baum zählt“, lässt die Initiative „Baum für Baum für SH“ verlauten. Und: „Wälder binden CO2, kühlen das Klima, bieten Tieren und Pflanzen Lebensraum und mache unsere Landschaft widerstandsfähiger gegen den Klimawandel“. Wann könnten wir das besser verstehen als nach diesem Sommer?
Blühpapier als Geschenk für die Künstler. Es kann zerkleinert und dann eingeweicht werden. Nach etwa einer Woche kann man die Keimlinge dann in die Erde setzen. Rückseite © SHMF
Weitere Informationen:
- Homepage des SHMF: https://www.shmf.de/
- Homepage der Orchester des Wandels: https://www.orchester-des-wandels.de/
- Homepage der Initiative „Baum für Baum für SH“: https://www.baumfuerbaum.sh/
- Homepage von „Blühpapier“ : https://www.bluehpapier.de/
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