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Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 4): Geht da noch was? – Der Balg

Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 4): Geht da noch was? – Der Balg

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Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 4): Geht da noch was? – Der Balg

Vorspann / Teaser

Für viele Menschen ist ein Akkordeon zunächst einmal ein Tasteninstrument, das eher laut und rustikal daherkommt. Tatsächlich ist das Akkordeon in erster Linie ein Blasinstrument, ein Luftklinger – ein Aerophon, wie der Instrumentenkundler es wissenschaftlich nennt. Durch die Luft, die in dem zwischen den beiden klangproduzierenden Seiten des Instrumentes liegenden Balg produziert wird, kann es sich aber sehr sensibel darstellen. Manchmal könnte man meinen, dass man es beim Akkordeon mit einem Lebewesen zu tun hat.

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Man trifft das Akkordeon auf See, in der Kneipe, einem österreichischen Heurigen oder auf einem zünftigen Dorffest – tatsächlich! Daher rührt es, dass das Akkordeon einen rustikalen Ruf hat, als ein lautes Instrument gilt. In Wirklichkeit ist das aber wieder eines dieser Gerüchte, dieser Vorurteile, die vielen Instrumenten anhängen. Wenn ein Instrument gerade als Instrument des Jahres zelebriert wird, wollen wir versuchen, gerade auch diesen irgendwie falschen Sichtweisen – denn nichts anderes sind Gerüchte – auf die Spur zu kommen und sie ins rechte Licht rücken. Dass die Mandoline ein „exotisches“ Instrument ist, haben wir schon widerlegt, ebenso, dass ein Tubaspieler überhaupt nur ein paar Basstöne spielen kann. Wie ist das mit dem rustikalen und lauten Akkordeon?

Die Akkordeonistin Eva Zöllner, die mit ihrem Instrument fast überall auf der Welt gewesen ist (klar – es ist ja auch ein „Reiseinstrument“), widerspricht dieser rustikalen Seite vehement. Ja, das Instrument hat diese Seite – gerade in der Vergangenheit sehr ausgeprägt – durchaus gehabt und hat sie natürlich auch noch immer. „Gleichzeitig aber“ ist das Akkordeon, so schreibt sie auf ihrer Homepage, „auch ein supermodernes [Instrument], das in denn letzten Jahren einen Siegeszug durch die Konzertsäle der Welt angetreten ist, sowohl mit transkribiertem klassischem als auch mit neu komponiertem Repertoire“. Für viele der neu komponierten Stücke ist sie selbst verantwortlich, hat insbesondere Komponistinnen dazu verleitet, für das Akkordeon zu komponieren.

 

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Eva Zöllner mit ihrem Akkordeon, einem Akkordeon, das auf der Diskantseite keine Tasten, sondern Knöpfe besitzt. Durch die andere Tonanordnung sind viele Klänge schneller und überhaupt greifbar. © Andreas Orban, SWR

Eva Zöllner mit ihrem Akkordeon, einem Akkordeon, das auf der Diskantseite keine Tasten, sondern Knöpfe besitzt. Durch die andere Tonanordnung sind viele Klänge schneller und überhaupt greifbar. © Andreas Orban, SWR

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Im Gespräch schwärmt Zöller von ihrem Instrument als einem besonders sensiblen Instrument. Ein Instrument, das mit Luft betrieben wird, ein Instrument, das aus einem Atemhauch Töne macht. Dieser Atemhauch, der durch den Balg hervorgebracht wird, macht das Akkordeon zu einem geradezu „menschlichen“ Instrument, zu einem Wesen. Im Hebräischen hat das Wort נֶפֶשׁ (näphäsch) die Bedeutungen Hauch und Atem. Gleichzeitig bezeichnet es aber auch das, was ein körperliches Wesen zu einem lebendigen Wesen macht, die Seele. Diese enge Beziehung scheint es zu sein, die für Zöllner das Akkordeon zu so einem einzigartigen und persönlichen Instrument macht.

Hinzu kommt die körperliche Nähe, die Musiker und Instrument zueinander haben. Das Akkordeon „atmet und ist wie kein anderes Instrument mit dem Körper des Interpreten verbunden‘“, sagt sie. Man ist hier vielleicht ein wenig an die Aussage Mauricio Kagels erinnert, der postuliert, das Musikinstrumente letztlich nichts anderes sind als die Verlängerungen von menschlichen Körperteilen oder Körperfunktionen. Der wichtige Kontaktpunkt zwischen Mensch und Maschine ist hier der Balg des Akkordeons und dort die Lunge des Musikers. Zöllner beschreibt, wie durch die enge Verbindung an dieser Stelle der Ton des Akkordeons beeinflusst werden kann und wird. Für einen Moment scheint sie von dem Akkordeon-Balg als ihrer „erweiterten Lunge“ zu sprechen, beschreibt, wie Lunge und Balg gleichsam gemeinsam und aufeinander abgestimmt atmen.

Diskant – Balg – Bass

Der Balg ist für die Luftversorgung des Instrumentes zuständig. Er ist zwischen den beiden Seiten des Akkordeons, der Diskant- du der Bassseite, angebracht, verbindet diese. Würde man die beiden Seiten des Akkordeons mit einer zweimanualigen Orgel vergleichen, so können beide Seiten ihre eigenen, durchaus sehr unterschiedlichen Klänge produzieren, aber – anders als bei der Orgel – haben diese immer den gleichen Wind und können je nach dem Druck im Balg nur dieselbe Lautstärke hervorbringen. Etwa den Einsatz einer neuen Stimme in einer Fuge lautstärkenmäßig hervorzuheben – das geht auf einem Akkordeon nicht. Derartige „Betonungen“ müsste man durch spezielle Fingertechniken erzeugen. Dafür kann man auf dem Akkordeon – im Gegensatz zur Orgel – den Wind, wie Zöllner es nennt, „agiler gestalten“.

Kleiner Exkurs: 

Wir werden im kommenden Monat über die Verwandten des Akkordeons, das zu den Harmonikainstrumenten zählt, sprechen. Bei manchen Harmonikainstrumenten macht es durchaus einen Unterschied, ob der Balg gerade aufgezogen oder zusammengedrückt wird, da bei unterschiedlichen Balgrichtungen auf gleichen Tasten unterschiedliche Töne erklingen. Beim Akkordeon findet beim Balgwechsel aber kein Tonwechsel statt!

Der im Instrument erzeugte Wind ist [mit minimalen, zu vernachlässigenden Unterschieden] immer gleich – egal, ob man am Balg zieht oder drückt. [Man könnte auf die Idee kommen, dass beim Ziehen ein eher „saugender“ Luftzug und beim Zusammenpressen ein eher druckvoller Atem im Instrument herrscht. Dem ist nicht so!] Beim Akkordeon erklingen, wenn man die Balgrichtung wechselt auch zwei verschiedene Zungen, die aber gleich gestimmt sind. Es findet also zum Beispiel bei Haltetönen beim Balgwechsel technikbedingt immer eine sehr kleine Unterbrechung dieser Töne statt. Der Balg und der Balgwechsel sind also in den großen atmenden Blöcken und Strukturen einer Komposition wesentlich vom Anfang des Einstudierens eines neuen Stückes an mit zu berücksichtigen.

Musikalisches Fitnessstudio

Neben allen musikalischen und technischen Überlegungen in einer Akkordeonkomposition hat der Balg also eine wesentlich gliedernde Funktion in einer Interpretation. Für Zöllner, die sich sehr der Aufführung zeitgenössischer Musik verschrieben hat, wäre das alles – obwohl das Akkordeon sich ja bis hierher bereits als ein ausgesprochen vielseitiges und klangmächtiges und gleichzeitig hochsensibles Instrument dargestellt hat – aber zu wenig. Zöllner fragt sich und ihr Instrument immer wieder, was da wohl noch so an klanglicher Vielfalt drin versteckt ist.

 

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Der Blick in die Weite, der Balg geöffnet, als ob das Bild sagen wollte: „Ich fühle Luft von anderem Planeten.“ © Camo Delgado

Der Blick in die Weite, der Balg geöffnet, als ob das Bild sagen wollte: „Ich fühle Luft von anderem Planeten.“ © Camo Delgado

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Alles, was wir bisher betrachtet haben, geschieht im Rahmen einer „normalen“ oder einer vom Akkordeonbauer vorgesehenen Auslenkung bzw. Ausdehnung des Balges. Dabei hat der vollständig gedehnte, ausgezogene Balg eine Länge von etwa 70 cm. Ist der Balg in der Stetigkeit seines Atems bis zu dieser Weite relativ berechenbar, fängt er bei einer weiteren Öffnung an, ein Eigenleben zu entwickeln, das in seiner Klanglichkeit auch oft nicht immer sicher reproduzierbar ist. Je weiter man den Balg öffnet, desto brüchiger und unberechenbarer werden die Töne. Mancher unvorhergesehene Klang kann dabei entstehen. Dabei sind beide – die Zunge im Instrument und die Kraft des Instrumentalisten – durchaus am Limit. Die Zunge bekommt nicht mehr den Wind, den sie benötigt, um so zu klingen, wie sie es eigentlich sollte. Der Akkordeonist selbst benötigt für derartige Bewegungen, die weit aus der eigenen Körpermitte herausführen, viel Kraft: Immerhin wiegt allein die Basseite eines Akkordeons um die 8 kg. Akkordeonspielen wird spätestens hier zum täglichen Fitness- und Krafttraining. Gerade diese Töne aber sucht Zöllner – und weiß, dass da noch einiges in ihrem Instrument verborgen ist.

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