Das „Jauchzet, frohlocket“ erscholl aus nur zwölf Kehlen. In der St.-Thomas-Kirche zu Berlin-Kreuzberg, unmittelbar an der Mauer, wurde am. 23. Dezember eine „Wiedererstaufführung“ des Bachschen Weihnachtsoratoriums I. Teil in originaler Besetzungsstärke angeboten.
Vor 50 Jahren: Der entfettete Thomaskantor
Ansatzpunkt des Unternehmens war ein Vortrag des Berliner Musikkritikers Wilfried Bruchhäuser, der während der Berlin Bachtage 1974 gegen die „Hundertschaften“ zu Felde gezogen war, die man unbeirrt von den Erkenntnissen über historische Aufführungspraxis aufzufahren pflegt, in unverdrossener Fortsetzung romantischer Tradition. Zwölf Sänger, drei pro Stimme – das entspricht ziemlich exakt den Gegebenheiten während Bachs Leipziger Thomakantorats. Und die Solisten rekrutierten sich – auch dies getreu den Gepflogenheiten jener Zeit – aus dem kleinen-Vokalensemble. Aber an diesem Punkt setzen heute bereits die Schwierigkeiten ein: Fähige Gesängssolisten sind sich zu schade fürs Chorsingen, würden sich wohl auch schlecht in einen homogenen Chorklang integrieren lassen. Um so rühmenswerter ist die uneitle, einem heiklen Experiment selbstlos dienende Haltung der Mitwirkenden.
Chorsänger andererseits oder in Ausbildung befindliche Vokalisten – und auf solche griff der Dirigent Fritz Weisse zurück – sind den Bachschen solistischen Anforderungen stimmlich und stilistisch vielfach nicht gewachsen.
Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 1, März 1976
Eines jedenfalls war frappierend: Die zwölf durchaus schon individuell geprägten Stimmen verschmolzen durchaus zum Chor, und man vermißte keineswegs das übliche Massenaufgebot. Das gleichmäßige Stampfen der Zählzeiten, das bei der Koordination von „Hundertschaften“ oft zustande kommt, war aufgehoben zugunsten eines leichtfüßigen Musizierens, und man hörte endlich einmal die Instrumente als Stimmen und nicht bloß als begleitenden Hintergrund. Bei der reduzierten Besetzung hatte es für Fritz Weisse mit der historischen Treue freilich schon sein Bewenden. In zwei Punkten war das originale Klangbild nicht verwirklicht: Es sangen keine Knabenstimmen und es wurde nicht auf historischen Instrumenten gespielt. Das ist weiter nicht schlimm, bedeutet nur, daß die richtige Klangbalance nicht von selbst gegeben ist, sondern erst hergestellt werden muß. Und eben daran fehlte es. Der Continuo z. B. drängte sich ungebührlich in den Vordergrund.
Der Instrumentalpart: Interessant, einmal die II. Kantate ohne die von Bach nachträglich hinzugefügten Flöten zu hören; das gedecktere Klangbild entspricht mehr dem textlichen Gehalt. Nicht so glücklich fand ich die Ersetzung der zweiten Oboe da caccia durch ein Fagott zum Zwecke der Einsparung eines Musikers, Und leider artikulierte und phrasierte jeder Musiker, wie er wollte. Das Ganze war ein notwendiger Schritt vorwärts auf dem Weg zu einer adäquaten Bach-Wiedergabe. Man sollte dabei aber nicht gleichzeitig einen Schritt zurückgehen.
Gottfried Eberle, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 1, März 1976
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