Hauptbild
Erste Seite der nmz 2026/05.

Erste Seite der nmz 2026/05.

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Musik für Adam Smith?

Untertitel
Editorial von Theo Geißler zum Thema: GEMA
Vorspann / Teaser

Schockschwerenot: Revolution? Mehr als achtzig Prozent unserer ansonsten braven Bundesbürger sind laut aktueller Umfrage mit der Eigentumsverteilung in unserer Republik höchst unzufrieden. Quer durch (fast, AfD ausgenommen) alle Parteien. Bei unseren Komponisten und Textdichtern sind es sogar ungefähr 99,3 Prozent. (Letztere Zahl ist etwas unsicher, da diese Berufsgruppen häufig den Job wechseln: Taxifahrer, Reinigungspersonal, unbezahlte Philosophen.) Generell empfiehlt es sich (schon um blutige Umstürze zu vermeiden), überall sehr genau hinzuschauen, wo viel Geld eingenommen und viel Geld verteilt wird. 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Bei der GEMA wurden offenbar stattdessen sehr lange Wolken gezählt. Deutschland ist aktuell der fünftgrößte Musikmarkt der Welt (nach China) und in Europa nach Großbritannien der wichtigste Klang-Wertschöpfer. Aber diese Wertschöpfung kommt zunehmend denen nicht zugute, die eigentlich davon profitieren sollten: nämlich den einheimischen Urheberinnen und Urhebern. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die meisten unserer einst einheimischen Verbreiter und Vertreiber in den gefräßigen Schlünden anglo-amerikanischer Mega-Medienkonzerne gelandet sind. Fast alle Musikverlage in Deutschland sind zum Beispiel längst in kräftig auspressender Konzernfaust. Ricordi gehört Universal, Boosey und Sikorski gehören Concord und so weiter.

Dorn im Auge von Konzernen wie Warner, Disney oder Universal sind Regelungen, die auf die GEMA-Gründer zurückgehen: Die sogenannte 10 Prozent „SozKult“-Abgabe auf etliche von in Deutschland eingenommenen Tantiemen. Davon wird ein großer Teil sowohl U (zu 70 %) und E (zu 30 %) als „Wertung“ zur Verfügung gestellt. Diese Zuwendungen sind keineswegs eine „Kulturförderung“ (wie es die GEMA im Rahmen ihrer momentanen Propaganda behauptet), sondern einfach nur eine Ausschüttungsform, die unterschiedliche Aufführungsumstände von E und U berücksichtigt und zu einem gewissen Teil kompensiert. E-Aufführungen sind meist aufwändiger und seltener als U-Aufführungen. Das macht sie aber nicht weniger wichtig für das Kulturleben eines Landes.

Unter anderem diese Regelung macht Deutschland zum Klassikland Nummer eins weltweit. Wir sind immer noch das Land mit der üppigsten Orchester-, Festival- und Opernlandschaft. Das wird sich dramatisch verändern, wenn die aktuell geplante und von der GEMA mit hohem Finanz- und Personalaufwand beworbene „Reform“ durchkommt. Zudem ist zu befürchten, dass ein Grund für den hart aber teils undurchsichtig zwischen „E“ und „U“ geführten Verteilungs- und Existenz-Kampf ein insgeheim von Gematen und Konzernen befeuertes Scheingefecht zwecks Kreativen-Schwächung ist. Hinter diesem Pulverdampf-Nebel lauern vermutlich die „Dagoberts“ der beiden letztgenannten „Interessenten“. Deren Kapital-Hunger sehnt sich nach der Einverleibung auch noch der letzten paar „SozKult“- Prozentchen.

Selbst mit der alten Regelung geht nur etwas über ein Prozent der Ausschüttung überhaupt an die sogenannte E-Musik. Eine Summe, die unter den GEMA-Einnahmen und Vergütungen der GEMA-Vorstände und des GEMA-Aufsichtsrats liegen, (und das sind insgesamt nur 19 Genießende). Diese 19 Personen lassen die Mitgliederversammlung über ihren „Reformvorschlag“ entscheiden, ob eine vierstellige Zahl von E-Komponisten zwischen 60 und 90 Prozent ihres ohnehin meis­tens bescheidenen Einkommens verlieren wird. Und mit „E“ sind hier auch Jazz und genreübergreifende Musik gemeint, keineswegs nur Streichquartette bei den Darmstädter Ferienkursen.

Überhaupt ist die GEMA inzwischen ein komplexes Geflecht, teils wohl aus puren Eigeninteressen. Der Aufsichtsrat genehmigt die immer heftiger ansteigenden Gehälter von Vorständen und sitzt gleichzeitig an Schalthebeln für eigene „Besserstellungen“ – so haben viele Aufsichtsratsmitglieder beträchtliche Vermögen angesammelt, die inzwischen in keinem Verhältnis zu ihren kulturellen Verdiensten oder künstlerisch-musikalischen Aktivitäten stehen. Die GEMA läuft Gefahr, zunehmend zum Selbstbedienungsladen für Funktionäre zu degenerieren. Ausländische Konzerne freuen sich, dass ihnen zunehmend Geld serviert wird – ein System, das in den letzten Jahren eskaliert ist. Es müsste von der Politik und zum Beispiel dem Deutschen Patentamt (die GEMA besitzt ein Monopol und steht daher unter Patentamts-Aufsicht) wesentlich strenger beobachtet werden. Die nmz hat im Vorfeld der bevorstehenden GEMA-Mitgliederversammlung im Internet ein Dossier zusammengestellt, in dem durchaus diskursiv Konsequenzen und „Historie“ der geplanten „Reform“-Installation dargestellt werden.

Aber: Wenn Ihnen dieser etwas verzweifelte kulturelle Hilferuf zu altlinkss-antikapitalistisch vorkommt – bitte: Bei Schaltung umfangreicher Anzeigen in unserem Blatt sind wir gern bereit, voriges Thema positivistisch unter dem Signum „Marktwirtschaft“ abzuhandeln, gegen geringen Aufpreis mit dem Zusatz „sozial“.

Print-Rubriken