Absolute Beginners 2021/09

Unterrichten in Zeiten von Corona (13)


(nmz) -
Wenn der Sommer vorbei ist, werden die Weichen neu gestellt. Studierende gehen und neue Studierende kommen. Typisch für die momentane Situation ist aber, dass diese versuchen, das Studien­ende möglichst lange zu verzögern. Wer möchte im Moment schon Studien­abgänger sein? Die Hochschulen bieten zumindest einen Fixpunkt, einen Ort der Sicherheit – was da draußen in den kommenden Jahren los sein wird, kann keiner vorhersagen.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Eine allgemeine Unsicherheit hängt in der Luft, die auch ich als „Profi“ zu spüren bekomme. Niemand will sich festlegen, es werden keine großen Pläne gemacht. Ja, 2021 gab es schon wesentlich mehr Konzerte als 2020, aber der Damm ist nicht gebrochen, da noch keinerlei Routine eingekehrt ist. Pessimisten rechnen schon fest mit erneuten Komplett-Lockdowns, und selbst die Optimisten müssen sich eingestehen, dass „business as usual“ noch eine Weile entfernt ist. Selbst wenn man in Europa zu einem normalen Leben zurückkehren wird, heißt das noch lange nicht, dass es im Rest der Welt so sein wird. Wann wird man als Musiker wieder unbeschwert in die meisten Länder einreisen können, so wie wir es dank unserer Goethe-Institute und einem reichhaltigen Kulturaustausch mit aller Welt jahrzehntelang gewohnt waren? Im Moment wird man in viele Länder gar nicht hineingelassen oder man riskiert lange Quarantänen. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die in den letzten Monaten wochenlange einsame Hotelaufenthalte auf sich genommen haben, um ein oder zwei Konzerte im Ausland spielen zu können, sich dabei auf wenige Quadratmeter Hotelzimmer und einen Fernseher beschränkend. Ich kann das absolut nachvollziehen, aber für Menschen mit Familien (wie mich) ist diese mönchische Isolation keine Option, die man dauerhaft durchziehen kann.

In der ganzen Krise ist Deutschland nach wie vor ein Fixpunkt für viele ausländische Studierende. Und es herrscht nach wie vor eine große zahlenmäßige Diskrepanz zwischen den Kompositionsbewerbern aus dem In- und Ausland. Auch im nächsten Studienjahr werden an unseren Hochschulen wieder zahlreiche hoffnungsvolle junge Kompositionsstudierende aus aller Welt ihr Studium beginnen, die zum Teil weite Wege und widrige Umstände auf sich genommen haben, um in Deutschland – das sie als chancenreiches und offenes Land für Kultur wahrnehmen – studieren zu können. Mein persönlicher Wunsch wäre, dass wir dieses weltoffene Fördersystem auch nach Corona aufrechterhalten können, denn es nützt unserer heimischen Kultur ungemein, macht sie reich und weltweit hoch angesehen. Aber wird dies auch in den zu erwartenden Jahren der Sparsamkeit Priorität haben, wenn alle Länder erst einmal wieder mehr an sich denken? Allein schon den europäischen Gedanken durch die kommenden Jahre zu retten, wird eine riesige Herausforderung sein, gleichzeitig wird gerade die junge Generation Europa wie nie zuvor brauchen.

Ich hatte vor einigen Folgen von dem Mäzen berichtet, der Orchesteraufträge im Gedenken an seine Frau an Studierende verteilen wollte. Damals war ich noch ein wenig skeptisch, ob daraus etwas werden würde und bremste den Enthusiasmus meiner Studis, aber inzwischen ist die Sache weiter gediehen, Auftragshonorare wurden überwiesen, und Aufführungen bei den Europäischen Festwochen Passau sind geplant. Ich freue mich riesig über solche Gelegenheiten für meine Studierenden und habe das Gefühl, dass es in Zukunft noch mehr dieser Mäzene bräuchte. Deutschland ist in den vergangenen Jahren insgesamt sehr satt und zufrieden gewesen, was staatliche und regionale Kulturförderungen angeht, daher haben wir nur vergleichsweise wenige private Stiftungen und Förderinitiativen. Diese werden aber in Zukunft wichtiger werden. Nichts hilft Studierenden beim Übergang ins Berufsleben mehr als ein richtiger bezahlter „Auftrag“ für Kompositionen – dabei ist es vollkommen egal, ob dieser von einer Institution oder einer Privatperson kommt, gebraucht wird er auf jeden Fall. Wenn Sie also ein bisschen Geld übrighaben, legen Sie es gerne direkt bei unseren jungen Talenten an. Gerade in diesen Zeiten tun Sie damit direkt etwas für die Kultur in unserem Land.

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