Annäherungen an die erlebte Zeit

Die Komponistin Babette Koblenz und ihr vielschichtiges Werk


(nmz) -
Sie sucht eine Ganzheitlichkeit des Denkens innerhalb einer Gesellschaft, die nur in ausschnitthaften Details operiert. Wo im Zeitalter der Videoclips die Wahrnehmung in knappe optische und akustische Segmente zerfällt, denkt die Komponistin Babette Koblenz an Universalität, möchte sie Bezüge herstellen und der Vereinzelung entgegensetzen.
Ein Artikel von Susanne Schmerda

In ihre Musik sind Anregungen verschiedenster Herkunft eingegangen: aus Jazz, Pop, Rock und Reggae, aus Malerei und Kabbala, aus orientalischem Gedankengut, außereuropäischer Musik und althebräischen Psalmen. All diese Einflüsse sammeln sich in einer klangsensiblen Musiksprache, die bestimmt ist von großer rhythmischer Kraft. Beat und Off-Beat, polare und mikrorhythmische Strukturen schaffen Spannungsfelder, pulsierende Rhythmen aus der afrikanischen Musik treffen in undogmatischer Synthese auf additive Rhythmusmodelle der europäischen Avantgarde. Schon das früh entstandene Septett „Walking on the Sun“ von 1982 bezieht seine Sogwirkung aus konträrer rhythmischer Bipolarität, die in dem Schlagzeugsextett „Salpetrière“, 1990 in Donaueschingen uraufgeführt, dann zu einem dichten polyrhythmischen Beziehungsgeflecht erweitert ist.
Neben der ausgefeilten Wechselwirkung rhythmischer Impulse ist auch die modale Harmonik bei Babette Koblenz geprägt von einem Pulsieren und Changieren der Farbe. „Monochromie“ nennt sie die harmonische Simplizität ihrer Musik und verwendet damit einen Begriff aus der Malerei. Musik ist für die ehemalige Ligeti-Schülerin „Energie und Vibration“. Da ist nur konsequent, daß ihre Kompositionen gegen die Gradzahligkeit und Gleichgliedrigkeit des Metrums gerichtet sind und jenseits überkommener Kategorien bemessen werden wollen. „Man sollte den Wert von Kunst und speziell von Musik in der Gesellschaft nicht unterschätzen“, fordert sie, „die Gesellschaft handelt Musik oft als Dekoration ab, dabei spielt sie eine wesentliche Rolle. Sie setzt Kräfte im Menschen frei und übermittelt Energien. Es muß Dinge geben, die außerhalb jeglicher Normierung liegen, und Musik und Kunst sind bestens geeignet, diesen Freiraum zu schaffen.“

Geboren wurde Babette Koblenz 1956 in Hamburg, wo sie auch heute noch lebt und ihre Werke im KODASI-Selbstverlag herausgibt, gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Komponisten Hans-Christian von Dadelsen. An der Hamburger Musikhochschule studierte sie zwischen 1975 und 1983 Musiktheorie bei Werner Krützfeldt und Komposition bei György Ligeti. Längere Auslandsaufenthalte führten die junge Komponistin nach Italien und Spanien, 1991/92 war sie Stipendiatin der Villa Massimo in Rom. Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, die sie ab 1976 mehrmals besuchte, waren mit ihrer stilistischen Vielfalt Ansporn, „selbst einen Standpunkt zu finden“.

Von ihrem Lehrer György Ligeti hat sie vor allem die Offenheit des Denkens mit auf den Weg bekommen, ebenso wie Neugier auf fremde Kulturen: „Bei Ligeti Schüler zu sein hieß, in einem großen Kreis von jungen, musikinteressierten Leuten involviert zu sein“, erinnert sich die Komponistin. „In unseren Gesprächen ging es zum Beispiel darum, was Musik leisten kann, was es bedeutet, zu komponieren, es ging um philosophische Dinge und um den Umgang mit anderen Kulturen.“

Entsprechend vielseitig ist das Werk von Babette Koblenz, es umfaßt unterschiedlichste Besetzungen, darunter bemerkenswert klassische Gattungen: ein Streichtrio, das im 17er-Takt stehende Klaviertrio „Le Monde“ mit rhythmischen Stauchungen und Dehnungen von 1991/92, die polystilistische Messe „Française“ (1991), basierend auf einem jüdischen Partisanenlied, oder auch Madrigale für gemischten Chor a cappella (1983/85) in stilistischer Anlehnung an Gesualdo. Daneben das Schlagzeugsextett „Sal- petrière“, den Song-Zyklus „Can’t Explain“, Schofar-Intonationen für Bläseroktett, Orchesterwerke und Musiktheater. Für ihre Kompositionen erhielt Babette Koblenz eine Reihe von Auszeichnungen, darunter 1981 den Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung, 1988 den Rom-Preis der Villa Massimo, 1994 den Hindemith-Preis und 1998 den Bialas-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Seit 1980 arbeitet Babette Koblenz an neuen Möglichkeiten des Musiktheaters und an einer spezifischen Gesangsstilistik. Dabei läßt sie sich leiten von der Idee einer Vernetzung der Künste, denn „durch das Erleben von Filmen beispielsweise mit ihren immer schnelleren Schnitten hat sich auch unsere Bild-Ton-Wahrnehmung geändert“, argumentiert sie, „und das muß sich im Musiktheater niederschlagen.“ Die Gattung der Literaturoper gehört für sie dem vergangenen Jahrhundert an: „Es ist für mich wichtiger, andere Formen der Textbehandlung zu finden, Text und Musik eine andere Rolle spielen zu lassen.“ Stationen dieser Entwicklung waren die Oper „Hexenskat“ (Saarbrücken, 1980), das musiktheatralische Ballett „Ikarus“ (II. Münchner Biennale, 1990) oder das Kammermusiktheater „Buch“ (Stuttgart, Schloß Solitude, 1990), das in Minimalbesetzung für Akkordeon, Viola und Percussion die Tragfähigkeit von Wort und Sprache umkreist.

1995 wurde in Hamburg und Berlin „Die Kinder von Bjelaja Zerkow“ im Rahmen der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ aufgeführt. Entstanden im Auftrag von Hans Barlach und Jan Philipp Reemtsma, arbeitete Babette Koblenz in diesem nichtszenischen Dokumentarstück über die Erschießung von neunzig jüdischen Kindern im ukrainischen Bjelaja Zerkow im August 1941 mit verschiedenen Zeit- und Inhaltsebenen und der Durchdringung von vier Sprachen. Gesprochener Text trifft auf gesungenen und psalmodierten, allein dem Deutschen, der Sprache der Täter, verweigerte die Komponistin jede Musikalisierung.

Auch das jüngste Werk von Babette Koblenz, „Recherche“, für die diesjährige Münchener Biennale, lotet in komplexer Simultanität Zeitebenen, Musik- und Sprachräume aus. Versucht wird, neben dem nüchternen Aspekt der Recherche selbst, eine musik-theatralische Annäherung an den Begriff Zeit: Wie kann man Zeit erfahren? „Indem man sie erlebt“, lautet die Antwort der Komponistin. Von ihr stammt auch das Textbuch mit vorwiegend benennend-informativen und weniger literarischen Texten.

„Es gibt kein richtiges Libretto. Ich bin kein Mensch, der ein Libretto vertont, es gibt eine Art Textbuch mit Fremdtexten neben eigenverfaßten Texten. Es geht darum, Zeit durch die Wahrnehmung von Erlebtem auszudrücken. Dafür habe ich historische Blitzlichter gewählt und sie auf die jeweilige Bühnenrolle abgestimmt, die einzelnen Personen haben in bestimmten historischen Situationen immer wieder dieselbe Rolle, auch wenn sich Zeit und Ort ändern.“ Dokumentarische Materialien in Englisch, Französisch, Spanisch und Hebräisch stehen mythologischen Szenen aus Homers „Odyssee“ gegenüber, wobei jeder spotartig beleuchtete Moment eine Eigendynamik entwickelt. Zwischen Gegenwarts-Szenen in New York und Marseille springt das Geschehen immer wieder zurück, beispielsweise in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs.

Das Publikum begibt sich mit auf diese „Suche nach Geschichte“ und darf sich auf eine musikalische Vielfalt einstellen. Die Neugier auf fremde Kulturen scheint für Babette Koblenz noch lange nicht gestillt.

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