Applaus für ein Stück musikalischer Seele

Der autonome Komponist in der funktionellen Musik


(nmz) -

Fahrstuhlmusik, Hintergrundmusik, Easy-Listening, Muzak oder Jingle... Eins ist all diesen Begriffen gemein: Man bezeichnet sie als „funktionelle“ Musik. Zu diesen Substantiven gesellen sich dann gerne noch Attribute wie „seicht“, „dahin plätschernd“ oder „künstlerisch unselbstständig“.

Ein Artikel von Stephan Nierwetberg

Fahrstuhlmusik, Hintergrundmusik, Easy-Listening, Muzak oder Jingle… Eins ist all diesen Begriffen gemein: Man bezeichnet sie als „funktionelle“ Musik. Zu diesen Substantiven gesellen sich dann gerne noch Attribute wie „seicht“, „dahin plätschernd“ oder „künstlerisch unselbstständig“.Die Musikwissenschaft geht aber noch weiter und ordnet auch Film- und Ballettmusik sowie jegliche Form von Komposition, die nicht im Moment der Rezeption alleine sondern zum Bild oder während des Tanzens wahrgenommen wird, dieser Gattung zu. Eine maßgebliche Stellung nehmen dabei die Erörterungen des Musikwissenschaftlers Hans Heinrich Eggebrecht zur – wie er sie nennt – „funktionalen“ Musik ein, die man im „Archiv der Musikwissenschaft“ aus dem Jahr 1973 Heft 1 findet.

Tatsächlich wurden und werden in der Musikwissenschaft Diskussionen darüber geführt, wie man diese „funktionelle“ Musik von der so genannten „autonomen“ Musik abgrenzen kann. Diese Abgrenzung wird nun meist dergestalt gezogen, dass autonome Musik um ihrer selbst Willen erschaffen und reproduziert wird, somit also als artifiziell eigenständig und damit hochwertiger gilt, während funktionelle Musik primär einem Zweck dient und deswegen zur nichtartifiziellen Musik gehört. Zum Beweis wird gerne angeführt, dass sich autonome Musik sehr wohl als funktionelle Musik einsetzen lässt – sofern ihr eigenständiger Charakter beim Zuhörer den gewünschten Effekt hervorruft – während sich eine funktionelle Musik aber nie und nimmer zur autonomen Musik aufschwingen kann, da sie ja ohne ihre Funktion bedeutungslos ist. Die Parallelen zur Diskussion um die E- und U-Musik sind nicht zu übersehen. Im Bereich der E-Musik gibt es nebenbei noch eine – wenn auch sehr viel wohlwollendere – Unterscheidung in absolute Musik und Programmmusik.

Die Gleichung autonome Musik = wertvolle Musik = hochrangiger als funktionelle Musik stimmt aber nicht und hat noch nie gestimmt. Die Tafelmusik des Barock ist heute Konzertinhalt und Filmmusiken von Maurice Jarre, John Williams oder Michael Nyman finden heute völlig losgelöst vom ursprünglichen Zweck Zuhörer, die diese Kompositionen als eigenständige Werke genießen, ohne die dazugehörigen Filme je gesehen zu haben. Ein Musiker wie Karl Jenkins, der einst mit der britischen Band „Soft Machine“ mehr als eigenständige Musik gemacht hat, ist heute kein bemitleidenswerter „unartifizieller“ Komponist, nur weil er mit seinem Ethno-Pop-Klassik-Projekt „Adiemus“ riesigen Erfolg hat und diese Kombination aus ethnischem Chorgesang, Schlagzeug- und Streichermusik bei uns erst durch die Verwendung im TV-Werbespot der Delta Airlines richtig bekannt geworden ist. Letztlich scheint bei der Diskussion um autonome oder funktionelle Musik eher ein Geist zu wehen, dem jegliche kreative Auftragsarbeit mit kommerziellem Hintergrund zunächst äußerst suspekt ist.

Nun haben aber Händel und Mozart auch nicht nur von Luft und Liebe gelebt. Wie also soll man die Feuerwerksmusik oder die Zauberflöte bewerten? Wie steht es mit den Weihnachtsliedern? Sind diese nicht durchaus funktionell? Und was ist mit der gesamten Tanzmusik vom Walzer bis zum Swing, die größtenteils nicht für „E-“ sonden für „U-Anlässe“ komponiert wurde?

Sicherlich gibt es sie, die „L’art pour l’art“, aber nicht im Wortsinne als Kunst für die Kunst, sondern immer nur als Kunst, die zunächst für den Künstler selbst da ist, als etwas, das aus ihm fließt und zunächst nur seiner eigenen Wertschätzung unterliegt, bis er das Werk einem Zuhörer zugänglich macht und damit der fremden Kritik aussetzt. Dann ist es Kunst für den Betrachter oder für den Zuhörer. Dem gefällt es dann, oder nicht, er bezahlt dafür, oder nicht, er nimmt es wahr oder nicht. Wenn sich der Komponist einem Auftrag stellt und sich damit in die Schranken einer „Funktion“ begibt, sei es nun eine Filmmusik- oder eine Jingleproduktion, so gilt doch in jedem Fall: Immer ist die Idee, die für sich selbst musikalischen Bestand und Gehalt hat und dabei gleichzeitig die Funktion, die Stimmung, das Markenattribut genau trifft, besser als der Einfall, der nur die Funktion bedient. Dem einfallsreichen Künstler kann der gesamte Bereich der Auftragskomposition – von der Ballettmusik bis zum Produkt-bezogenen Audio-Logo – viel Platz bieten, sich kreativ auszubreiten, so lange er keine Angst hat, sich im abgesteckten Rahmen von Musikstil, Besetzung und Werklänge zu bewegen. Meistens findet dann die Idee mehr Beifall, welche die Grenzen des Sujets ausleuchtet und damit mehr überrascht als die dröge Mainstream-Komposition. Das ist hier nicht anders als im Bereich der so genannten autonomen Musik. Gehalt zählt eben und macht sich bezahlt. Der Komponist selbst entscheidet, ob seine Musik autonom bleibt oder ob sich ihr ein Zweck beiordnet. Natürlich gebührt jedem Komponisten größter Respekt, der mit seiner Musik – und nur damit, ohne jedes „Beiwerk“ – vor den Zuhörer tritt. Und wohl dem, der erfahren hat, wie es ist, den Applaus für ein Stückchen seiner musikalischen Seele entgegenzunehmen – sei die Zuhörerschar auch noch so klein.

Das Wort „Musik“ geht auf das griechische Wort „musiké“ zurück, das ursprünglich die Einheit von Dichtung, Musik und Tanz meinte. Die Musik fungiert somit immer als verbindendes Element, selbst ohne Tanz und ohne Text: Sie stellt eine Verbindung zwischen Komponist und Zuhörer her. Darüber hinaus kann sie viele Funktionen haben, etwa heilende, beruhigende, berieselnde et cetera.

Ob man dann die Hintergrundmusik im Hotel oder die Musik in der Telefonwarteschleife als akustische Umweltverschmutzung oder als angenehmen Soundscape erfährt, hängt von der Umsetzung der Komposition mindestens genauso stark ab wie von der Komposition selbst. „Für Elise“, von einem schlechten Soundchip in der Warteschleife gedudelt, klingt nun mal immer scheußlich, selbst wenn es sich um eine autonome Musik handelt. Im Endeffekt geht es also nicht um die Frage, ob Musik funktionell und deswegen weniger künstlerisch oder autonom und deshalb artifiziell wertvoll ist, sondern darum, ob sie den Zuhörer anrührt oder langweilt.

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