Arbeiten und lernen, hören und diskutieren

70 Jahre Darmstadt – die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik im Rückspiegel · Von Juana Zimmermann


(nmz) -
1946 wurden die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik, damals noch unter dem Namen „Ferienkurse für internationale neue Musik“, gegründet. Früh wurde aus dem Treffen avancierter Künstlerinnen und Künstler zum Nachholen von verpasster Musikgeschichte ein Ort der hitzigen Musikreflexion. Doch niemand konnte ahnen, dass dieses Mekka der Neuen Musik noch 70 Jahre später Bestand haben würde. Dieses Jubiläum veranlasste die Veranstalter der diesjährigen Ferienkurse zur Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Zukunft.
Ein Artikel von Juana Zimmermann

Darmstadt kann man als stereotyp für eine deutsche Stadt beschreiben, die knapp den Großstadtstatus hält und nach dem Zweiten Weltkrieg mit Betonbauten übereilt wieder aufgebaut wurde. Die Stadt und ihre Menschen merken nichts davon, dass sie seit nun 70 Jahren ein Schmelztiegel der sich selbst so bezeichnenden musikalischen Avantgarde sind. Die Teilnehmer der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik hingegen waren in diesem Jahr gezwungen, viel von der hessischen Stadt im Schatten Frankfurts zu sehen. Die Eröffnung im Darmstadium der TU Darmstadt in der Stadtmitte, die Begrüßung der Kursteilnehmenden in der Böllenfalltorhalle, gleich neben dem Stadion des stadteigenen Bundesligavereins am Stadtrand, und die Kurse, Panels, Lectures und Diskussionen wiederum einen Stadtteil weiter in der Lichtenbergschule. Es handelt sich eben in erster Linie um eine Sommerakademie und nicht um ein Festival. Wer hier hin kommt, will arbeiten, lernen und diskutieren.

Das Motto der diesjährigen Ferienkurse lautete „Shall we attack the future or dig up the past?“. Diese Frage entstammt keinem Band berühmter Philosophen-Zitate, sondern sie fiel in der Vorbereitung. Irvine Arditti, Gründer des mit den Ferienkursen eng verbundenen Arditti-Quartetts, stellte sie dem Künstlerischen Leiter der Ferienkurse und Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD) Thomas Schäfer, der sie zum Motto machte und das ganze Programm daran ausrichtete. Und so wurden sechzehn Tage Ferienkurse eine Mischung aus Bewährtem und Neuem, Bekanntem und Fremden, Jungem und Altem, Schwierigem und Leichtem.

Kunst will das, was noch nicht war, doch alles, was sie ist, war schon. (Adorno)

Gemeinsam mit der Performerkompanie Rosas eröffnete das Ensemble Ictus die Ferienkurse mit Gérard Griseys „Vortex Temporum“. Und damit gaben sie den Startschuss für zwei Wochen gewaltiges Programm aus dem Spektrum Neuer Musik. Auch nach 70 Jahren steht das Neue und die Zukunft immer noch im Fokus.

So kam es zu insgesamt dreißig Uraufführungen. Weil besonders und viel diskutiert, sollen zwei davon exemplarisch genannt werden: Jennifer Walshes führte gemeinsam mit dem Arditti-Quartett ihr Sound-Videowerk „EVERYTHING IS IMPORTANT“ auf. Man hatte das Gefühl, dass alles, was Neue Musik zur Zeit zu bieten hat, aufgefahren wurde. Ein Kammerensemble, das historische Klänge produziert, neben Jennifer Walshe selbst, die als Sängerin fungiert und die Weiten von Sprache und Gesang aufzeigt, natürlich elektronische Klänge bis zur fulminanten Videoprojektion.

Dabei bewies nicht nur Jennifer Walshe, dass sie eine großartige Komponistin und Performerin ist, sondern auch die Ardittis zeigten, dass sie mit ihren musikalischen Meisterleistungen auch über sich selbst lachen können. Ashley Fure, Preisträgerin des Kranichsteiner-Preises 2014 präsentierte ihre Konzert-Installation „The Force of Things. An Opera for Objects“. Umsäumt von Stoffen und Metallseilen saß der Zuschauer auf Turnmatten und fühlte sich wie in einem Zelt. Das International Contemporary Ensemble positionierte und bewegte sich feengleich darum herum und bespielte und verwandelte den Raum mit Klang und Licht. Es war ein Werk, das einen in den Bann zog, danach lange nicht losließ.

Aber in Darmstadt wird grundsätzlich alles wohlwollend aufgenommen. Die wahren Jubelstürme ernteten dann hingegen doch meistens die etablierten Ensembles und Komponierenden. Als am vorletzten Abend das hr-Sinfonieorchester Helmut Lachenmanns „Air“ und Brian Ferneyhoughs „Firecycle Beta“ interpretierte, war das Publikum kaum zu halten, und eine Zugabe blieb wohl nur auf Grund des sehr aufwändigen Aufbaus aus. Auch die Präsentation einer neuen Klarinette, der Clarinet extended (CLEX) zog rege Aufmerksamkeit auf sich. Summarisch kann man sagen, dass jeder Liebhaber, Fan und Kenner der Neuen Musik auf seine Kosten kommen konnte: eine Kontrabassklarinette, die im Gegensatz zu anderen Modellen wenig Kompromisse, sei es Spieltechnik oder Klang, eingehen muss, da sie mechatronisch gesteuert wird.

Diversität und Gerechtigkeit

Ein neues Kapitel wurde in Darmstadt in Sachen Gerechtigkeit und Diversität aufgeschlagen. Auch die reflektierte und akademische Szene der Neuen Musik ist nicht vor Diskriminierung gefeit. So waren in den ersten Jahren wenige bis gar keine Komponistinnen in Person oder qua ihrer Werke anwesend. Auch wenn es sich in den vergangenen Jahren exponentiell verbesserte, muss man immer noch eine Unterrepräsentation von Frauen feststellen. Deshalb wurde nun das Projekt Gender Relations in Darmstadt (GRID) ausgerufen. Entstanden ist es aus dem ebenso in diesem Jahr durchgeführten historage-Projekt, welches von Michael Rebhahn kuratiert wurde.

Zehn Künstlerinnen und Künstler wurden eingeladen, sich mit dem Archivmaterial des IMD künstlerisch auseinanderzusetzen und in Ausstellungen zu präsentierten. Dazu wurde auch Ashley Fure angefragt, die jedoch das viel spannender empfand, was im Archiv fehlt. So zählte sie aus, erstellte Statistiken und begründete GRID: einen Think Tank, der sich in vielfältigen Programmpunkten ausdrückte und hoffentlich über die Ferienkurse 2016 hinaus bestehen bleibt. GRID könnte das sein, woran man  sich in der Historie rückblickend erinnern wird.

Gewürdigt und prämiert

Im Rahmen der Ferienkurse wird nicht nur Arbeit begonnen, sondern auch bereits vollbrachte gewürdigt und prämiert. Das Staatstheater Darmstadt schloss seinen ersten Internationalen Musiktheaterwettbewerb an und band die Uraufführungen der fünf Final-Stücke, die dabei von einer Jury beurteilt wurden, in das Programm mit ein. Es gewann die israelische Komponistin Sievan Cohen Elias mit ihrer Szene „…onion“. Sivan Cohen Elias erhielt damit einen Kompositionsauftrag für ein abendfüllendes Musiktheaterwerk.

Der Reinhard-Schulz-Preis für Nachwuchspublizierende, die sich besonders in der Neuen Musik verdient gemacht haben, ging an Theresa Beyer. Die Jury zeichnete die SRF2-Redakteurin aus, da sie die musikalischen Schwingungen der Gegenwart in ihren Radiobeiträgen auf eine besonders gelungene Weise einfange und sich dabei an ein breites Publikum wende.

Während der Ferienkurse gab es drei Menschen, die sich wohl den meisten Stress machten, wirklich alles und jeden zu erleben: die Jurorinnen und Juroren des Kranichsteiner-Musikpreises Joanna Bailie, Thorbjørn Tønder Hansen und Eva Zöllner. Dieser wird an teilnehmende Komponisten/-innen, Musiker/-innen und Ensembles vergeben. Beurteilt wird an Hand der Konzerte im Rahmen der Ferienkurse. Die diesjährigen Gewinner sind die Komponistin Celeste Oram und der Posaunist Weston Olencki. Der Preis ist mit jeweils 3.000 EUR dotiert.

Das war #Summercourse16

Die Darmstädter Ferienkurse sind ein gewaltiges Szene-Treffen. Von Johannes Kreidler, dessen Werk „Fantasies of Downfall“ uraufgeführt wurde, über Patrick Frank, der sich über mehrere Tage mit dem Thema „Kritik“ in einer spontanen Arbeitsgruppe auseinandersetzte, bis zum Komponisten Dror Feiler, den man überall – in Diskussionen über Politik und Philosophie, als Dozent für Komposition, als Zuhörer oder als Musiker bei Impro-Session – antreffen konnte. Kaum einer ließ es sich nehmen, persönlich anwesend zu sein: Helmut Lachenmann, Hannes Seidel, Brian Ferneyhough, Claus-Steffen Mahnkopf und Mark Andre, um nur einige zu nennen, kamen vorbei. Die Darmstädter Ferienkurse sind immer noch einer der Momente im Jahr, an dem man für Neue Musik anstehen muss und auch manches Mal keinen Platz findet. Hier raucht man noch eine Packung am Tag und trinkt ab zwölf Uhr mittags. Ja, ein wenig werden die alten Zeiten hochgehalten. Ob die Zukunft angegriffen wurde? Ob ein neues Zeitalter mit den diesjährigen Kursen begonnen hat? Ob der nächste Neue-Musik-Star seinen ersten Auftritt hatte? Das wird wohl nur die Zukunft ausgraben können.

Das könnte Sie auch interessieren: