Architektur mit Zischen und Kratzen

Hätte die Biennale bereichert: „Leuchtturmprojekt (mit Epilog im Himmel)“ in München


(nmz) -
Das „Faust-Festival“ in München war nicht wirklich der geeignete Ort für diese Uraufführung. Besser wäre die Münchener Biennale für neues Musiktheater gewesen. Hier hätte das „Leuchtturmprojekt (mit Epilog im Himmel)“ nicht nur perfekt gepasst, sondern: Es hätte das Programm der diesjährigen Biennale fraglos bereichert. Leider ist es im Vorfeld zu keinem Kontakt gekommen. Dabei wurde eine Musik-Performance realisiert, die man so schnell nicht vergessen wird.
Ein Artikel von Marco Frei

Hinter dem Projekt verbirgt sich eine „musikalische Entdeckungsreise“ durch das Werk3-Gebäude im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof in München, zugleich die zukünftige Heimat des neuen Konzertsaals. Initiiert wurde die Uraufführung von der „White Box“. Die Musik stammt von Manuela Kerer aus Brixen, und Mirko Hecktor hat das inszenierte Raumkonzept entworfen. Für dieses Projekt haben das Münchener Kammerorchester (MKO) und die Trondheim Voices aus Norwegen erstmals zusammengearbeitet.

Gemeinsam bespielten sie das gesamte Gebäude: zunächst in Teil-Ensembles, dann in Gänze vereint. Der Startschuss fiel in der „White Box“ im zweiten Stock. Hier zelebrierten einzelne Streicher geräuschhafte Klangaktionen, mit dem performenden MKO-Chefdirigenten Clemens Schuldt in der Mitte. Auf die Wände ringsherum wurden Videos projiziert. Sie zeigten die weiteren Räume des Gebäudes: eine Art Ouvertüre für die spätere Besichtigungstour. Diese Tour, angeleitet durch stumme Maskenmenschen, führte zunächst durch einen Gang.

Hier hingen die Trondheimer Frauen trällernd von der Decke. Wie nordische Waldgeister gerierten sie sich, mit passend verwegener Garderobe. Ihr Flüs-tern und Zischen, Gurren und Summen setzte die geräuschaften Klangaktionen der Streicher fort. In einem Atelier wurden diese Vokalisen von den sieben Frauen zu einer Art Klangkathedrale gebündelt. Das alles changierte zwischen experimentellem Jazz und Neuer Musik. Im Fahrstuhl ging es bergab, musikalisch begleitet von einer Kontrabassistin oder einem Geiger. Später wurde auch das Treppenhaus beschallt. Die Tiefgarage war mehr eine Durchgangsstation, bis man sich im Büro einer Werbeagentur befand. Auf mehreren Ebenen wurde musiziert. Oben standen die Sänger, an den Tischen unten die Streicher. Mitten im Publikum dirigierte Schuldt. Zum „Epilog im Himmel“ ging es hinauf in luftige Höhe: auf das Dach des Werk3-Gebäudes. Von hier oben reicht der Blick weit über die Stadt und zu den Alpen.

Hier vereinte sich das MKO mit den Trondheimern zu einem Großensemble. Dabei zeigte sich, dass die Münchner und die Norweger bestens zusammenpassen. Auf Nachfrage wurde bestätigt, dass man in Kontakt bleiben wolle. Die Biennale-Leitung darf sich hingegen gescheit ärgern, denn: Ihnen ist dieses Projekt durch die Lappen gegangen. Dabei wurde exemplarisch vorgelebt, wie man ungewöhnliche Spielorte originell erschließen kann. Genau dies ist eigentlich die neue Linie bei der Biennale.

Das könnte Sie auch interessieren: