Aspekte des Körperlichen in Neuer Musik

Jörn Peter Hiekel im Gespräch mit der neuen musikzeitung


(nmz) -
Vom 30. März bis zum 2. April 2016 findet die 70. Frühjahrstagung „Body sounds“ des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung statt.
Ein Artikel von Jörn Peter Hiekel, Theresa Awiszus

neue musikzeitung: Förderung von Neuer Musik in allen Bereichen und die pädagogische Vermittlung dessen – das ist seit 70 Jahren die Aufgabe des INMM: Welches Publikum wollen Sie heute erreichen und in welcher Form gehen Sie dabei auf das Jubiläum ein?

Jörn Peter Hiekel: Zum Publikum der Frühjahrstagungen gehören seit einiger Zeit bemerkenswert viele jüngere Menschen – ganz besonders Studierende verschiedenster musikbezogener Fächer. Aber tatsächlich ist Breite unseres Ansatzes auch ein Ausdruck für das sehr breit gefächerte Zielpublikum der Tagungen. Das von Ihnen erwähnte Jubiläum ist Anlass unter anderem für ein Sonderprojekt – einen Workshop des englischen Stimmperformers und Improvisators Phil Minton, der ausdrücklich auch Menschen ansprechen möchte, die nicht gut oder überhaupt nicht singen können (oder dies zumindest glauben). „The Feral Choir“ heißt es – „der wilde, ungezähmte Chor“. Und es akzentuiert einen wichtigen Teilaspekt unseres Themas – nämlich das Atmen.

nmz: Wie kommt man auf das Thema Körper und Musik? Gibt es einen konkreten Anlass dafür?

Hiekel: Die Tagungsthemen sind ja seit Jahren bewusst so gewählt, dass sie eine besondere Aktualität oder sogar Dringlichkeit besitzen. Das hat bei einem Thema wie diesem auch damit zu tun, dass Fragen der Körperlichkeit zwar einerseits für Musik aller Epochen geltend gemacht werden können oder sogar müssen, aber diese andererseits in den verschiedensten Fächern (unter anderem Musikpädagogik und Musikwissenschaft) lange Zeit nur unzureichend berücksichtigt wurden. Gleiches gilt für den außerordentlichen Facettenreichtum von Neuer Musik, gerade unter dem Aspekt des Körperlichen.

nmz: Es wird angekündigt, dass das Thema Körperlichkeit während der Tagung in Vorträgen, Konzerten und Workshops „erfahrbar“ gemacht werden soll. Wie viel Praxis oder vielleicht auch Experimente mit dem eigenen Körper darf das Publikum erwarten?

Hiekel: „Erfahren“ heißt bei unseren Tagungen tatsächlich schon seit vielen Jahren und in immer noch wachsendem Maße, dass es eine Verschränkung von praktischen Workshops mit theoretischer Reflexion und natürlich auch mit Konzerten gibt. Gerade diese Tendenz wird passend zum Thema in diesem Jahr noch verstärkt. Denn es gibt erstens eine dichte Folge von Lecture-Performances, in denen das Körperthema aus der Perspektive der Darbietung und Interpretation von Musik erfahrbar gemacht wird. Und angeboten werden zweitens etliche Workshops, in denen die Teilnehmenden selbst aktiv werden können. Neben der schon erwähnten Veranstaltung mit Phil Minton sind das etwa auch spezielle körperbezogene Workshops für Kinder und Jugendliche sowie ein Interpretationskurs.

nmz: Hoffmann, Holliger, Huber, Walshe und Waltz – sie verkörpern ein breites Spektrum an künstlerischen Positionen. Was war das Ziel bei dieser Auswahl?

Hiekel: Es war in der Tat unser Ziel, das Spektrum der unterschiedlichen Ansätze groß zu halten. Neben den von Ihnen Genannten und neben dem schon erwähnten Phil Minton sind hier noch einige weitere Namen zu nennen: Clemens Gadenstätter, Uwe Rasch, Alexander Schubert oder Gerhard Stäbler etwa, die allesamt in Performances oder Vorträgen ihre zum Teil wirklich ungewöhnlichen kompositorischen Ansätze des Umgangs mit dem Element des Körpers vorstellen werden. Gut, dass Sie auch Sasha Waltz erwähnen. Denn sie steht dafür, dass bei unseren Tagungen immer wieder wichtige Persönlichkeiten künstlerischer Nachbarbereiche präsent sind.

Interview: Theresa Awiszus

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