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50 Jahre SWR Experimentalstudio Freiburg · Von Stefan Jena


(nmz) -
Als Karlheinz Stockhausen vor 70 Jahren begann, im Studio des WDR in Köln mit elektronischen Klangerzeugern zu arbeiten, war das utopische Potenzial dieser neuen Musik groß. Nicht weniger als die vollständige Kontrolle über die Welt der Klangfarben und die Er­oberung des Raumes wollte man gewinnen. Aber erst als die Elektronik sich mit den Instrumenten verbündete, als die technischen Voraussetzungen für die Live-Elektronik sich zu entwickeln begannen, nahm diese Utopie Gestalt an. Gerade zur rechten Zeit mithin, in einer Phase des Aufbruchs, wurde 1971 das Experimentalstudio gegründet. Dass der Elan der Gründerjahre bis heute lebendig ist, kennzeichnet den einzigartigen Rang dieser Institution.
Ein Artikel von Stefan Jena

Die Anfänge

Die Geschichte des Experimentalstudios beginnt mit zwei Kompositionsaufträgen, die Heinrich Strobel für die Donaueschinger Musiktage 1970 an Cristóbal Halffter und Karlheinz Stockhausen erteilte. Halffters „Planto por las victimas de la violencia“ und Stockhausens MANTRA inspirierten den Funktechniker Peter Lawo und den Aufnahmeleiter Hans Peter Haller zur Entwicklung neuer Geräte. Unter anderem entstand ein Gerät zur Steuerung des Klanges im Raum, das Halaphon (Haller-Lawo), das bis heute zahlreiche Kompositionen prägt.

Strobel starb 1970, zwei Jahre vorher war anlässlich seines 70. Geburtstages die Heinrich-Strobel-Stiftung ins Leben gerufen worden. Es war vor allem Otto Tomek, dem Hauptabteilungsleiter Musik im Südwestfunk Baden-Baden, zu verdanken, dass 1971 im Rahmen der Stiftung das Experimentalstudio gegründet werden konnte. In den Räumlichkeiten des SWF-Regionalstudios in Günterstal bei Freiburg standen Haller fünf Mitarbeiter zur Verfügung. Das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestfunks e.V., wie der ursprüngliche Name lautete, hatte seinen ersten öffentlichen Auftritt beim Steirischen Herbst in Graz 1972.

Eines der ersten Werke, das die komplette Technik des Studios nutzte, war Pierre Boulez’ „…explosante-fixe…“ in der Fassung für acht Instrumente und Live-Elektronik (1973). Zum Einsatz kamen Halaphon (für Raumklang über sechs Lautsprecher), Filter, Hall, Ringmodulator, Verzögerungsmaschine und die von Boulez besonders geschätzten Gates, die eine wechselseitige Beeinflussung der Interpreten ermöglichten (so kann eine bestimmte Dynamik in einem Instrument einen live-elektronischen Effekt, beispielsweise die Änderung des Klangortes eines anderen Instruments auslösen).

Die 1980er Jahren standen ganz unter dem Einfluss von Luigi Nono, der in Freiburg unter Mitwirkung des Experimentalstudios den größten Teil seines Spätwerks schuf. Das zentrale Freiburger Werk dieser Ära ist der Prometeo (1984), der in Nonos vorangegangenen Werken deutlich vorbereitet ist. Neue Spieltechniken, Transpositionen mit Mikrointervallen, Klangbewegungen mit dem Halaphon, Verwendung des Vocoders, Langzeitverzögerung von Signalen, Phasenverschiebungen und Gatesteuerung hatte Nono in anderen Werken bereits gründlich erforscht. Haller schrieb: „die elektronische Klangerweiterung für Prometeo ist eine Zusammenfassung aller seiner neuen Klanggestalten, Klangräume aus den Werken von 1981 bis 1983.“

Nonos Arbeit war – das hat Haller ausführlich dokumentiert[i] – immer am klanglichen Ergebnis ausgerichtet, niemals an den speziellen Charakteristika der Geräte, für deren technische Details er sich wenig interessierte. In vielen Fällen entstanden kompositorisch verwertbare Klänge in gemeinsamen Experimenten Nonos mit den Interpreten und den Klangregisseuren, denen er die Werke auf den Leib schrieb. Und für Nono war klar, dass eine Komposition wie das „Post-prae-ludium n. 1 per Donau“ für Tuba und Live-Elektronik kein Solowerk ist, sondern Kammermusik für mehrere Ausführende, hier einen Tuba-Spieler und zwei Klangregisseure. Die Klangregisseure sind Musiker, gerade im Experimentalstudio prägt diese Aufgabe seit jeher ihr Selbstverständnis.

Von der Digitalisierung bis heute

1989 wird der Schweizer Komponist und Dirigent André Richard Nachfolger von Haller als Leiter des Experimentalstudios. In die Ära Richard fallen der Umzug in das Rundfunkgebäude in Freiburg (1992) und die entscheidenden Schritte zur Digitalisierung des Studios. Sie reichen von der Entwicklung eines digital steuerbaren Koppelfelds (1988) über die erste digitale Filterbank (1989–92), den computergesteuerten Matrix-Mixer (1993–96) bis zum AreCController (2002–05), der für das Experimentalstudio entwickelt wurde und eines seiner technischen Alleinstellungsmerkmale darstellt.

Seit 2005 wird der Matrix-Mixer nach und nach durch Matrix[ii], ein integriertes System aus Hard- und Software ersetzt, das besonders große Rechenkapazitäten zur Verfügung stellen kann, wie sie für Live-Konzerte oft erforderlich sind. Musikalisch ist die bis 2005 reichende Amtszeit von Richard geprägt durch eine große Zahl sehr unterschiedlicher Komponisten und Werke. Dieter Schnebel ist hier hervorzuheben, er fungierte ab 1987 auch einige Jahre als künstlerischer Berater des Studios.

2006 wird Detlef Heusinger, der, beginnend mit der Oper „Der Turm“, seit 1989 schon mehrere eigene Kompositionen mit dem Studio realisiert hatte, neuer künstlerischer Leiter des Experimentalstudios. Unter seiner Ägide öffnet sich das Studio weiter. Zahlreiche prominente Komponisten und Komponistinnen haben in den letzten Jahren mehrmals in Freiburg gearbeitet: Dániel Péter Biró, Brian Ferneyhough, Vinko Globokar, Georg Friedrich Haas, Bernhard Lang, Claus-Steffen Mahnkopf, Brice Pauset, Johannes Maria Staud, José María Sánchez Verdú und viele mehr. Eine besonders enge Beziehung zum Freiburger Studio pflegen schon durch die Zahl ihrer Werke Chaya Czernowin und Mark Andre.

Junge Komponisten haben seit 2009 alljährlich die Gelegenheit, im Rahmen der der matrix-Akademie, einer Seminar-, Unterrichts- und Aktionswoche, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und die Arbeit des Studios aus der Nähe zu erleben. Die Idee, junge Künstler*innen zu fördern, führte 2011 auch zur Gründung des Ensembles Experimental, das unter der Leitung von Detlef Heusinger mittlerweile zu einem international renommierten Ensemble für die Aufführung live-elektronischer Musik geworden ist.

Die Offenheit für neue Projekte bestimmt den Alltag im Studio. In meist mehrwöchigen, durch Stipendien finanzierten Aufenthalten arbeiten Komponisten gemeinsam mit den Klangregisseuren an ihren aktuellen Projekten. Daneben aber gilt es auch, die Digitalisierung des historischen Equipments beziehungsweise dessen Ersatz durch entsprechende Software voranzutreiben: Hallgeräte, Harmonizer, Filter, Sampler und diverse Effektgeräte, die in der analogen Ära oder zu Beginn des digitalen Zeitalters in Verwendung waren, müssen in aktuelle Hard- und Software übertragen werden, so dass die historisch getreue Aufführung von älteren Werken der Live-Elektronik gewährleistet bleibt.

Auch wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation werden unter Heusingers Ägide vorangetrieben. Der Internetauftritt des Experimentalstudios wurde erneuert und wird laufend aktualisiert. Die Website enthält unter anderem einen interaktiven Rundgang durch das Studio, diverse Konzertvideos sowie die im letzten Jahr erschienene, äußerst sehenswerte TV-Dokumentation von Karl Thumm. 2019 erschien ein Buch, das in Werkstattberichten, Porträts und Interviews verschiedene technische und ästhetische Ansätze der elektronischen Musik beleuchtet.3 Eine Reihe von CDs dokumentiert das Wirken des Experimentalstudios sowohl mit neuen Aufführungen von Werken des mittlerweile schon klassischen Repertoires (Nono, Boulez u.a.) als auch mit Interpretationen von Kompositionen der letzten Jahre (Andre, Czernowin, Heusinger u.a.). In Kooperation mit NEOS und der Fundación BBVA werden musikalisch und technisch herausragende SACDs produziert.[iii]

Die Festkonzerte

Nun feierte das SWR Experimentalstudio, wie es heute heißt, sein 50jähriges Bestehen mit zwei Konzerten, die von Detlef Heusinger klug zusammengestellt und teilweise dirigiert wurden. Mitglieder des Ensembles Experimental und hervorragende Solist*innen ermöglichten eine Zeitreise rückwärts durch die Geschichte des Studios. Zwei Uraufführungen standen auf dem Programm: die pfiffig theatralischen „Three skEtches“ von Márton Illés und „Auf die Lider“ von Marta Gentilucci, das durch ein besonders komplexes Zusammenspiel von Elektronik, Schlagzeug und Sopran zu faszinieren wusste. Roque Rivas’ „Blumentanz“ hat alle Zutaten, um ein breitenwirksamer Klassiker zu werden: elegische Cellomusik mit altbekannten Topoi aus der Literatur des Instruments, die durch gut nachvollziehbare elektronische Effekte zeitlich verlängert und in den Raum entfaltet werden, um mit dem Live-Klang in Dia­log zu treten. Und schließlich konnte man an Luigi Nonos „Quando stanno morendo. Diario polacco No. 2“ erleben, wie frisch manche Klassiker der Live-Elektronik bis heute sind. Die Intimität und Schutzlosigkeit, die Nonos Klänge im Zusammenwirken von Stimmen, Instrumenten und Elektronik auszeichnet, birgt einen humanistischen Apell, der an Wirkung nicht verloren hat (Vergleichbares findet man heute selten, am ehesten in der Musik von Mark Andre). Am zweiten Abend dann das Werk, mit dem alles begonnen hat: Das Klavierduo GrauSchumacher mit Michael Acker (Klangregie) bot eine sensationelle Aufführung von Stockhausens MANTRA. Die atemberaubende Präzision und der Esprit der beiden Pianisten sowie die stimmige Klangregie (mit moderner Technik, an der Stockhausen seine Freude gehabt hätte), ließen einen weiteren Klassiker der frühen Live-Elektronik leuchten.

Trotz der Aktualität solcher Klassiker: In der elektronischen Musik rächt es sich mehr als in anderer Musik, wenn man hinter dem Stand der Zeit zurückbleibt. Werke können im schlimmsten Fall unaufführbar werden, wenn Hard- oder Software nicht mehr verfügbar ist. Sie können frühzeitig altern, wenn sie zu sehr auf Effekte setzen, die wenig später technisch deutlich verbessert werden. Immer auf dem Stand der Technik und des Materials zu sein ist dem Experimentalstudio gelungen. Kunststück, wenn man diesen Stand selber erarbeitet und vorgibt! Man darf von Herzen gratulieren – und für die Zukunft viele spannende Werke erwarten.

Anmerkungen:


[i] Hans Peter Haller: Das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestfunks Freiburg 1971–1989. Die Erforschung der Elektronischen Klangumformung und ihre Geschichte. Baden-Baden, Nomos-Verlag 1995.

[ii] Dániel Péter Biró, Jonathan Goldman, Detlef Heusinger, Constanze Stratz (Hg.): Live Electronics im/in the SWR Experimentalstudio. Hofheim, Wolke-Verlag 2019.

[iii] 2015 erschien eine zweiteilige Anthologie mit Werken aus dem Experimentalstudio (NEOS 11515-16). Eine besondere Empfehlung wert sind beispielsweise auch Roberto Fabbricianis Aufnahme von Luigi Nonos „Das atmende Klarsein“ (col legno 20600), die Aufnahme von Mark Andres Klarinettenkonzert in Donaueschingen 2015 (auf NEOS 11611-12), Pierre Boulez’ „Anthèmes 1 & 2“ und der „Dialogue de l‘ombre double“ (mit Carolin und Jörg Widmann, NEOS 12104); sowie Detlef Heusingers „Lulu’s Dream“ (NEOS 12107).

 

Hans Peter Haller und Otto Tomek mit dem Halaphon. Foto: SWR/Käte Krome r

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