Auf zur Knochenparade!


(nmz) -

Anachronistisch sei „der Glaube an strukturelles Denken. Dafür setzt man Monate seines Lebens ein, und das hört keiner und interessiert keinen. Man verliert sein Leben darüber. Es ist das Perverse unseres Musikbetriebs. Er ist auf Uraufführungen fixiert, dafür produzieren wir. Es geht dem Betrieb um die Uraufführung, um diesen Event, nicht um die Musik. Das heißt für uns, dass wir uns ständig immer etwas Neues aus dem Hirn saugen müssen." Wir zitieren Olga Neuwirth, aus einem Gespräch, abgedruckt im Programmheft der letzten Schwazer Klangspuren. Das Bild ängstigt: Komponisten als Rädchen in einer brav funktionierenden Gesellschaft mit dem Primat der Wirtschaft über alle (Kultur-)Politik und Lebensbereiche. Und der Fetisch Wachstum waltet längst auch hier: Gefordert ist die Massenfertigung des glanzvoll Immerneuen mit der Kehrseite besinnungslosen Konsums. Bis zum finalen Hörkollaps. Festivals zeitgenössischer Musik als heimliche Paraden des Geldgeists? Uraufführungen als Events, deren zugrundeliegende Hirn- und Herzleistung niemand mehr interessiert?

Ein Artikel von Michael Zwenzner

Anachronistisch sei „der Glaube an strukturelles Denken. Dafür setzt man Monate seines Lebens ein, und das hört keiner und interessiert keinen. Man verliert sein Leben darüber. Es ist das Perverse unseres Musikbetriebs. Er ist auf Uraufführungen fixiert, dafür produzieren wir. Es geht dem Betrieb um die Uraufführung, um diesen Event, nicht um die Musik. Das heißt für uns, dass wir uns ständig immer etwas Neues aus dem Hirn saugen müssen.” Wir zitieren Olga Neuwirth, aus einem Gespräch, abgedruckt im Programmheft der letzten Schwazer Klangspuren. Das Bild ängstigt: Komponisten als Rädchen in einer brav funktionierenden Gesellschaft mit dem Primat der Wirtschaft über alle (Kultur-)Politik und Lebensbereiche. Und der Fetisch Wachstum waltet längst auch hier: Gefordert ist die Massenfertigung des glanzvoll Immerneuen mit der Kehrseite besinnungslosen Konsums. Bis zum finalen Hörkollaps. Festivals zeitgenössischer Musik als heimliche Paraden des Geldgeists? Uraufführungen als Events, deren zugrundeliegende Hirn- und Herzleistung niemand mehr interessiert? Nicht solange Künstler wie Olga Neuwirth mit ihren Zweifeln immer wieder die Herausforderung dieses gesellschaftlichen Wahnsinns annehmen; und ohne dabei in die unheimliche Routine „letzter Großkomponisten” wie Wolfgang Rihm oder Magnus Lindberg zu verfallen: Rihm vertonte jüngst vier Rilke-Gedichte (UA 2.2., Stuttgart), Lindberg liefert sein neuestes großorchestrales Opus „Parada” (6.2., Basingstoke). Eine weitere „Parade – Musiktheater auf dem Laufsteg” als musikszenisches Projekt (mit Beiträgen von neun Komponisten) soll hier stellvertretend für die vielen Novitäten im Rahmen des Stuttgarter Festivals „Éclat” (30.1.-4.2.) stehen. Allerdings ist hier auch Querständiges zu erwarten, etwa wenn Eliav Brand sein „Porträt des jungen Künstlers als Zielscheibe” für Mezzosopran, Alt und Ensemble mitbringt. Glaubt man den Titeln, so handelt es sich auch bei den neuen Kompositionen von Olga Neuwirth, Erik Mikael Karlsson und Johannes Fritsch eher um solche aus dem „beschädigten Leben” (Adorno): Neuwirths „Torsion” für Fagott und Ensemble erklingt erstmals im Rahmen des Festival Présences Paris (weitere Uraufführungen bis 16.2.); Erik Mikael Karlsson liefert ein „Still Life with Wound” für Sopran und alte Instrumente (19.2., Stockholm) und Johannes Fritsch komponierte auch eine Parade, allerdings eine für Knochen: Osteophonie für vier Schlagzeuger am 2. Februar in Köln.

Weitere Uraufführungen und Termine

30.01.-04.02.2002: Festival Éclat. Uraufführungen von Sidney Corbett, Andreas Dohmen, Alan Hilario, York Höller, Mauricio Kagel, Claus-Steffen Mahnkopf, Héctor Moro, Wolfgang Motz, Mark Osborn, Stefano Scodanibbio, Oscar Strasnoy, Michael Svoboda, Jerry Willingham, Stuttgart

30.01.-16.02.2002: Festival Présences. Uraufführungen von Qigang Chen, Guy Reibel, Frédéric Durieux, Aurel Stroe, Alejandro Vinao, Michel Redolfi, Thierry de Mey, Marc Ducret u.v.a., Paris

07.02.2002: Laurent Petitgirard: Joseph Merrick dit Elephant Man. Oper in vier Akten, Prag

08.02.2002: Vadim Karassikov: The Vectors of the Echo Slipping Away für Ensemble, Frankfurt
08.02.2002: Alexander Raskatov: Neues Werk für Chor und Ensemble, Amsterdam
08.02.2002: Olga Neuwirth: Locus…doublure…solus für Klavier und Orchester (UA der Orchesterfassung), Antwerpen

: Kevin Volans: Concerto for Orchestra, BBC London

: Franck C. Yeznikian: Un crible en estreintes für drei Blockflöten, Stuttgart

: Robert Coburn: PatternsLuminous für Computer, Shakuhachi; Neues Werk für Computer, Tenor, Klavier; Francois Rossé: Demain oublié für Sextett; Lüneburg

: Marco Stroppa: Miniature estrose – Zyklus für Klavier, WDR Köln

20.02.2002: Toshio Hosokawa: Neues Werk für Orchester, Tokyo
20.02.2002: Harald Muenz: The Self Composer for sight-reading oboist and laptop, Berlin (Kulturbrauerei)

21.02.2002: Steve Martland: Percussion Concerto, BBC London

22.02.2002: Steven Mackey: Pedal Tones für Orgel und Orchester, San Francisco

23.02.2002: Gavin Bryars: „G” – Oper, Staatstheater Mainz

27.02.2002: David Coleman: Neues Werk für Stimmen; Caspar Johannes Walter: Doppelgesicht für 5 Stimmen und Trompete, Leipzig
27.02.2002: Harrison Birtwistle: Saraband: The Kings Farewell für Klavier, London

28.02.2002: Pascal Dusapin: Etudes 1-7 für Klavier (UA der vollständigen Fassung), Stuttgart
28.02.2002: Gil Shohat: Deutsche Symphonie nach Texten von Else Lasker-Schüler, Bochum

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